Die Facebook-Versteher

Von Bernd Vasari

Wirtschaft
Die drei Jungunternehmer Jakob Selinger, Clariz Marielle Taguibao und Seung Kim (v.l.n.r.).
© Shin Kim

Mit einem Budget von 50 Euro begannen drei junge Wiener vor einem Jahr ihren Online-Handel mit Hundeketterl. Heute macht ihr Start-up "Woofpalace" einen Umsatz von 90.000 Euro pro Monat. Wie haben sie das geschafft?


Was braucht es schon, um ein gutes Geschäft zu machen? Nicht viel, wenn es nach Jakob Selinger (29), Clariz Marielle Taguibao und Seung Kim (beide 23) geht. "Clariz und ich waren in der gleichen Klasse", erzählt Kim. "Wir hatten jahrelang keinen Kontakt und haben uns zufällig auf der Mariahilfer Straße getroffen." Das war kurz vor der Corona-Krise. Sie tauschen sich aus. Taguibao studiert Grafikdesign und bespielt erfolgreich einen eigenen YouTube-Kanal, Kim studiert Kunstgeschichte und arbeitet in Start-ups mit, die sich mit Werbung auf Sozialen Medien beschäftigen.

Kim steht bereits mit Selinger in Kontakt, der in Wien und Holland Wirtschaft studierte und bereits ein eigenes Start-up hat. Der Grundstein für "Woofpalace" ist gelegt. Es ist der Anfang einer Erfolgsgeschichte, die vieles darüber erzählt, wie sich Unternehmertum gewandelt hat.

Ein zufälliges Treffen, ein paar digitale Fähigkeiten, ein gutes Verständnis. "Wir sind Personen, die Möglichkeiten ergreifen, wenn sie diese sehen," sagt Taguibao. Und die Begegnung auf der Mariahilfer Straße war eine dieser Möglichkeiten. "Uns war sehr schnell klar, dass wir was gemeinsam machen müssen", sagt sie. Was die Geschäftsidee sein würde, war nebensächlich. Es ist wie bei einer Bandgründung. Gitarrist und Sänger treffen aufeinander, der Gitarrist kennt noch einen Schlagzeuger, die Band steht - die Songs entstehen später.

Selinger, Kim und Taguibao basteln bald an ihrer ersten Geschäftsidee: Koreanische Kosmetik. "Korea ist am letzten Stand, was Kosmetik betrifft", erklärt Kim. "Und mittlerweile auch sehr beliebt in Europa." Der Plan war daher der Vertrieb von Fingernägelfärber und Gesichtsmasken in Österreich.

Unterbrochene Lieferketten und Covid-19

Doch der Aufwand ist zu groß. "Wir hätten 50.000 Euro gebraucht, um durchzustarten", sagt Selinger. "Ein Vielfaches des Budgets von 50 Euro." Und dann bremste auch noch der Ausbruch von Covid-19 den Plan. Die Lieferketten nach Korea wurden bald unterbrochen.

Doch Covid-19 verhalf den drei Jungunternehmern zu einer anderen Idee. "Wir saßen am letzten Tag vor dem Lockdown in der Wirtschaftsuni zusammen", erzählt Kim. "Nach Kosmetik wollten wir unbedingt etwas in der Hundebranche machen." Selinger: "Wir sind stark zielgruppenorientiert und wollen Produkte verkaufen, wo wir schnell Potenzial sehen." Mit Hunden seien am meisten Emotionen verbunden. "Der Hund, der beste Freund des Menschen. Das war perfekt", sagt er.

Zuerst wollen sie Poster und Häferl mit Hundefotos vertreiben. Doch am selben Tag treffen sie Victoria an der Uni. Victoria erzählt von ihrem Vater, ein Juwelier, der wegen dem Lockdown schließen muss. Ein kurzes Gespräch, dann die Lösung: "Mit Victoria kam uns die Idee, dass wir Hundefotos auf Schmuck gravieren", sagt Kim. "Und der Juwelier war froh über jeden Geschäftszweig, den man im Lockdown eröffnen kann."

Dann geht es schnell. "Wir kamen auf den Namen Woofpalace, fünf Minuten später kauften wir eine Domain um zehn Euro und erstellten eine Homepage", erinnert sich Taguibao. Dann produzieren sie ihren ersten Prototypen und fertigen eine Zeichnung vom Mops an, der Kims Tante gehört. Die Zeichnung wird im nächsten Schritt auf ein fingernagelgroßes Silberplättchen graviert. Dazu ein Stück Schnur und fertig ist das Freundschaftsarmband. Um die Hundeketterl zu vertreiben, registrieren sie sich bei einem Shopsystem, das sie in der Testphase gratis verwenden können.

