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Die ewige Diskussion über Afghanistan

Von David Ignatius

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Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Die Afghanistan-Politik der USA wurde eigentlich schon am 27. März festgelegt. Barack Obama beginnt jetzt trotzdem noch einmal von ganz vorne.


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Die Entscheidung über Afghanistan könnte zur wichtigsten in Barack Obamas Präsidentschaft werden. Vielleicht ist das der Grund, warum er sie doppelt trifft. Seltsam wirkt diese Revision der Afghanistan-Politik, da alles schon ganz genau geprüft, beschlossen und veröffentlicht wurde, und zwar schon am 27. März.

Die jüngsten Empfehlungen von General Stanley McChrystal waren dazu gedacht, die Afghanistan-Pakistan-Strategie endgültig umzusetzen - nicht dazu, die ganze Debatte von vorne zu beginnen.

Das grundsätzliche Ziel in diesem März-Dokument lautet, "zu verhindern, dass Afghanistan wieder zum sicheren Zufluchtsort für Al Kaida werden kann wie vor den Terroranschlägen vom 11. September". Um das zu erreichen, hat Präsident Obama dann allerdings weit mehr als dieses klar begrenzte Ziel gebilligt. Und diese Kluft sorgt seither in der US-Politik für Auseinandersetzungen.

Also beginnt Obama nun wieder von vorne, ganz langsam und gründlich - so wie kürzlich bei einer Afghanistan-Besprechung im Weißen Haus, bei der er wieder einmal rund um den Tisch gewandert sein soll, um jeden seiner Berater einzeln zu befragen.

Diese Vorgehensweise Obamas kann man, je nach Standpunkt, entweder als ermutigend einstufen oder zum Verrücktwerden. Ich glaube, Obama hat recht, sich bei einer Frage, auf die so schwer eine richtige Antwort zu finden ist, viel Zeit zu lassen. Aber ich fürchte, dass auf diese Weise alles zu sehr verwässert wird und letztlich zum Scheitern verurteilt ist.

Den Entscheidungsfindungsprozess à la Obama muss man sich, wie von seinen Mitarbeitern zu erfahren ist, wie ein Seminar vorstellen. Einer von ihnen erzählte mir: "Wir bekommen vom Präsidenten keinen fertigen Marschbefehl. Er will eine Diskussion. Wir nehmen dann die einzelnen Vorschläge und bringen sie auf einen Nenner."

So ist ein Konsens zum Iran und anderen Fragen zustande gekommen. Alle Beteiligten betonen, wie sehr sich Obamas Stil von dem seines Vorgängers George W. Bush unterscheidet. Das ist wahr - gelegentlich sogar allzu sehr. Ein führender Berater Obamas beschreibt den Unterschied so: "Pragmatismus statt Ideologie, gründliches Prüfen statt rascher Entscheidungen, Konsens statt Alleingang." Im Fall Afghanistan wolle Obama den Anschein vermeiden, sich übereilt in einen Krieg zu stürzen. Nach neun Monaten Amtszeit scheint mir da allerdings keine große Gefahr mehr zu bestehen.

Bush war der Leiter, Obama ist mehr der Vorsitzende. Bushs Neigung zu (vor-)

schnellen Urteilen führte zu manchem Desaster, aber wie der Journalist James B. Stewart kürzlich schrieb, überließ Bush wichtige Entscheidungen auch genauso prompt anderen. In der Finanzkrise im September 2008 sagte er zu seinem Finanzminister und zum Notenbankchef: "Wenn Sie glauben, dass das getan werden muss - meinen Segen haben Sie." Ob zum Guten oder zum Schlechten, kaum vorstellbar, dass Obama jemals so viel Macht delegieren würde.

Was bedeutet das für Afghanistan? Was ist ein erreichbares Ziel aus US-Sicht? Das ganze Land zu stabilisieren, ist wohl als "Mission Impossible" einzustufen. Aber mit einigen zusätzlichen Truppen könnten die USA in den großen Bevölkerungszentren im Süden und Osten für mehr Sicherheit sorgen. Das würde Zeit bringen, um die afghanische Armee auszubilden und die Bemühungen des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai um politische Aussöhnung mit den Taliban zu unterstützen. Wie viele Truppen würde man dazu brauchen? Diese Frage müssen die Militärbefehlshaber beantworten.

Es ist Afghanistans Krieg. Aber Obama muss entscheiden - und zwar bald - auf welche politisch auch in Washington vertretbare Weise die USA am besten helfen können.

Übersetzung: Redaktion