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Die Evolution der Rechtsbranche

Von Armin Hendrich

Recht

Die Digitalisierung gewinnt in Form von Legal Technology zunehmend an Bedeutung. Das macht vieles einfacher, geht aber auch mit Investitionen und dem Verlassen vertrauter Pfade einher. Eine Orientierungshilfe.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 5 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Legal Technology ist als Begriff in aller Munde, aber viele Anwälte und Unternehmen kämpfen noch um den Überblick in einem immer dichter werdenden Dschungel an Angeboten.

Die Fragen sind also: Gibt es Standards? Muss ich auf diesen Zug aufspringen, um nicht zurückgelassen zu werden? Und: Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Sicher ist: Legal Technology ändert langsam und nachhaltig die Art, wie Juristen Ihre Dienstleistung erbringen. Dies zu negieren, kann gefährlich sein.

Legal Technology bedeutet aber auch Investition und ein Abgehen von vertrauten Arbeitsschemata - beides Themen, denen die Rechtsbranche hierzulande (aber nicht nur) gerne mit Skepsis begegnet.

Keine Frage des "Ob", sondern nur mehr des "Wie" und "Wann"

Vorausgeschickt also, dass es nicht eine Frage des "Ob", sondern nur mehr des "Wie" und "Wann" ist, sollen die folgenden Zeilen versuchen, eine Orientierungshilfe zu geben. Dafür ist ein kurzer Blick auf die Faktoren des Wandels notwendig.

Zum einen ist bekannt, dass der Kostendruck auf Anwälte seitens der Mandanten steigt. Zeitgleich sparen viele Unternehmen bei internen Ressourcen und lagern aus. Unternehmen erwarten also mehr Leistung für weniger Geld.

Zum anderen führen moderne Kommunikationsmittel von E-Mail über Instant Messaging, aber natürlich auch die Tatsache, dass Dokumente kaum noch per Post verschickt werden und leichter und weiter zu verteilen sind, zu einer immer schneller und stärker anwachsenden Datenmenge. Wird juristischer Rat benötigt, ist es nicht selbstverständlich, dass Mandanten dazu die wesentlichen Unterlagen strukturiert vorlegen (können).

Nicht nur wird somit von Anwälten mehr Leistung für weniger Geld erwartet, es wird auch zunehmend schwieriger, an die nötigen Informationen zu kommen. Mit herkömmlichen Methoden geht das immer weniger.

Wie kann also nun Legal Technology dabei helfen? Um dies gezielt zu beantworten, sollen vorerst Anwendungen, die nicht branchenspezifisch sind, aber natürlich ebenso ein wichtiger Teil der künftigen Anwaltstools sind, hier außen vor gelassen werden. Damit gemeint sind Dokument-Management Systeme und Neuerungen in Office-Anwendungen wie Real-Time Co-Authoring, das Kollegen ermöglicht, parallel an einem Dokument zu arbeiten.

Sichtung und Filterung einer großen Datenmenge

Es geht also hier in gebotener Kürze um jene Anwendungen, die in den juristischen Kernbereichen angesiedelt sind. Dabei zielt solche Software vor allem auf sogenannte "commodity work" ab, also Leistungen, die geringere Fachkompetenz erfordern. Beispiele für Bereiche, in denen solche Software bereits etabliert ist, sind Datenräume respektive Anwendungen, die es erlauben, Informationen aus einer Vielzahl von Dokumenten mit hoher Zuverlässigkeit zu extrahieren.

Ebenso gibt es im Zivil- und Strafverfahren Plattformen, die eine nachhaltige und effiziente Sichtung und Filterung einer großen Datenmenge erlauben.

Immer öfter kommen dabei erweiterte analytische Fähigkeiten dieser Tools - gerne als "Artificial Intelligence" ("AI", künstliche Intelligenz) bezeichnet - zum Einsatz. Diese Anwendungen verstehen etwa, was eine "change of control clause" (Änderung der Kontrollklausel) in einem Vertrag ist, ohne dass diese Wörter im Text vorkommen. Ebenso können neuartige "early case assessment tools" (Werkzeuge zur frühzeitigen Bewertung) erkennen, ob in einer Datenmenge ein Hinweis auf betrügerisches Verhalten vorliegt oder ein (fast) beliebiges anderes Thema.

Es wird offensichtlich, dass solche Anwendungen dem Anwalt erlauben, wesentliche Informationen mit hoher Zuverlässigkeit aus einer fast beliebigen Anzahl an Dokumenten zu extrahieren und so die notwendigen Effizienzgewinne in der Arbeit zu erzielen beziehungsweise überhaupt den Überblick über die zugrunde liegende Information zu erhalten.

Wann ist also der richtige Zeitpunkt zum Einstieg? Die Antwort ist wohl: gestern. Der Markt und die Menge an Informationen erlaubten bislang eine gewisse Ignoranz gegenüber dem Thema. Dies ändert sich nun rasch und scheint trotz aller medialer Aufmerksamkeit viele dennoch zu überraschen. Je nach Fachwissen und Offenheit zum Thema kann man sich natürlich darauf konzentrieren, etablierte Themen zu übernehmen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Man könnte aber auch mit etwas mehr Risikobereitschaft dem Mandanten mehr bieten, als er/sie anderswo am Markt finden kann.

Für den ersten Ansatz spricht die Tatsache, dass das Lehrgeld bereits von anderen bezahlt wurde, für den letzteren, dass es ein Alleinstellungsmerkmal darstellen kann - angesichts immer engerer Leistungsdichte ein interessantes Versprechen.

Juristen von künstlicher Intelligenz nicht verdrängt

Was hält also viele noch davon ab, einzusteigen? Angst vor Kompetenzverlust und sinkender Profitabilität - jedoch zeigt sie klar ein falsches Verständnis des Themas. Wie erwähnt zielt Legal Technology am stärksten darauf ab, geringwertige Prozesse zu automatisieren, und dafür sind Mandanten ohnedies immer weniger bereit zu zahlen. Außerdem ist "AI" noch weit davon entfernt, den Juristen zu ersetzen. Die erfolgreiche Implementierung dieser Technologien erfordert die Interaktion des Juristen mit der Technologie auf hohem Niveau oder in anderen Worten: Die Qualität des Ergebnisses wird stark von der Qualität des Juristen bestimmt.

Legal Technology ist jedenfalls kein Hype, der auch schon bald wieder vorübergeht, sondern die Antwort auf die Anforderungen des Marktes. Die Anwaltsbranche befindet sich in einer Phase starker Evolution, doch jede Evolution, die man nicht mitgestaltet, wird zur Revolution, die einen überrollt.