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Die fatale Schwäche der Wahrheitsproduzenten

Von Walter Hämmerle

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Alle reden vom Erfolg der "Post-Truth"-Politiker. Mindestens so drängend ist eine Debatte über das Versagen der gesellschaftlichen Gegenkräfte.


Der Siegeszug der "Post-Truth Politics" - die deutsche Übersetzung Post-Wahrheitspolitik hatscht arg -, über den sich derzeit allerorten das große Lamento erhebt, ist - spiegelbildlich betrachtet - der Niedergang der einstigen Wahrheitsproduzenten in unseren Gesellschaften.

Der Begriff klingt verdächtig nach der monumentalen Dystopie "1984" von George Orwell, wo sich ein eigens geschaffenes "Wahrheitsministerium" mit der Distribution der einschlägigen Informationen beschäftigt. Dabei sind mit den hier gemeinten Wahrheitsproduzenten lediglich all jene in den letzten Jahrhunderten gewachsenen Institutionen und Verfahren gemeint, die der Erkenntnis zur Durchsetzung verholfen haben, dass etwa die Erde um die Sonne kreist, der Mensch das Produkt biologischer Evolutionsprozesse ist und Masturbation nicht wirklich zum Erblinden führt.

Eine kritische, empirisch abgesicherte Wissenschaft ist zweifellos das mächtigste Mittel zum Zweck einer so verstandenen Wahrheitsproduktion. Weiters zählen dazu: ein Schul- und Bildungssystem, das die Erkenntnisse der Wissenschaft aufgreift und weiterreicht; ein Rechtsstaat, Justiz und Verwaltung, dessen Arbeit auf transparenten Regeln und überprüfbaren Tatsachen beruht; eine möglichst breit aufgestellte Medienlandschaft, die halbwegs verlässlich zwischen valider Information, politischer Propaganda und kurzweiliger Unterhaltung - gerne auch gut gemacht - zu unterscheiden weiß; und, zu guterletzt, die im Menschen eingebaute Tendenz, der Vernunft den Vorzug vor dem Wunschdenken einzuräumen.

Das alles führt in der Theorie zur Entstehung einer kritischen Öffentlichkeit, die es Halb- und Unwahrheiten hoffentlich nicht allzu leicht macht, sich ungehindert unter uns breitzumachen.

Das Versagen der Wahrheitsproduzenten ist es, das den Erfolg der "Post-Truth"-Politiker in und um Österreich herum erleichterte.

Die Ursachen dieses Scheiterns näher zu analysieren, wäre eine vortreffliche Aufgabe aller derjenigen, für die Funktionieren zur Geschäftsgrundlage gehört. Leider finden diese Institutionen weinerliches Wehklagen über die Erfolge der "Post-Truth"-Politiker für sich unterhaltsamer als eine womöglich mühsame und unbequeme Hinterfragung der eigenen Dienstleistung. Und nein, die Ablehnung von Studiengebühren und eine Schulreformdebatte, die längst zur Beschäftigungsgarantie ganzer Kohorten von Bildungsexperten verkommen ist, sind kein Beitrag von Substanz.

Bei der Kritik an den schwächelnden Wahrheitsproduzenten geht es nicht darum, von den Lügnern und Täuschern abzulenken, denen unzweifelhaft die Hauptverantwortung für den deplorablen Zustand unserer politischen Öffentlichkeit zukommt. Aber es ist wichtig, zu erkennen, dass die schleichende Ausbreitung dieser neuen Scharlatane von den Rändern in die gesellschaftliche Mitte nicht in einem luftleeren Raum vor sich gegangen ist. Der fatale Hang, jedem eine eigene subjektive Wahrheit zuzugestehen, hat das Feld aufbereitet.