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Die Jungen wollen ihren Iran zurück

Von Mitra Shahmoradi und Heinz Gärtner

Gastkommentare
Mitra Shahmoradi ist Malerin und Poetin. Sie ist im Iran geboren und lebt seit 1980 als freischaffende Künstlerin und Autorin in Wien. Sie hat an der Kunstuniversität in Teheran Malerei studiert und an der Universität für Angewandte Kunst in Wien Malerei und Grafik. Sie publiziert eigene Gedichte (Deutsch, Farsi, Englisch, Oria, Arabisch, Spanisch) und gestaltet Internationale Ausstellungen und Lesungen mit ihren Werken.
© privat

Die Enkelinnen und Enkel der Revolution wollen sich nicht mehr mit den unerfüllten Hoffnungen abfinden.


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Auf den ersten Blick erinnern die jetzigen Demonstrationen im Iran an die Anfangsphase der Revolution des Jahres 1979. Es gab damals auch Mobilisierungen, die immer größer und mächtiger geworden sind. Es gab eine Diversität von teilnehmenden und unterstützenden Gruppen und Personen: Angehörige verschiedener Religionen, Linke, Künstler, Schriftsteller und andere Intellektuelle, Nationalisten und sozial Benachteiligte. Man konnte sich auf den kleinsten gemeinsamen Slogan einigen.

Damals war es der Ruf: "Tod dem Schah!" Heute wird geschrien: "Tod dem Diktator!" Viele der darunter liegenden, nicht so bekannten Forderungen ähneln einander: Redefreiheit, freies Wahlrecht, soziale Gleichheit, Unabhängigkeit von Großmachteinfluss (damals die USA, heute China und Russland), umfassende und Bildung frei von Zensur, Freilassung politischer Gefangener. Damals richteten sich die Forderungen gegen ein westlich orientiertes Regime, heute gegen ein klerikales.

Nach dem Sieg der Revolution von 1979 setzten sich islamische Kleriker durch und an die Spitze; sie waren die in den Moscheen am besten organisierte Gruppe. Sie errichteten ein religiöses System, ignorierten die meisten Forderungen der iranischen Revolution. Sie unterdrückten diejenigen, die die Revolution mitgetragen und sie auch eingefordert hatten.

Nun wollen die Enkelinnen und Enkel der Revolution sich nicht mehr mit den unerfüllten Hoffnungen abfinden. Ihre Proteste richten sich gegen die Bevormundung durch eben dieses religiöse System in allen Lebensbereichen. Am meisten betroffen von dieser Bevormundung sind Frauen, die sich deshalb an die Spitze der Bewegung setzen. Diese Bevormundung überlagerte alle Bemühungen der Regierungen, überall sichtbare geschützte Bereiche für Frauen im öffentlichen und halböffentlichen Räumen (zum Beispiel Verkehrsmittel, Sportstätten, Parks) zu schaffen und die Bildungsmöglichkeiten für Frauen zu verbessern (60 Prozent der Studierenden im Iran sind weiblich).

Vollendung und Ergänzung der iranischen Revolution

Dennoch müssen sich Frauen oft sowohl im öffentlichen als auch im privaten Leben den klerikalen und männlich dominierten Regeln und Gesetzen unterwerfen. Gesprächen mit Iranerinnen ist zu entnehmen, dass die Frauen und Mädchen aber auch stolz darauf sind, dass der Westen sie nicht mehr als schwarz verhüllte identitätslose Wesen darstellt, sondern dass sie als selbstbewusst, dynamisch und ausdruckfähig in der Welt wahrgenommen werden.

Die Proteste der vergangenen Wochen haben bei unserem Besuch im Iran den Eindruck hinterlassen, dass es dabei in gewisser Weise um die Vollendung und Ergänzung der iranischen Revolution des Jahres 1979 geht. Die jungen Menschen wollen ihren Iran zurück und ihn selbst gestalten. Das Kopftuch ist lediglich ein Symbol dafür. Es geht um viel mehr. Es geht um den Iran. Das ursprüngliche Motto "Frau, Leben, Freiheit" wird zunehmend ergänzt durch "Mann, Heimat, Wohlstand". Damit wird die Bewegung umfassender. Sie erfasst auch Teile der Bevölkerung, die an Universitäten, in halbstaatlichen und auch staatlichen Bereichen tätig sind, aber nicht aktiv an den Protesten teilnehmen.

Diese Bewegung hat schon einen Sieg errungen. Sie hat die durch die religiöse Vorherrschaft verdrängte iranische Vielfalt wieder ins Zentrum des Bewusstseins gerückt. Für jedwedes politische System wird es schwieriger, die iranische Kultur wieder zu ignorieren und zu unterdrücken. Allerdings wird jedes iranische System der Zukunft international und regional schon wegen seiner geopolitischen Stärke (Größe, Ressourcen, Bildungsniveau, Infrastruktur und so weiter) als Herausforderung oder gar als Gegner betrachtet werden. Manche Länder der Region würden lieber sehen, dass ein geschwächter und sogar geteilter Iran aus dieser Krise hervorgeht. Das würde dem Ziel der Protestierenden, einen einigen und erneuerten Iran zu schaffen, zuwiderlaufen.

Heinz Gärtner und Mitra Shahmoradi sind gerade aus dem Iran zurückgekehrt. Sie haben die ersten Wochen der Proteste miterlebt und mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie Beobachterinnen und Beobachtern von unterschiedlichen Generationen gesprochen. Mitra Shahmoradi konnte auch Vergleiche mit der iranischen Revolution von 1979 ziehen, die sie als junge Frau erlebt hatte.