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Die Krise und die Gegenstrategien

Von Andreas Unterberger aus den USA

Wirtschaft

Fünf, zehn oder zwanzig Jahre Pech? | Die Krise ist gekommen, um zu bleiben. | New York. Gleich zwei Redner erzählen unabhängig voneinander dieselbe Geschichte aus dem alten Rom: "Der Kaiser sollte entscheiden, welcher von beiden Sängern besser singt. Aber schon nach Anhören des ersten Sängers überreichte er dem zweiten den Preis - so schlecht sang der erste. Dadurch bekam der Herrscher gar nicht mit, dass der zweite Kandidat überhaupt nicht imstande war, auch nur einen Ton hervorzubringen."


Thema des Sondertreffens der Mont Pelerin Society in New York war die Weltwirtschaftskrise. Beide Redner nahmen mit dieser Parabel zu der Kontroverse Stellung, wer eigentlich schuld an der Krise sei.

Jene Seite, die wirklich vorsingen musste, ist die Marktwirtschaft; daher steht sie heute - trotz ihrer unbestreitbaren Erfolge bei der Vermehrung von weltweitem Wohlstand, trotz der Befreiung hunderter Millionen Menschen aus der Armut als Folge der Reagan-Thatcher-Reformen - in den Augen vieler blamiert als Loserin und schuldig an der Krise da.

Die Anhänger von "Staatsindustrie, Merkantilismus, Zentralplanung, Preisregulierung und konfiskatorischer Besteuerung" (wie sie etwa der italienische Senator und Ex-Minister Antonio Martino beschrieb) mussten hingegen ihre Fähigkeiten, es besser zu können, im wirklichen Leben nicht unter Beweis stellen. Umso leichter können sie heute jubeln.

Mit einer anderen Wettbewerbs-Metapher wartete bei der gleichen Veranstaltung der Ökonom Peter Boettke auf: "Wenn ein Schwimmer mit gebundenen Armen und Beinen ins Becken geworfen wird und untergeht, ist das dann ein Schwimmerfehler?" Womit natürlich wieder die schlecht und zu viel regulierte Marktwirtschaft gemeint war.

Depressive Stimmung

Diese Metaphern zeigen: Die Rolle der Marktwirtschaft in der Krise gab dem Mont-Pelerin-Treffen einen depressiven Unterton. Mont Pelerin ist das exklusive und diskrete Konklave der global besten Ökonomen in Sachen Marktwirtschaft und Freiheit. Die Gesellschaft heißt nach dem Schweizer Ort, wo sie von den beiden Giganten des politökonomischen Denkens des 20. Jahrhunderts, Friedrich August von Hayek und Milton Friedman, gegründet worden ist. Auch heute zählen mehrere Nobelpreisträger zu ihren handverlesenen Mitgliedern, wie etwa Gary Becker und Edmund Phelps.

Zwischen den beiden entwickelte sich bei der Konferenz ein spannender Dialog über Auswege aus der Krise. Phelps: "Mit den Marktkräften allein wird die Entwicklung sehr langsam sein, da wird die Krise fünf bis zehn Jahre dauern." Becker dagegen: "Die Regierungen haben aber schon so viel gegen die Krise versucht und alles ist schief gegangen." Phelps: "Versuchen wir doch, 10 bis 15 spezialisierte Banken zur Belebung des Geschäftslebens zu schaffen; die müssten in speziellen Branchen eine Expertise haben, um wirtschaftliche Innovationen fördern zu können."

Becker hingegen ist ganz davon überzeugt, dass einzig die Marktwirtschaft am Ende zum Erfolg führen wird, weil sie der "beste und einzige ehrliche Weg" zur Organisation knapper Ressourcen ist. "Wir müssen aber dafür kämpfen. Wir sollten weltweit Think Tanks gründen, die sich für freie Märkte einsetzen."

Wie Untergang Roms

Deepak Lal, der aus Indien stammende gegenwärtige Mont-Pelerin-Präsident, ist noch pessimistischer als die beiden Nobelpreisträger. Er erinnert die Amerikaner gar an den Untergang des alten Roms (schon wieder die alten Römer), das letztlich an einer mit Inflation verbundenen Fiskalkrise zerschellt sei: "Obamas Politik wird eine Rieseninflation auslösen." Vor dem Untergang gibt er aber noch einen Rat: "Kaufen Sie nur noch inflationsgeschützte Papiere."

