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Die Kakaobohne soll im Land bleiben

Von WZ-Korrespondentin Daniela Schröder

Wirtschaft

Ein Start-up will den Rohkakao-Exporteur Ghana zum Schokolade-Produzenten machen.


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Kaum süß, intensiver Kakao-Geschmack, plötzlich eine fruchtige Säure. "Bissap", sagt Kimberley Addison und bricht eine Ecke einer dünnen, rötlichen Tafel Schokolade ab. "Ein traditionelles afrikanisches Getränk aus Hibiskusblättern." In der Küche des Hauses ihrer Eltern in East Legon, einer gehobenen Wohngegend in Ghanas Hauptstadt Accra, rösten Kimberley und ihre Schwester Priscilla Kakaobohnen im Ofen. "57Chocolate" heißt die Marke der Addisons, ihr Start-up ist eine kleine Revolution in einem Land, das den Weltmarkt mit Kakaobohnen versorgt.

Ghana ist - nach der Elfenbeinküste - der zweitgrößte Rohkakao-Produzent der Welt. Mehr als zwei Millionen Kleinbauern in den beiden Ländern liefern fast drei Millionen Tonnen Kakao für den Export - nahezu 60 Prozent des weltweiten Angebots. Ghana deckt ein Viertel des globalen Bedarfs, jedoch macht Kakao weniger als 2 Prozent des ghanaischen BIP aus. Das Schokoladensortiment in ghanaischen Supermärkten ist zwar üppig, alle großen internationalen Marken liegen in den Regalen, viele mit Kakao aus Ghana hergestellt. "Made in Ghana" ist jedoch die Ausnahme, nur das staatliche Kakaounternehmen und eine kleine Schokoladenfirma bei Accra produzieren lokale Industrieware.

Schokolade als leistbarer Luxus für Afrikas Mittelschicht

Weniger als 4 Prozent der weltweit verkauften Schokolade konsumieren Menschen in Afrika. Doch das Konsumverhalten auf dem 56-Staaten-Kontinent ändert sich, in vielen Ländern wächst eine Mittelschicht heran, die Geld hat, Genuss schätzt und für die edle Schokolade eine erschwingliche Form des Luxus darstellt.

Diesen Markt wollen die "57Chocolate"-Schwestern erschließen. Aktuell 21 Sorten gehören zum Programm: dunkle Schokolade, Milchschokolade, weiße Schokolade und Kaffee, pur, mit Meersalz, frischer Kokosnuss oder Mandelsplittern. Das Markenzeichen von "57Chocolate" ist Bissap, die Sorte mit Hibiskusgeschmack. "Bissap war unser Lieblingsgetränk als Kinder, unsere Mutter hat es viele Jahre und mit viel Aufwand selbst gemacht", erzählt Kimberley. Heute lieben die Schwestern grünen Tee, also gibt es seit kurzem auch weiße Schokolade mit Matcha-Tee. "Die Schokolade-Herstellung ermöglicht sehr viel Kreativität", sagt Priscilla. "Und als Start-up, das kleine Mengen herstellt, ist es einfach, mit neuen Sorten zu experimentieren."

Aus Europa stammt die Geschäftsidee der Schwestern, es war ein Zufall. Ihr Vater hat in vielen Ländern weltweit gearbeitet, die Familie lebte lange in Genf, Kimberley und Priscilla arbeiteten nach dem Studium in Managementjobs. "Gute Arbeit, aber jeden Tag acht Stunden am Computer, das machte mich irgendwann unruhig", sagt Kimberley. Macht euch selbständig, riet der Vater, gründet ein Unternehmen. Klingt verlockend, meinten die Töchter, aber in welcher Branche? Als die Eltern beschlossen, in der Pension zurück in ihr Heimatland Ghana zu gehen, kamen Kimberley und Priscilla mit.

Kurz vor der Abreise aus der Schweiz unternahmen sie, was sie dort schon immer hatten unternehmen wollen, darunter eine Fabrikbesichtigung beim renommierten Schokolade-Hersteller Maison Callier. "Als wir uns die Produktion anschauten", erzählt Priscilla, "stellte sich heraus, dass der Großteil ihres Kakaos aus Ghana stammt. Wir fanden es absurd: Die Schweizer sind auf der ganzen Welt für ihre Schokoladen berühmt - dabei ernten sie keine einzige Kakaobohne." Wenn ein Land, das nicht einmal die Hauptzutat besitzt, dennoch edle Schokoladen herstellen kann, überlegten die Schwestern, dann kann die Kakao-Nation Ghana das erst recht. Und mit Luxusschokolade "made in Ghana", so der zweite Gedanke, füllen wir sowohl im Land selbst als auch in ganz Afrika eine Marktlücke.

