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Die erste digitale Bibliothek Europas

Von Waldemar Hummer

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Waldemar Hummer ist Universitätsprofessor für Europa- und Völkerrecht an der Universität Innsbruck. Foto: privat

Als europäisches Pendant zum Google Library Project wird ab kommendem November Europeana, eine digitale Bibliothek Europas, online zur Verfügung stehen.


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Am 28. April 2005 richteten sechs Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union ein Schreiben an den Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso, in dem sie das Projekt einer "digitalen Bibliothek" anregten, um damit die kulturelle Identität und das Kulturerbe Europas aufzuzeichnen und vorzustellen.

Dahinter stand allerdings auch der Gedanke, der amerikanischen Allmacht auf dem Markt digitaler Suchmaschinen - vor allem dem "Google Library Project", aber auch den Retrodigitalisierungsprojekten von Amazon und Yahoo - entgegenzutreten. In der Folge erhob die Europäische Kommission "Digital Libraries" zu einem Schwerpunkt des Programms Informationsgesellschaft 2010 (i2010).

Millionen-Unterstützung für Kulturschätze

Viviane Reding, das für Informationsgesellschaft und Medien zuständige Mitglied der Europäischen Kommission, stellte das Projekt einer "European Digital Library" (EDL), "Europeana" genannt, als erste digitale europäische Bibliothek am 11. August 2008 der Presse vor.

Dabei wies sie darauf hin, dass die Kommission bereit sei, die Mitgliedstaaten im Rahmen des "eContentPlus"-Programms in den kommenden zwei Jahren mit 120 Millionen Euro dabei zu unterstützen, ihre nationalen Kulturschätze online zu stellen.

Bei "Europeana" handelt es sich um eine digitale Bibliothek, von der mehr als zwei Millionen Werke wie zum Beispiel Bücher, Filme, Fotos, Gemälde, Musikstücke, Landkarten oder etwa Manuskripte abgerufen werden können, die von europäischen Museen und Bibliotheken bereits in digitale Formate umgewandelt worden sind.

Dabei handelt es sich allerdings nur um ein Prozent der circa 2,5 Milliarden Bücher europäischer Bibliotheken. Allein für die Digitalisierung von weiteren fünf Millionen Büchern müssten nach Schätzungen der Kommission etwa 225 Millionen Euro aufgewendet werden. Bis zum Jahr 2010 sollen sechs Millionen Werke digital im Cyberspace abrufbar sein.

Keine Konkurrenz durch Google-Projekt

Das Online-Bibliotheksprojekt von Google wurde im Jahr 2004 ins Leben gerufen und stellt seinen Benutzern mittlerweile mehr als zehn Millionen digitalisierte Werke zur Verfügung, die aus Bibliotheken aus allen Teilen der Welt stammen. Wenngleich die bisherigen Bestände überwiegend aus europäischen Quellen stammen, sind sie eher als eine Ergänzung denn als eine Konkurrenz zu dem europäischen Projekt "Europeana" zu betrachten.

Aus urheberrechtlichen Gründen stammt keines der Werke, die in Kürze von der Website von "Europeana" abgerufen werden können, aus dem gegenwärtigen oder dem vorherigen Jahrhundert. Während urheberrechtsfreie Werke problemlos übernommen werden können, konnte für diejenigen Werke, die urheberrechtlich geschützt sind, noch keine befriedigende Lösung gefunden werden.

Vor allem ist es nach wie vor ungeklärt, ob die Werke im Wege des "Open Access" frei zugänglich gemacht werden oder sich die Digitalisierung über Zugangsgebühren refinanzieren soll.

Die offizielle Eröffnung von "Europeana" wird von Kommissarin Reding im November dieses Jahres vorgenommen werden. Bis dahin bietet die Website europeana.eu eine virtuelle Demoversion an, die einen ersten Überblick über die Bedienung der Online-Bibliothek gibt. In der Startphase wird "Europeana" in den Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch zur Verfügung stehen.

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