Becker empfiehlt den USA, die umstrittenen Steuersenkungen nicht abzuschaffen und die Steuern auf Kapital zu senken. Exzessive Bezüge von Managern solle der Markt, nicht die Regierung beschränken. Es dürfe künftig auch keine Unsicherheit mehr geben, welche Firmen vor der Pleite gerettet werden und welche nicht. An das nun wieder von vielen Regierungen vertretene Keynes-Rezept, dass sich durch Staatsausgaben die private Nachfrage vervielfachen lasse, glaubt Becker hingegen nicht. Er gibt aber zu, dass für die Politik die Entscheidungen schwierig sind, wenn die Ökonomen selbst verwirrt sind.

Schwierig sei etwa auch die Unterscheidung zwischen kurz- und langfristigen Notwendigkeiten: So sei die Verpflichtung der Banken auf höhere Eigenkapitalquoten langfristig notwendig, kurzfristig jedoch "Selbstmord".

Interessant klingt der Vorschlag von Arnold Harberger (Universität von Los Angeles): Er empfiehlt, dass nur noch Pensionsfonds und Versicherungen Hypotheken ausgeben sollen, weil deren Rückzahlungsfristen viel zu lange für normale Banken seien. Einig waren sich fast alle Experten in der Forderung, dass die Reservefonds des Internationalen Währungsfonds gewaltig aufgestockt werden müssen. Ebenso herrschte Konsens in der Verurteilung des sich - trotz anderslautender Versprechungen der Regierungen - vielerorten ausbreitenden Protektionismus als besonders gefährliches Übel.

Die meisten Anwesenden sahen eine weitere Krisentherapie darin, dass Länder wie China künftig viel mehr ausgeben müssen, um die Weltwirtschaft zu beleben. Der einzig anwesende chinesische Experte, Justin Lin, Chefökonom der Weltbank, schob hingegen den USA die Hauptverantwortung zu und sah keine Schuld Chinas. Er sieht aber nicht nur die Finanzmärkte als Problem, sondern die Überkapazitäten in der produzierenden Wirtschaft (wobei er offen ließ, ob die mehr im Westen oder in Asien bestehen). Trotz dieser Überkapazitäten verlangte er aber dennoch massive Keynesianische Staatsinterventionen in die Wirtschaft. Den Widerspruch milderte er aber ab, indem er die Investitionen nur dorthin lenken will, wo es Flaschenhälse gibt, und wo sie einen konkreten Ertrag versprechen.

Kraft des Untergangs

Eine große Renaissance unter den Ökonomen erlebt jedenfalls der Österreicher Joseph Schumpeter (wie auch sonst fast kein Redner ohne lobende Zitierung der prophetischen Gabe der "Austrians" auskam, also der großen österreichischen Ökonomen von Hayek bis Mises). Schumpeter hatte die evolutionäre und kreative Kraft des Untergangs von Unternehmen herausgearbeitet; nur so könne zukunftsfähiges Neues entstehen. Marode Firmen sollen in Konkurs gehen und nicht gerettet werden. Wenn kein Unternehmen, keine Bank mehr sterben darf, wird auch nichts kreatives Neues entstehen. "Viele Staaten schützen aber heute Dinosaurier vor dem Aussterben." Der Verleger und ehemalige Präsidentschaftskandidat Steve Forbes: "Dabei sind noch in jeder Krise kreative Innovationen entstanden." Peter Boettke formulierte dasselbe so: "Märkte sind statisch ineffizient und machen immer wieder Fehler, sie sind überoptimistisch oder überpessimistisch. Aber sie sind effizient beim Anpassen und machen aus den heutigen Fehlern morgen Gewinne."

