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Die Grenzen der Digitalisierung

Von Eva Stanzl

Wissen

Daten strukturieren ganze Gesellschaften - und doch funktioniert nichts ohne Mensch.


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Wien. "Neue Aufklärung" lautet das Generalthema des Europäischen Forum Alpbach, das am Mittwoch startete. Traditionell steht der Begriff für Fortschritt durch rationales Denken und Vernunft als universelle Urteilsinstanz. Worin besteht Aufklärung jedoch im Digitalzeitalter? Welche Rolle spielt menschliche Vernunft ein einer Zeit, in der immer mehr Prozesse der Logik von Algorithmen gehorchen? Im Rahmen der Alpbacher Seminarwoche und der Technologiegespräche suchen Experten nach Antworten.

Riesige, sich laufend erneuernde, fast alle Aspekte des Lebens umfassende Aufzeichnungen werden ständig gemacht. Hinter dem Datenberg stand einst eine Vision. "Der Traum von Big Data war, die Welt wie ein wohlwollender Diktator optimieren zu können", erklärt Dirk Helbing, Professor für Computational Social Sciences der ETH Zürich, der bei den Technologiegesprächen zum Thema "Komplexität und die neue Aufklärung" referiert. "Man nahm an, dass wenn man genug Daten hätte, würde die Wahrheit hervortreten. Regierungen und Unternehmen begannen, so viel Information wie möglich aufzuzeichnen. In der Folge entstanden auch Konzepte, um Verhalten zu steuern."

Vision von Smart Citys

"Big Nudging" etwa lenkt die Aufmerksamkeit auf bestimmte Produkte und Meinungen in der Hoffnung, gewisse Entscheidungen auszulösen. Citizen Score ist ein System, das Bürger für Verhaltensweisen belohnt. "Mittlerweile werden Datenwissenschaften sogar eingesetzt, um Gesellschaftsstrukturen zu reorganisieren", warnt Helbing. Städte und Gesellschaften wurden zunehmend datengetrieben automatisiert wie ein Produktionssystem. Man hofft, eine perfekte, datengetriebene Gesellschaft zu schaffen, die sich darauf verlässt, bei der Big Data optimale Lösungen liefert." Demokratie wäre dann eine "Technologie von gestern".

Wenn denn die digitale Revolution auch Lösungen für große Probleme hätte: Finanzkrise, Terrorismus, die weltweite Massenflucht, Erderwärmung oder Ressourcenknappheit. Doch genau diese Themen sollten heute im Zentrum einer Transformation stehen, sagt nicht nur der Hausverstand. "Es wird klar, wo die Grenzen der Automatisierung liegen", so Helbing.

In einem der Wilton Park Meetings des britischen Außenministeriums kamen Experten aus Politik und Industrie jüngst zu dem Schluss, dass die Vision digital gesteuerter Smart Citys nicht funktionieren kann, wenn der Mensch zu wenig Stellenwert hat. Man könne die Logik von Optimierungssystemen wie bei Industrie 4.0 oder Supply Chain Management nicht auf die Gesamtgesellschaft umlegen, heißt es. "Optimierung ist immer die Optimierung eines Ziels. Würden wir aber die ganze Welt auf ein einziges Ziel ausrichten, bliebe uns keine Alternative", kommentiert Helbing die Erkenntnisse. Erfahrung mit falschen Zielsetzungen hat die Welt ja genug, wie die lebensbedrohlichen Folgen der Erdölwirtschaft der letzten 150 Jahre zeigt. "Besonders im Digitalzeitalter ist Pluralismus entscheidend für die Fähigkeit einer Gesellschaft, mit Sachlagen aller Art zurechtzukommen", betont der Komplexitätsforscher.

Er empfiehlt ein differenzierteres Finanzsystem", das auch soziale und ökologische Aspekte berücksichtigt und die Interessen vieler Bevölkerungsgruppen berücksichtigt. "Wenn wir nicht bloß ökonomische Effizienz, sondern auch soziale und umwelttechnische Gesichtspunkte einbeziehen, funktioniert die Gesellschaft für alle." Es wird wohl eine komplexe Aufgabe. "Big Data ist keine abgegrenzte, fertig ausgeformte Technologie, sondern die besondere Herausforderung liegt im Zusammenspiel der sich ständig weiterentwickelnden Einzelkomponenten", schreibt die Städteplanerin und Mobilitätsexpertin Katja Schechtner in "ORF Science", und: "Big Data ist eine lebende Versuchsanordnung, die alle Lebensbereiche betrifft. Die Umwälzungen, die sich daraus ergeben, können nur mit einer angemessenen Auseinandersetzung bewältigt werden." Extreme Bilder und Ängste seien dies nicht.

www.wienerzeitung.at/alpbach