Die ganze Welt ist bunt

Von Christina Mondolfo

Wissen

Auch wenn uns die Welt manchmal nur Grau in Grau erscheint, ist sie dennoch voller Farben. Obwohl so mancher Wissenschafter diese als Illusion bezeichnet.


Die Blätter der Bäume sind (üblicherweise) grün, der Himmel ist blau, die Zitrone gelb und Blut ist rot. Ganz selbstverständlich benennen wir Farben, ordnen ihnen sogar Emotionen zu und sehen zum Glück nicht immer alles nur Schwarz-Weiß. Doch laut Definition des Internet-Lexikons Wikipedia ist Farbe "lediglich eine individuelle visuelle Wahrnehmung, die durch Licht, das in dem für das menschliche Auge sichtbaren Bereich liegt, hervorgerufen wird." Eckart Voland, Professor für Biologie und Philosophie, bezeichnet Farben als "vom Gehirn generierte Erlebnisqualitäten bloßer elektromagnetischer Strahlung in einer absolut farblosen Welt", eine Ansicht, die auch der deutsche Biologe und Hirnforscher Gerhard Roth vertritt: Er betrachtet die "erlebte Wirklichkeit unserer Welt einschließlich Farben und Musik" nur "als die durch unser Gehirn interpretierte Realität."

Auge ans Gehirn

Da macht es einem die Physik einfacher, die Farbe schlicht als Licht definiert. Jede Farbe hat eine andere Wellenlänge, die in Nanometern gemessen wird. Eine bestimmte Farbe hat mehrere Frequenzen beziehungsweise Wellenlängen, Farbe ist daher eine spektrale Zusammensetzung von Licht.

Die Farbwahrnehmung selbst entsteht aus dem Zusammenspiel von Auge und Gehirn, wobei ersteres eine besondere Einrichtung besitzt, ohne die das Sehen von Farben grundsätzlich nicht möglich wäre: die Zapfen. Rund sechs Millionen davon befinden sich auf der Netzhaut des Auges, drei verschiedene Sorten für jeweils bestimmte Lichtwellenlängen. Nach ihrer maximalen Farbempfindlichkeit werden die Zapfen Blau, Grün und Rot genannt - sie entsprechen den Grundfarben, aus denen wiederum alle etwa sieben Millionen Farben gemischt sind, die der Mensch sehen kann. Was aber noch lange nicht heißt, dass wir alle tatsächlich denselben Farbton sehen, wenn wir "blutrot" sagen, denn eine objektive Aussage über den subjektiven Farbeindruck ist nicht möglich. Das gilt sowohl für Menschen als auch für Tiere, denn auch sie können zum überwiegenden Teil Farben sehen. Welche Farbvorstellungen Tiere haben, wissen wir zwar nicht, ganz offensichtlich unterscheiden sich aber sogar die Farb-Wahrnehmungen der verschiedenen Tierarten. Die Ursachen dafür liegen wohl in der Evolutionsgeschichte.

Mitunter hat eine unterschiedliche Farbwahrnehmung oder das Unvermögen, Farben zu sehen, organische Ursachen: Farbfehlsichtigkeit tritt als Rot- oder Grün- beziehungsweise Rot-Grün-Blindheit auf, aber auch Blaublindheit oder Blau-Gelb-Sehschwäche kommt vor - diesen Menschen oder Tieren fehlen die entsprechenden Zapfentypen. Beim Menschen sind häufiger Männer davon betroffen, die Ursache für Farbfehlsichtigkeit ist genetisch bedingt.

Das Auge und die Zapfen allein ermöglichen es uns jedoch noch nicht, Farben zu sehen, dazu bedarf es noch der Umsetzung im Gehirn. Die unterschiedlichen Wellenlängen des Lichts bilden einen Farbreiz, der in den Sinneszellen Wechselwirkungen hervorruft. Diese wiederum werden an das Zentralnervensystem weitergeleitet, das sie verarbeitet - Farbe entsteht.

Nur Namen?

Farben sind gelernt, wir verbinden die Bezeichnung Blau mit einer ganz bestimmten Farbe - die allerdings Nuancen haben kann, die wir ebenfalls mit einem Wort beschreiben: Himmelblau, Dunkelblau, Blassblau. Es ist eine konventionelle Übereinkunft über Generationen und sie wird bereits in der Kindheit gelernt. Doch manchmal hat eine Sprache keinen Namen für eine Farbe (so fanden Orange oder Magenta erst spät Eingang in den deutschen Wortschatz) oder aber die Wortbedeutung unterliegt einem Wandel. Mit "blond" wird eine Haarfarbe lediglich bei Menschen bezeichnet, derselbe Farbton heißt bei Tieren dagegen "falb".