2014 kündigten die Schwestern ihre Jobs, zogen mit den Eltern nach Accra, kauften Waagen und Formen, richteten sich im neuen Haus eine kleine Werkstatt ein. "Dann hieß es: Einfach machen, einfach ausprobieren, immer und immer wieder", beschreibt Kimberley die Startphase. "Unsere ersten Versuche ließen wir von Familie und Freunden testen, vieles war total ungenießbar. Priscilla und ich begriffen schnell, dass Schokolade-Machen ein Handwerk ist, das man lernen muss."

Viele Kakao-Bauern haben noch nie Schokolade gegessen

Die Schwestern belegten Kurse bei Schokolade-Herstellern in Belgien, England und der Schweiz, lasen Fachbücher, recherchierten im Internet. In Ghana besuchten sie Kakao-Plantagen, interviewten die Farmer, halfen bei der Ernte. "Wir wollten den Rohstoff verstehen", sagt Kimberley. Was sie auf dem Land auch erfuhren: Der wichtigste Mensch in der Produktionskette kennt nicht automatisch das Endprodukt. "Viele der Bauern wussten weder, was aus ihren Kakaobohnen entsteht", sagt Priscilla, "noch hatten sie jemals in ihrem Leben Schokolade gegessen."

Zwei Jahre später kamen die ersten "57Chocolate"-Tafeln auf den Markt, mit 66 Prozent Kakao-Gehalt, eine Großbestellung für eine Hochzeit. Heute ist eine dunkle Milchschokolade mit 55 Prozent Kakao die beliebteste Sorte, danach folgt die dunkle Schokolade mit 73 Prozent. Insgesamt gut 500 Tafeln pro Monat produzieren die Addisons mit derzeit acht Mitarbeitern, davon sechs Frauen. Ihre "57Chocolate" gibt es nur in Ghana und den USA in einigen kleinen Läden, alles andere läuft via Online-Versand, Marketing machen die Schwestern über Soziale Netzwerke. Zu Umsatz, Gewinn, Investitionssumme sagen Kimberley und Priscilla nichts, neben ihrem Ersparten sei Geld von Familie und Freunden ins Start-up geflossen, außerdem gewannen sie einen ghanaischen Förderpreis für junge Unternehmer.

Die Schwestern produzieren ihre Ware in Handarbeit, es beginnt mit dem Sortieren und Rösten der Kakaobohnen und endet mit dem Verpacken und Verschicken der Schokoladen. Die Bohnen stammen von Bio-Farmen im Osten Ghanas, künstliche Geschmacks- und Farbstoffe sind bei "57Chocolate" tabu, Zucker setzen die Addisons sparsam ein, die Schokoladen schmecken nach ihrer Hauptzutat Kakao. "Unsere Marke beweist, dass hochwertige Schokolade nicht das Monopol europäischer Hersteller ist", sagt Kimberley.

"57Chocolate" - eine afrikanische Vorzeige-Start-up-Geschichte? "Wäre schön", sagt Priscilla. "Aber ein Firmengründer in Ghana zu sein, das bedeutet Hindernisse überwinden und Probleme aus dem Weg räumen zu müssen. Jeden Tag." 2016, als die Schwestern mit dem Schokoladenherstellen begannen, fiel im Land über Wochen immer wieder der Strom aus. Das unzuverlässige Netz beschädigte die wichtigste Maschine der Addisons, sie verpassten Lieferfristen, verloren Umsatz, dann investierten sie in einen Stromgenerator. Auch die Bürokratie war eine Herausforderung. Wie in vielen anderen afrikanischen Staaten durchzieht Korruption alle Schichten der Gesellschaft. Wer ein neues Unternehmen anmelden will, braucht ein Extra-Budget. "Integrität ist für uns jedoch entscheidend", sagt Kimberley. "Daher hat es ewig gedauert, bis wir alle nötigen Genehmigungen und Papiere hatten."

Ghana und Elfenbeinküste fördern neue Schoko-Hersteller

Um mit ihrem Hauptprodukt Kakao mehr einzunehmen und so ihre Wirtschaft anzukurbeln, versuchen die Hauptexporteure Ghana und Elfenbeinküste neuerdings, das Veredeln und Verarbeiten des Rohstoffs im Land zu fördern. Nur ein Bruchteil des Verkaufspreises einer Tafel Schokolade, weniger als 7 Prozent, geht aktuell an die Kakao-Hersteller. Das BIP von Ghana und der Elfenbeinküste liegt bei insgesamt 78,85 Milliarden US-Dollar - der weltweite Jahresumsatz der Schokolade-Industrie bei 98,2 Milliarden US-Dollar. Das wollen die beiden Länder ändern: In der Elfenbeinküste sind zwei große neue Schokolade-Fabriken entstanden, Ghana treibt die Marktliberalisierung voran und will den bisher staatlich dominierten Sektor komplett für Privatfirmen öffnen.

