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Die Jagd nach dem Phantom IS

Von Petra Ramsauer

Politik

Die Terrormiliz ist so schwer zu verstehen und zu stoppen, weil es sie als uniforme, straff organisierte Gruppe gar nicht gibt. | Die IS-Terrorzellen in Europa führen dabei offenbar schon ihren eigenen Krieg.


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Wien. Anfang März ließ die syrische Aktivisten-Gruppe "Raqqah is Being Slaughtered Silently" mit einem Bericht über einen bemerkenswerten Vorfall in der irakischen Metropole Mossul aufhorchen. Sechs niederländische Kämpfer des sogenannten "Islamischen Staates" (IS) sollen in dessen Hochburg vom eigenen Führungskader hingerichtet worden sein. Heftige Gefechte dürften den Exekutionen vorausgegangen sein.

Die Informanten schmuggeln seit zwei Jahren trotz Lebensgefahr Nachrichten aus dem Gebiet. "Raqqah is Being Slaughtered Silently" gilt als zuverlässige Quelle. Doch die Details dieses Berichtes werfen viele Fragen auf. Angeblich wollte die Gruppe desertieren, wurde aber daran gehindert. Doch als ebenso möglich gilt, dass dies ein Indiz für wachsende Konflikte innerhalb des IS zu werten ist: Die Vielschichtigkeit der Gruppe tritt nun mehr und mehr zutage; und deren partikulare Interessen driften weit auseinander. Heute mehr denn je zuvor.

Nervöse Führungsclique

Die Führungsclique um den selbsternannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi ist nervös. Die Finanzen werden knapp, der militärische Druck wächst. Diese tonangebende Gruppe des IS rekrutiert sich vor allem aus ehemaligen Generälen der 2003 aufgelösten Armee Saddam Husseins: Der Islamische Staat ist für sie keine perverse Utopie eines Gesellschaftsmodells, das auf brachialer Gewalt beruht. Diese Kader sehen darin in erster Linie einen Staat der sunnitischen Muslime des Iraks, einen Widerpart zu der seit 2003 von Schiiten dominierten Zentralregierung des Landes.

Nach den Anschlägen in Brüssel reagierte die internationale Anti-IS-Koalition mit einer Intensivierung der Luftangriffe auf die IS-Kommandostellen. "25 Raketen wurden noch am Dienstag gegen Stellungen der Führung des IS abgefeuert. Zehn davon trafen neuralgische Operationszentren", heißt es in einer Pressemitteilung des US-Verteidigungsministeriums vom Mittwoch. Die "Rache für die Aggression gegen den Islamischen Staat", wie die IS-Propagandaabteilung die Anschläge von Brüssel bezeichnet, führte also zu noch mehr Aggression.

Kaum jemand innerhalb der Führungsgruppe des IS dürfte noch an das eigene - sehr unterkühlt formulierte - PR-Wording glauben, wonach brutale Terrorakte in Europa die Intensität der Luftangriffe verringern würden. Vielmehr wächst so der politische Wille der internationalen Koalition, schneller und kompromissloser gegen den IS in Syrien und dem Irak militärisch vorzugehen. Der Anschlag in Brüssel wird auch als Indiz dafür gewertet, dass sich die Strategie der Miliz ändert: Ein weltweiter, grausamer Terrorkrieg soll die drohende Niederlage im Territorialkrieg in Nahost kaschieren. Doch für jene Teile des IS, wie die Führungsclique, die eigentlich einen Territorialstaat für ihr physisches und politisches Überleben brauchen, ist das keine zukunftsträchtige Perspektive.

Folgten Najim Laachraoui, die Brüder Khalid und Ibrahim al-Bakraoui einem Befehl aus der obersten Kommandozentrale des IS, als sie in Brüssel zu ihren brutalen Attentaten am Morgen des 22. März ausrückten?

Vieles spricht dagegen. Je mehr der Islamische Staat unter Druck gerät, desto stärker tritt zutage, dass es diese Gruppe als kohärente Bewegung nicht gibt. Je mehr der IS in Syrien und dem Irak geschwächt wird, desto deutlicher kristallisiert sich heraus, dass dieser Name für ein Zweckbündnis sehr unterschiedlicher Gruppen steht. Und jede dieser Fraktionen beginnt nun ihren eigenen Krieg zu führen. So auch jene Zellen des IS, die für globale Terroraktionen abgestellt sind und vor allem von zirka 7000 freiwilligen Kämpfern mit Wurzeln in Europa kontrolliert werden.

Diese "Spezialabteilung für Auslands-Operationen" des IS, "Amni", wie sie im Jargon der Dschihadisten heißt, wurde bis zum Sommer 2015 von Abdelhamid Abaaoud geleitet: Der 27-jährige Belgier wurde bei einem Schusswechsel mit der französischen Polizei nach den Anschlägen in Paris im November 2015 getötet. Der IS-Aussteiger Nicolas Moreau warnte bereits vor einem Jahr davor, dass Abaaoud gemeinsam mit französischen und belgischen Kampfgefährten in Syrien Anschläge in Europa plane.

