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Die entzweiten Kurden

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

Kirkuk ist wieder fest in der Hand der irakischen Zentralregierung. Kurdenpräsident Barzani gibt Talabanis Anhängern die Schuld.


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Bagdad. Zwar hat Iraks Regierungschef Haidar al-Abadi am Mittwoch den Abzug der Regierungseinheiten aus der Provinz Kirkuk befohlen. Doch in Bagdads Kurdenviertel Batawin geht die Angst um. Nur noch wenige Autos kommen aus dem Nordirak hier an. Seit dem Referendum über ein unabhängiges Kurdistan am 25. September herrscht Krise zwischen der kurdischen Regionalregierung in Erbil und der irakischen Regierung in Bagdad. Der Besitzer eines Transportunternehmens will nur so viel sagen: "Alle sind zutiefst verunsichert."

Kurdische Fahrer wollen nicht mehr von Erbil nach Bagdad fahren, arabische Fahrer nicht mehr von Bagdad nach Erbil und Suleimanija. Der Unternehmer hat Schwierigkeiten, seine Kundschaft zu bedienen. Im Hotel Sozik nebenan steht der Besitzer in der Tür und wartet auf Gäste. Seit dem Referendum ist sein Hotel leer. Und mit dem Verlust Kirkuks werde nun alles noch schlimmer, prophezeit der Hotelbesitzer. Die Lage sei hochexplosiv. Mehr wolle auch er nicht dazu sagen. Ein falsches Wort und es könnte explodieren - selbst in Bagdad. Im Schnellrestaurant Suleimanija gegenüber ist der Besitzer bereit, seine Meinung über seine Heimat auszusprechen. "Die Kurden haben doch das Recht auf einen eigenen Staat", sagt Akram Mahmoud, "es haben ja auch über 90 Prozent zugestimmt". Schätzungsweise eine Million kurdischstämmige Iraker leben in der Hauptstadt Bagdad, gut fünf Millionen in den Kurdengebieten.

Zwischen den Stühlen

Die kurdischen Organisationen in Bagdad haben sich lange Zeit gelassen, bis sie sich positionierten. Doch nun stimmen auch sie in den Chor der internationalen Gemeinschaft ein, die die Regierung in Bagdad in ihrer Ablehnung des Referendums unterstützen. Trotzdem fühlen sich viele von ihnen zwischen den Stühlen im Streit zwischen der autonomen Region ihrer Heimat und ihrem Lebensmittelpunkt Bagdad. Als die irakische Regierung Truppen nach Kirkuk schickte, um die kurdischen Peschmerga von dort zu vertreiben, erklärte Premierminister al-Abadi das Referendum für null und nichtig.

Das Problem dabei waren nicht so sehr die vier kurdischen Provinzen Erbil, Dohuk, Suleimanija und Halabja im Nordosten Iraks, die ohnehin bereits seit Jahren eine weitgehende Autonomie genießen. Sie haben ein eigenes Regionalparlament, eine eigene Regionalregierung, eigene Gerichtsbarkeit und Grenzkontrollen. Als der Termin des Referendums festgesetzt wurde, reagierte Bagdad zunächst auch nicht. Doch Kurdenpräsident Masud Barzani wollte sich nicht damit begnügen, lediglich die Autonomiegebiete zu einem eigenen Staat zu machen. Um wirtschaftlich überleben zu können, brauchte er die Ölstadt Kirkuk. Außerdem ist die Stadt für die Kurden, was Jerusalem für die Israelis ist: ein Symbol nationaler Identität.

"Kirkuk geben wir nie wieder her", hieß die Parole, als die kurdischen Sicherheitskräfte im August 2014 die Stadt gegen Angriffe der Terrormiliz IS verteidigten, sich dort niederließen und ihren Anspruch auf die Millionenstadt zementierten, die bis dahin unter der Verwaltung Bagdads stand. Auch Gebiete wie die Jesidenstadt Sinjar und die Christenstadt Karakosch sollten künftig in den neuen kurdischen Staat "eingemeindet" werden.

Das wurde der Zentralregierung in Bagdad zu viel, Abadi musste handeln. Zusammen mit den Schiitenmilizen der Volksmobilisierungsfront Hashid al-Shaabi marschierten seine Truppen Anfang der Woche in Kirkuk ein, rissen die kurdische Fahne von der Jahrhunderte alten Zitadelle und zwangen den Gouverneur zur Flucht nach Erbil. Die kurdischen Peschmerga waren zuvor nahezu kampflos abgezogen. Zwar wagten sich einige Bewohner bereits wieder in ihre Häuser - auch schon bevor Abadi den Abzug der Armee anordnete. Doch die Polizeitruppen sind geblieben. "Die Einwohner in den kurdischen Stadtteilen haben Angst vor dem, was kommen wird", sagt Hassan Ali, Berater des US-Generalkonsulats in Erbil, am Telefon. Die relative Ruhe, die in den letzten drei Jahren eingekehrt war, ist jedenfalls vorbei. Und in der Umgebung Kirkuks und auf den Straßen nach Erbil und Suleimanija waren weiterhin Panzer und Militärkolonnen unterwegs.

Geheimer Schulterschluss?

Schuld am Debakel seien die Kurden in Suleimanija, polterte Kurdenpräsident Barzani in Erbil. Sie hätten die Peschmerga abgezogen. Es sei nicht die Feigheit der Kämpfer gewesen, die zum Rückzug führte, sondern der Befehl der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) - die Partei seines Ex-Rivalen Dschalal Talabani. Der erst kürzlich verstorbene Kurdenführer war als erster Nicht-Araber zum Präsidenten Iraks gewählt worden und immer auf Ausgleich mit der Zentralregierung bedacht. In Bagdad ist zu erfahren, dass man sich mit Talabanis Anhängern auf den Rückzug der Peschmerga aus Kirkuk geeinigt habe.

"Wir selbst sind unsere Feinde", sagt Mam Rostam in einem kleinen Restaurant in Suleimanija. Der korpulente Mann ist ein Kurde wie aus dem Bilderbuch: braune Pluderhosen, Schärpe, Turban. 2003 war er aus dem Exil in den Irak zurückgekehrt. Rostam beklagt die parteipolitische Ausrichtung der Peschmerga, denen auch er angehört. Von einer einheitlichen Truppe zu sprechen sei Humbug. In seiner Geburtsstadt Kirkuk seien PUK-Peschmerga stationiert gewesen, Barzanis KDP (Kurdische Demokratische Partei) operiere in der Umgebung von Mosul um Karakosch. Die zeitweilige Verbrüderung der beiden Kurdenführer Barzani und Talabani, die zwölf Jahre währte und Irak-Kurdistan einen noch nie dagewesenen Entwicklungsboom bescherte, sei jetzt vorbei. Die Kurden schlechthin gäbe es nicht mehr.