Überaus skeptisch sehen die versammelten Ökonomen die nun geplante Welle zusätzlicher Regulierungen der Wirtschaft. Es gebe jetzt schon eine Unzahl davon, und keine habe die Krise verhindert. Regulatoren seien meist risikofeindlich und brächten ihre eigenen politischen und moralischen Werte ins Spiel. Und außerdem, so Becker: "Sobald die Regierung wo hineinkommt, bekommt man sie nur sehr schwer wieder hinaus. Die Erholung der Wirtschaft wird durch die Einmischung der Sozialingenieure letztlich nur verzögert." Forbes: "Auf Grund der staatlichen Einmischungen fließt kein privates Kapital mehr in die Finanzwirtschaft, obwohl die Verluste ja großteils nur auf dem Papier gestanden sind."

Sehr deprimierend fiel der Blick nach Japan aus, wo schon vor 20 Jahren eine Immobilienblase geplatzt ist. Und wo seither eine Flaute mit deflationären Zügen herrscht, gegen die die Regierung kein funktionierendes Rezept gefunden hat. Es wird zu wenig investiert. Es werden kaum Kredite aufgenommen (die ja in der in Japan herrschenden Deflation, dem Gegenteil der Inflation, besonders drückend werden). Haushalte wie Firmen versuchen vielmehr - auch vor dem Hintergrund einer rasch alternden Gesellschaft, die sich um ihre Zukunft sorgt, - ihre Schulden abzubauen. Die Banken können ihr Geld daher nur noch der Regierung verkaufen. Japan ist aber mit 170 Prozent Staatsverschuldung heute schon das meistverschuldete Land der Welt.

Ebenfalls kein Modell für eine Krisenlösung, so zeigt eine Analyse von Amity Shlaes, ist der New Deal des damaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt nach dem Kollaps 1929. Der New Deal habe nie funktioniert, erst der Weltkrieg habe die Arbeitslosen absorbiert. Sie zitierte Roosevelts Finanzminister Morgenthau nach acht Jahren New Deal: "Wir geben mehr Geld aus als jemals zuvor. Und es funktioniert nicht."

In der Summe klingt vieles an den Überlegungen der versammelten Wirtschaftsdenker zur zentralen Frage "Was tun?" klug und richtig. Sie können auch oft beweisen, was alles nicht funktionieren kann - aber das tolle Patentrezept zur raschen Beendigung der Krise findet sich nicht in ihrer Trickkiste. Gary Becker rät daher: "Es ist besser, nichts zu tun als etwas Falsches."

In einem Punkt unterscheidet sich die Mont-Pelerin-Plattform aber von sogenannten Liberalen in vielen anderen Ländern: Sie steht auch in kritischen Zeiten zu ihren ordnungspolitischen Prinzipien. Und verwässert diese nicht mit Lobbying für Gruppeninteressen.

Viel leichter fiel dem Ökonomen-Konklave die Diagnose der Krisenursachen. Die meiste Schuld fanden sie bei der Politik (einschließlich der amerikanischen Notenbank), die auch in üppigen Zeiten ständig zu Konsum statt Sparsamkeit angeleitet habe; aber auch die Banken und Rating-Agenturen bekamen viel Kritisches zu hören.

Hauptverursacher der Krise ist offensichtlich die amerikanische Notenbank, die mit ihren niedrigen Zinsen zwischen 2003 und 2005 den Hypothekenboom angeheizt habe. Noch gravierender wirkte sich der seit vielen Jahren auf die Banken ausgeübte Druck aus, auch an schlechte Schuldner Hypotheken zu vergeben. Populistische Politik wollte möglichst viele Amerikaner zu Hauseigentümern machen.

Als dann die Zinsen doch angehoben werden mussten, konnten viele Amerikaner ihre teurer werdenden Hypotheken nicht mehr bedienen. Worauf die Notenbank-Zinsen im April 2008 wieder scharf gesenkt wurden - was dann jedoch primär eine Dollarabwertung und den Ölpreisboom zur Folge hatte.

Die Bush-Fehler

Als völlig sinnlose Verschwendung gilt der Versuch der Regierung Bush im Frühjahr 2008, mit Schecks über 100 Milliarden Dollar die Bürger zum Konsumieren zu bringen. Wer Friedman gelesen hat, weiß: Vorübergehende Lohnerhöhungen wirken sich nicht auf den Konsum aus, sondern werden gespart (was übrigens im Herbst auch österreichische Wirtschaftsforscher nicht gehindert hat, zur Ankurbelung der Wirtschaft einmalige Bonuszahlungen zu empfehlen . . .).