Die ausländischen Kämpfer scheinen ihren Terrorkrieg ohne Rücksicht darauf zu führen, dass auf die Anschläge in Europa hohe Verluste für den IS in seinen Hochburgen im Nahen Osten folgen. Viel eher wird nun deutlich, dass ihre Beteiligung am IS ein Zwischenstopp war, ihre eigentliche Gefahr als europäisches Terrornetzwerk sich dadurch aber massiv verstärkte. Das Training in Syrien an schweren Waffen und die Bewegungsfreiheit im IS-Territorium scheinen für Europas Dschihadisten einen ganz speziellen Zweck erfüllt zu haben.

In diesem sicheren Hafen konnten sie sich vernetzen, koordinieren und unter dem Banner des IS eine neue, nie dagewesene Terroroffensive planen. Sie agieren dabei längst unabhängig von den Hochburgen des IS in Nahost: Bis zu 90 Terroristen mit europäischen Wurzeln und Pässen sollen, so die Berichte von Aussteigern in Syrien, trainiert worden sein.

In diesem Lichte betrachtet, liest sich der eingangs erwähnte Bericht über die internen Kämpfe zwischen IS-Führung und den niederländischen Abtrünnigen als Indiz für diese Spaltung. Seit jeher fürchten europäische Sicherheitsexperten den Moment der militärischen Niederlage des IS in Syrien und dem Irak als den Beginn des nächsten Konfliktes: mit der Gruppe von Heimkehrern. Doch diese könnten längst schon in ihren Ursprungsländern oder zumindest am Weg dorthin sein - ganz gleich, ob die IS-Führung das will oder nicht.

Die jüngsten Attentate legen nahe, dass die Fraktion der europäischen Dschihadisten ihren eigenen hochgefährlichen Weg bereits geht. Und dabei einen alten Pfad aufnimmt: Lange bevor es den IS überhaupt gab, hat sich um Brüssel ein terroristisches Netzwerk formiert. Vor allem im Viertel Molenbeek. So konnten nach den Anschlägen der Al-Kaida in Madrid 2004 die Spuren des Hauptverdächtigen Youssef Belhadj bis Molenbeek zurückverfolgt werden. Hier hat er gelebt und mutmaßlich den Anschlag in Spanien vorbereitet. Von hier stammten die Attentäter, die im September 2001, wenige Tage vor den Anschlägen von 9/11 Ahmad Schah Massoud, den Führer der afghanischen Nordallianz, töteten. Dieser Angriff gilt als eigentlicher Beginn der Al-Kaida-Attentatsserie in diesem Jahr.

Netzwerk in Molenbeek

Die jüngsten Entwicklungen waren somit nur eine Etappe einer langen Terror-Serie. Aus Molenbeek stammen vier der Paris-Attentäter des Vorjahres, darunter auch Salah Abdeslam, der vergangenen Freitag hier verhaftet wurde. Vier Monate konnte er sich unbehelligt in dem Brüsseler Viertel verstecken. Insider behaupten, dabei hätte ihm weniger die Logistik des fernen IS geholfen als vielmehr persönliche Kontakte in dem Viertel selbst - aus dem auch die Drahtzieher von fünf Attentaten kommen, die zuletzt im Namen des IS Terror nach Europa brachten.

2010 formierte sich ausgehend von belgischen Extremisten aus Brüssel ein europaweites Netzwerk an radikalen Gruppen. Im Frühling 2010 gründete der radikale Prediger Fouad Belkacem hier die Gruppe "Sharia4Belgium", er suchte dabei Kontakt zu dem Extremisten Anjem Choudary, der in London als Sprecher der gewalttätigen Gruppe "al-Muhajiroun" auftrat. Gemeinsam legten sie den Grundstein für die spätere Ausreise-Welle von Dschihadisten nach Syrien und in den Irak. Doch im Auge hatten sie ihre eigenen Interessen.

Verhaftet wurden die beiden Prediger erst im Laufe der vergangenen eineinhalb Jahre; es blieb ihnen so genug Zeit, die europäische IS-Front aufzubauen, die nun eine mögliche militärische Niederlage ihres Terrorstaates nicht bloß zu überleben droht, sondern längst zu einer eigenen Gefahr wurde. Mit eigenen Netzwerken und Waffen. Und einem eigenen Ziel: eine Terroroffensive in ihren Heimatländern.

Was macht den Islamischen Staat für Jugendliche so attraktiv? Wie betreibt er Propaganda? Was sind langfristig seine Ziele? Was kann gegen den IS unternommen werden? Die österreichische Journalistin und "Wiener Zeitung"-Autorin Petra Ramsauer geht in ihrem jüngsten Buch "Die Dschihad-Generation" diesen Fragen nach. Sie recherchierte dafür in Europa, bereiste zudem intensiv Syrien, den Irak und andere Staaten des Nahen Ostens, sprach sowohl mit Sympathisanten als auch mit Opfern der Terrororganisation. Ramsauer gibt somit Einblicke in die inneren Strukturen des IS, beleuchtet dessen Denkweise und zeigt auf, wie der IS mit seinem apokalyptischen Kult Krieg gegen jeden führt, den er zum Feind erklärt.

Petra Ramsauer:Die Dschihad-Generation.

Wie der apokalyptische Kult
des Islamischen Staats Europa
bedroht.

Styria Verlag, 208 Seiten,
24,90 Euro

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