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Die Entschlüsselung einer Volkskrankheit

Von Richard E. Schneider

Wissen
20.000 solche Plakate informieren Schüler. Foto: ÖDG

Berliner Forscher untersuchten die "Serotoninylierung". | Neuer Ansatz für Diabetes-Therapie. | Große Kampagne an Schulen vor dem Welt-Diabetes-Tag. | Tübingen. Die Volkskrankheit Diabetes, meist verursacht durch mangelnde Bewegung, Übergewicht oder falsche Ernährung, kostet die Gesundheitssysteme weltweit Milliarden Euro. Nun entdeckten zwei Berliner Forscher der deutschen Max-Planck-Gesellschaft, Diego J. Walther und Nils Paulmann, einen neuen Therapie-Ansatz für Diabetes. Wichtige Vor- und Mitarbeiten leisteten dabei der slowenische Physiologe Marjan Rupnik, Professor in Maribor, und die Veterinärmedizinerin Heidrun Fink, Institutsleiterin an der Freien Universität Berlin.


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Am 14. November findet alljährlich gemäß einer UN-Resolution aus dem Jahr 2006 der "Welt-Diabetes-Tag" statt. In Österreich begann heuer im Frühherbst unter Schirmherrschaft der Österreichischen Diabetes-Gesellschaft (ÖDG) und der Gesellschaft für Kinder- und Jugend-Heilkunde (ÖGKJ) die erste Informations-Kampagne zur Früherkennung von Diabetes Typ-1, die sich vor allem an Schulkinder im Alter von 6-14 Jahren wendet.

Verdopplung vonDiabetes bei Kindern

Geleitet wird die Kampagne, für die unter anderem 20.000 Plakate für österreichische Schulen gedruckt wurden, von Birgit Rami und Edith Schober, Professorinnen an der Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde an der Medizin-Universität Wien. Früherkennung und Vorsorge tun not, denn in den letzten zehn Jahren hat sich nach Mitteilung der ÖDG die Anzahl der Kinder, bei denen Diabetes mellitus diagnostiziert wurde, verdoppelt.

Die ÖDG schätzt die Anzahl der Diabetiker in Österreich auf 50.000 beim Typ-1 und auf über 500.000 beim sogenannten Alters-Diabetes. Typische Symptome sind unmäßiger Durst, Müdigkeit, Sehschwäche und häufiges Wasserlassen. Als "Harnruhr" war Diabetes bereits Hippokrates, dem Urvater der Ärzte, bekannt. Trotz erkannter Auslösefaktoren (Insulinmangel) ist Diabetes generell bisher nicht heilbar, sondern muss medikamentös mit Insulin-Spritzen oder -Pens behandelt werden.

Serotonin ist bisher vor allem als ein im Gehirn von Mensch und Tier vorkommendes Glückshormon bekannt, dessen vermehrte Ausschüttung das Wohlbefinden steigert. Im Rahmen ihrer experimentellen Forschungsarbeit über Serotonin und dessen Implikationen ("Serotoninylierung") in Krankheitsprozessen fanden nun die beiden Max-Planck-Wissenschafter Diego J. Walther und Nils Paulmann, Berlin, heraus, dass das Hormon Serotonin in der Bauchspeicheldrüse die Abgabe des Hormons Insulin aus den Langerhansschen Inselzellen reguliert.

Die Langerhansschen Inselzellen, vom Arzt Paul Langerhans (1847-1888) im Jahr 1869 entdeckt, produzieren das körpereigene Sekret Insulin, das allein für die Regulierung des Blutzuckerspiegels im Körper verantwortlich ist.

Bei Serotonin-Defizit keine Insulinabgabe

Experimentell stellten die Max-Planck-Forscher in ihrer wichtigen Entdeckung nun fest, dass bei Serotonin-defizienten Mäusen keine Abgabe von Insulin zur Senkung des Blutzuckerspiegels nach Mahlzeiten erfolgt. Damit können die mit der Nahrung aufgenommenen Glukose-Mengen nicht mehr zu ihrem Ziel, den Muskel- und Leberzellen, gelangen, deren Energielieferanten sie darstellen.

Die Aufdeckung dieses Zusammenhangs, das heißt die Modulation der Insulin-Abgabe durch Serotonin, erweitert nicht nur den bisherigen Kenntnisstand zur Ätiologie von Diabetes, sondern eröffnet auch neue Therapiewege. Ein erhöhter, unbehandelter Blutzuckerspiegel kann beträchtliche gesundheitliche Schädigungen wie andauernde Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder gar den Todesfall nach sich ziehen.

Experimentell beschäftigten sich Walther und Paulmann bereits zuvor mit Serotonin und dessen kovalenter Bindung an Signalproteine: Die Blutplättchen-Bildung sowie Blutungsstörungen sind ebenfalls mit einer "Serotoninylierung" verknüpft. Von ihrer neu beschriebenen Wirkung des Serotonins kann auch auf monoaminerge Hormone wie Histamin, Dopamin oder Noradrenalin geschlossen werden, sagen die Max-Planck-Forscher. Allerdings entwickelten die Serotonin-defizienten Mäuse keine typischen, mit Diabetes assoziierten Sekundär-Erkrankungen. Auch ihre Lebenserwartung wurde nicht beeinträchtigt.

In ihren sich anschließenden Arbeiten wollen Diego J. Walther und Nils Paulmann weitere Erkenntnisse gewinnen, die speziell Lebensqualität und Lebenserwartung von Diabetikern verbessern sollen.