Nicht nur "57Chocolate" nutzt die Chance. In der Elfenbeinküste gründeten drei ehemalige Banker 2015 den Schokolade-Hersteller "Instant Chocolat", im ersten Betriebsjahr verkauften sie 3,5 Tonnen Schokolade-Produkte, im zweiten fast 50 Tonnen pro Monat. In Ghana fertigt Sterne-Köchin Selassie Atadika unter dem Label "Midunu Chocolates" Pralinen und Trüffel mit Berbere-Mix aus Äthiopien, Rooibos-Tee aus Südafrika, kenianischem Kaffee und ghanaischem Prekese-Gewürz. "Meine Schokolade erzählt Afrika durch die Geschmäcker Afrikas", sagt Atadika. Für den ghanaischen Gastro-Experten Yorm Ackuaku sind die handgemachten Schokolade-Marken ein Ausdruck des Wiederentdeckens lokaler Esskulturen: "Die Menschen sind wieder stolz auf hochwertige Lebensmittel aus ihrer Heimat. Schokolade aus Afrika ist eine logische Weiterentwicklung dieses Trends."

Die Addison-Schwestern drücken den Stolz auf ihre Herkunft auch dadurch aus, dass sie ihre Schokolade in Formen mit traditionellen Symbolen des ghanaischen Asanti-Volkes, "Adinkra" genannt, gießen, die für Eigenschaften wie Stärke, Schönheit, Menschlichkeit und Mut stehen. "Schokolade gilt als Produkt des Westens", sagt Kimberley. "Die ‚Adinkra‘ sind Ausdruck von Ghanas Einzigartigkeit, mit ihnen würdigen wir den Kunst- und Kulturreichtum Afrikas." Ihr Start-up bezieht alle Rohstoffe aus Ghana, auch Verpackungsmaterial, das etwa aus China deutlich günstiger wäre. "Wir wollen die komplette Wertschöpfung im Land halten", begründet Priscilla.

"Fast alles, was die Menschen in Ghana kaufen, ist importiert"

Zur patriotischen Unternehmensstrategie passt auch der Name: "57Chocolate" steht für das Jahr, in dem Ghana nach Jahrzehnten unter britischer Kolonialherrschaft seine Unabhängigkeit erklärte. "1957 war revolutionär, weil es eine Gründer-Euphorie auslöste, zig kleine und große Unternehmen entstanden, das Land löste sich von der Importabhängigkeit und begann sich in großem Stil zu industrialisieren", sagt Kimberley. "Diese Anpack-Attitüde muss in Ghana wieder aufleben."

"57Chocolate" soll ein Vorbild dabei sein, Ghanas Rohstoffe nicht bloß zu exportieren, sondern im Land zu Konsumwaren zu verarbeiten, mit deutlich mehr Einnahmen. Aus Kakaobohnen Luxusschokolade zu machen, ist laut Kimberley nur eine Option von vielen. "Säfte, Tomatenmark, Marmelade, Salz, Zucker, Hundefutter, sogar Zahnstocher - fast alles, was die Menschen in Ghana tagtäglich kaufen, ist importiert", sagt Priscilla. "Doch wir müssen mit unseren Rohstoffen selbst Produkte herstellen, für den eigenen Konsum und für den Export." Ein starker Fertigungssektor, sagt sie, sei entscheidend für den Wohlstand eines Landes. "Nur so entstehen dringend benötigte Jobs, nur so wächst die Wirtschaft. Und nicht allein Ghana, ganz Afrika braucht dringend mehr Produktion."

Für das eigene Start-up haben die Addison-Schwestern viele Pläne. Die Anträge für ein erstes Ladengeschäft in Accra sind eingereicht, Priscilla checkt Optionen für internationalen Versand, Kimberley schaut sich nach einem Gebäude für eine größere Schoko-Manufaktur um, wo sie sowohl mehr produzieren als auch Touren und Workshops anbieten können. "Irgendwann eröffnen wir dann ein ‚Haus der Schokolade‘ in Accra, eine Erlebniswelt rund um alles, was aus der ghanaischen Kakaobohne werden kann", sagt Kimberley lachend. "Die berühmten Chocolatiers aus Europa können dann gerne zu uns kommen und sich inspirieren lassen."