Facebook weiß alles über dich

Das Produkt und der Vertrieb stehen bereit. Nur wie sollen potenzielle Kunden von dem Produkt erfahren?

"Mit Facebook kann man sehr zielgerecht die Leute ansprechen", erklärt Kim. "Ich habe eingegeben, wen ich erreichen will: Hundebesitzer, die an Schmuck interessiert sind, im Alter zwischen 18 und 35."

Der gläserne Mensch in den Sozialen Medien wird hier zum Vorteil für die Jungunternehmer. Facebook & Co wissen Bescheid über die Vorlieben ihrer Nutzer und geben diese an Werbekunden weiter. "Wir wissen, was die Leute sehen wollen, was sie interessiert und können zielgenau unser Produkt bewerben", sagt Kim.

Für etwa 20 Euro schalten sie die ersten Anzeigen auf Facebook. "Es wird nach Dauer abgerechnet, je länger die Werbung aufscheint, desto mehr muss man zahlen", erklärt der Jungunternehmer. Die Reaktionen sind gut. Am ersten Tag verkaufen sie bereits ein paar Hundeketterl im Wert von jeweils 36 Euro.

Die Freude war groß: "Damit hatten wir die Werbeausgaben des ersten Tages auch gleich wieder herinnen", sagt Selinger. Bis heute investieren sie 20 bis 30 Prozent ihres Umsatzes in Werbung auf den Sozialen Medien. Mit Erfolg. "Wir waren noch keinen Tag im Minus", sagt er.

Nach der ersten Werbeanzeige vergehen ein paar Wochen im Gleichschritt. Immer mehr Kunden, immer mehr Werbung. Pro Tag erwirtschaftet "Woofpalace" durchschnittlich 100 Euro. Doch dann kommt der große Tag, der aus einem Hobby ein Business macht:

Taguibao hat schon länger Erfahrung, wie sie Menschen im Internet anspricht. Auf ihrem YouTube-Kanal spricht sie über Selbstbewusstsein, Schönheitsoperationen, über Themen, die mich interessieren, erklärt sie. "Es ist immer meine Meinung." 166.000 Menschen folgen ihr.

Neben YouTube ist sie auch auf TikTok aktiv, eine Plattform für kurze Videoclips. "Mir war langweilig, dann habe ich ein Video über Woofpalace hochgeladen und bin schlafen gegangen", erzählt sie.

Der weltweite Durchbruch

Am nächsten Tag liegt Selinger noch im Bett, als er laufend Nachrichten bekommt. "Verkauf, Verkauf, Verkauf. Im ersten Moment wusste ich gar nicht, was gerade passiert", sagt er. Bis er Taguibao anrief. Ihr Video ging viral und erreichte noch am selben Tag 20.000 Menschen. Das war der weltweite Durchbruch.

Dem ersten TikTok-Video folgten noch viele weitere. Das erfolgreichste sahen 9,1 Millionen Menschen. "Die Reichweite wurde immer größer", erzählt Selinger. Und internationaler. Heute stammen 60 Prozent der Kunden aus den USA, 40 Prozent aus Europa. Der durchschnittliche Umsatz liegt bei 90.000 Euro, im vergangenen November erreichten sie einmal sogar 120.000 Euro.

Auf der Homepage haben sie mittlerweile eine Chat-Funktion eingerichtet, um mit den Kunden schneller in Kontakt zu sein und sie weiterhin persönlich betreuen zu können. "Die Leute laden ihre Hundefotos hoch und freuen sich über Feedback", sagt Selinger.

Auch das Unternehmen ist gewachsen. Derzeit beschäftigen sie 12 Mitarbeiter. Ihr Geld verdienen sie aber woanders. "Wir verzichten auf unsere Löhne", sagt Selinger. "Es ist ein Investment in die Zukunft, es macht uns Spaß so etwas aufzuziehen."

Und der Spaß soll auch weiter gehen. Im Dezember gründeten Jakob Selinger, Clariz Marielle Taguibao und Seung Kim ein weiteres Unternehmen mit dem Namen "Top Talents". Wie sie mit "Woofpalace" feststellen mussten, ist es für Unternehmen schwierig, die geeigneten Mitarbeiter zu finden. Daraus entstand das nächste Geschäftsmodell: "Wir bedienen den Markt der Passivsuchenden in der Jobbranche und suchen passende Mitarbeiter für Unternehmen", erklärt Selinger. "Doch da sind wir noch in den Kinderschuhen", sagt er.

Der Gründung eines Unternehmens folgt das nächste. So könne es ewig weitergehen. Einen Job als Angestellte können sich die drei Jungunternehmer nicht vorstellen. Selinger: "Wir haben den Drang uns selbst zu verwirklichen."