Im Herbst passierten die nächsten Bush-Fehler: Manche große Konzerne wurden auf Staatskosten gerettet, manche nicht - Konzept war keines erkennbar. Auch das dann als nächstes verkündete 700-Milliarden-Paket war schlecht vorbereitet und wenig durchdacht. Die Bürger konnten nur rätseln, wie kontrolliert wird, nach welchen Regeln es vergeben wird. Die Märkte verloren daraufhin endgültig das Vertrauen. Die Kurse stürzten daher weiter. Und zu Jahresbeginn hat nun auch der neue Präsident Barack Obama mit seinen Mega-Paketen erfolgreich Investoren verschreckt: Diese sind nun überzeugt, dass das zu massiven Steuererhöhungen mit neuerlich negativen Auswirkungen führen muss - ebenfalls kein Grund zu investieren, sondern zu sparen.

Der Historiker Niall Ferguson verweist darauf, dass das US-Defizit jetzt schon so groß sei wie im Weltkrieg - und mangels Wachstum wohl noch größer werde. Die hemmungslose Inbetriebnahme der amerikanischen Notenpresse hat sogar den Chef der Zimbabwe-Nationalbank triumphieren lassen, weil die Amerikaner nun genau das täten, wofür Zimbabwe weltweit getadelt worden ist. Der Ökonom Martin Wolf sieht aber auch die großen Schwellenländer (Asien, Russland, Brasilien, Argentinien) in der Mitverantwortung: Die hatten in den 80ern und 90ern auf Grund ihrer Zahlungsbilanzdefizite Währungs- und Bankenkrisen; nach deren Überwindung beschlossen sie "Nie wieder": Sie hielten die Währungen künstlich niedrig, limitierten Kredite, akkumulierten Zahlungsbilanzüberschüsse und Währungsreserven. Klingt gut, ist es aber nicht. Denn diesem "merkantilistischen Hybrid" (Wolf) mussten notwendigerweise anderswo Defizite gegenüberstehen. Diese entstanden vor allem in den USA (vor allem bei deren Haushalten), die 70 Prozent dieser weltweiten Ersparnisse konsumierten.

Von etlichen Experten wurde auch "Basel 2" als zusätzliche Krisenursache gegeißelt, also jenes internationale Abkommen, das die Banken entsprechend dem Risiko der ausstehenden Kredite zur - an sich richtigen und notwendigen - Reservenhaltung zwingt. Das Problem ist nur: Dieses Risiko und damit die Reservenhaltung erhöht sich naturgemäß in einer Krise, womit "Basel 2" prozyklisch zu deren Verschärfung beiträgt. Uneinigkeit herrschte hingegen bei der Frage, ob wirklich alle Staatsinterventionen in der Finanzwelt bis hin zu Verstaatlichungen notwendig waren. Oder ob es genügt hätte, wenn die Notenbanken einfach noch mehr Geld verborgt hätten, um die Liquidität sicherzustellen.

Jedenfalls, so betonten mehrere Redner, hätten auch die Banken viele Fehler begangen, sie waren nach langen Jahren der Erfolge zu wenig krisenbewusst und hätten daher zu hohe Risiken übernommen. Phelps: "Das war persönliche Verantwortungslosigkeit." Was jedoch Forbes nicht so sieht: "Die Wall Street ist seit 200 Jahren dieselbe. Die hat nicht plötzlich beschlossen, gierig zu werden."

Im Rückblick sind jedenfalls alle klüger. Wenn man Deepak Lal glaubt, hat zumindest er auch schon vor der Krise klug reagiert: "Als ich im Frühjahr 2007 nach Hause kam, war der Briefkasten mit zahlreichen Offerten voll, die einen Hypothekarkredit auf mein Haus anboten - selbst wenn man keinen Job und kein Vermögen hat. Das war für mich ein Warnsignal, worauf ich all meine Anlagen in Bargeld verwandelt habe."

Auch eine Lehre aus der Krise: Jedenfalls seine Post genauer anzuschauen (und Ökonomieprofessor zu sein).