Farben werden gerne mit Emotionen verknüpft, so sehen wir rot, wenn wir wütend sind, wir werden gelb vor Neid, grün vor Eifersucht oder wir sehen alles rosa, wenn wir glücklich sind. Farben können optische Eindrücke verändern und wir geben ihnen Eigenschaften wie warm (die Farbbereiche von Rosa und Purpur bis Gelb) und kalt (von Blauviolett bis Grün) und nutzen all diese Qualitäten bei der Gestaltung von Räumen und Gärten oder zum Unterstreichen einer Botschaft in der Werbung oder der Mode.

David Oliver, der britische Innenarchitekt und Gründer des bekannten Farbgeschäftes "Paint & Paper Library" in London, sagt dazu: "Farbe drückt nicht nur den persönlichen Geschmack aus, sondern kann auch Stimmung und Verhalten beeinflussen. Farbe definiert unsere Lebenswelt. Die Augen registrieren die Farbe eines Gegenstandes, ehe wir seine Form erkennen. Ein gelungenes Farbschema kann den Elementen eines Raumes oder einer Wohnung eine Ordnung verleihen, Grenzen markieren, Bereiche oder Funktionen definieren." Wichtig sind für ihn auch Faktoren wie Licht, Umgebung oder Proportion: So macht er etwa die Wandfarbe eines kleinen, nach Norden ausgerichteten Raumes von dessen Verwendung und der Qualität des Tageslichts abhängig: "In Schweden würde ich starke, helle Farben verwenden, in England greife ich gerne zu Ocker oder Tabakbraun - diese Farben wärmen den Raum und machen ihn gemütlich."

Mit dem Wissen, dass kühle Farben wie Blau oder Grün Bereiche optisch in den Hintergrund treten lassen, während warme Farbtöne Objekte in den Vordergrund rücken, kann man die Wirkung von Räumen verändern. Das hilft auch bei Dachschrägen: Ist sie in einem hellen Farbton gestrichen, beengt sie den Raum nicht. Werden die übrigen Wände im Raum dunkler gestaltet als die Dachschräge, so verstärkt sich dieser Effekt noch.

Starke Kontraste bringen die einzelnen Farben noch stärker zur Geltung.
© © Pete Saloutos/Image Source/Corbis / Pete Saloutos

Auch im Garten wünschen sich die meisten Menschen Farbe in Form von blühenden Pflanzen. Ein tieferes Konzept steckt in der Folge jedoch in den wenigsten Fällen hinter der Gartengestaltung. Viele bunte Blüten sollen Heiterkeit und Lebensfreude vermitteln, doch stellt sich schnell und oft Beliebigkeit und Überreizung ein. Farbharmonische Rabatte und Bepflanzungen dagegen setzen auf den bewussten Verzicht auf eine oder mehrere Farben, um so die anderen in ihrer Harmonie bestens zur Geltung kommen zu lassen. Allerdings sind auch starke Kontraste im Sinne der Komplementärfarben äußerst reizvoll, etwa Violett kombiniert mit Orange oder Purpurrot mit Grün.

Heilen und feiern

Nicht nur der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe erkannte die Bedeutung der Farben und bezeichnete sein Werk "Zur Farbenlehre" als sein wichtigstes, seit jeher werden Farben zur Heilung von Krankheiten und zur Beeinflussung von Stimmungen eingesetzt. Als Pioniere der modernen Farbtherapie gelten der Amerikaner Edwin Babbitt, der Österreicher Rudolf Steiner und der in England wirkende Bayer Theo Gimbel. Ihre Erkenntnisse über die Wirkung von Farben werden bis heute etwa in Krankenhäusern in der Kleidung des Personals umgesetzt: So soll grüne und hellblaue Bekleidung beruhigen.

Mag man die Farbtherapie auch für Humbug halten, dass jeder eine Lieblingsfarbe hat (die sich im Lauf der Zeit natürlich immer wieder ändern kann), die auch etwas über die Persönlichkeit des Trägers aussagt, ist unbestritten. Es gibt sogar spezifische Farbtests, die Rückschlüsse auf die Persönlichkeit der Testperson erlauben sollen. Deren Seriosität ist allerdings umstritten.

Die Bedeutung der Farbe(n) feiern die Inder mit einem besonderen Fest, dem Frühlingsfest Holi zu Vollmond im Februar oder März. Am zweiten Tag des Festes besprengt und bestreut man sich gegenseitig mit gefärbtem Wasser und Farbpulver. Ursprünglich entstanden diese aus bestimmten Blüten, Wurzeln und Kräutern, die heilend wirken. Heute kommen leider häufig synthetische Farben zum Einsatz, die teilweise sogar schädlich sein können. Im spirituellen Bereich vermittelt Holi die Botschaft vom Triumph des Guten über das Böse, in der Natur markiert es den Sieg des Frühlings über den Winter, denn das Fest beginnt mit dem Aufblühen der Natur. Jedes Jahr wieder erfreut sie uns nach dem farblich zurückhaltenden Winter mit einem Feuerwerk an Farben, die es uns erlauben, uns in dieser Welt besser zurechtzufinden und ihr eine Ordnung zu geben ...

Artikel erschienen am 7. September 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 4-7