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Die Krise weckt Gefühle für Europa

Von Walter Hämmerle

Europaarchiv

Ansehen Europas gewinnt in schwierigen Zeiten. | Österreich aber immer noch unter EU-Durchschnitt. | Ost-Erweiterung bleibt Rotes Tuch. | Wien. Die gute Nachricht zuerst: Die Österreicher sind nicht länger Europameister in Sachen EU-Skepsis. Laut dem jüngsten Eurobarometer, durchgeführt von Gallup, sind nun 39 Prozent der Österreicher der Meinung, dass die EU-Mitgliedschaft eine "gute Sache" sei. Das entspricht einem Plus von 3 Prozentpunkten gegenüber Frühjahr 2008, als Österreich einen neuen Negativ-Rekord aufgestellt hatte.


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Nunmehr finden sich Lettland, Ungarn und Großbritannien am Ende der Liste, erst dann folgt Österreich. EU-weit sind 53 Prozent der Befragten der Meinung, die EU-Mitgliedschaft sei eine gute Sache.

In dieses Bild einer leicht verbesserten Stimmung passt auch die Antwort auf die Frage "Hat Ihrer Meinung nach Österreich insgesamt gesehen durch die Mitgliedschaft in der Europäischen Union Vorteile oder ist das nicht der Fall?" Hier sprang die Zahl der Befürworter um erstaunliche 11 auf 47 Prozent (EU27: 56), die Zahl derer, die das verneinen sank um 5 auf 42 Prozent (EU27: 31). Auch das Image der EU hat sich ins Positive gedreht, wenngleich die Werte nach wie vor deutlich unter dem europäischen Durchschnitt liegen - nur in Großbritannien verfügt die EU weiter über ein negatives Image.

Ursachen: Statistik und Krise

Woher die plötzliche Zuneigung der Österreicher zur Union? Zum einen ist die nicht um so viel größer geworden, wie es auf den ersten Blick den Eindruck erweckt. Für Gallup-Meinungsforscher Harald Pitters handelte es sich nämlich bei der Frühjahrsumfrage 2008 um einen einmaligen Ausreißer nach unten, mit der jetzigen Umfrage würden die Österreicher wieder in ihren langjährigen Trend zurückpendeln.

Der zweite, wahrscheinlich gewichtigere Grund für die gewachsene Zustimmung zur EU muss in der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise gesucht werden, die - gemeinsam mit dem Krieg in Georgien - die Schlagzeilen während der Feldarbeit der Umfrage bestimmten. Angesichts der Verwerfungen außerhalb der EU- und Euro-Zone - man denke nur an den Staatsbankrott in Island - gewannen die notorisch EU-skeptischen Österreicher der Gemeinschaft neue, positive Seiten ab.

So stimmen nun etwa 45 Prozent der Aussage zu, dass die EU hilft, sich vor den negativen Seiten der Globalisierung zu schützen. Im Frühjahr 2008 waren nur 30 Prozent dieser Ansicht. Dies äußert sich nicht zuletzt auch im deutlich gestiegenen Vertrauen, das nun den europäischen Institutionen entgegenschlägt.

Emotionale Baustelle Ost-Erweiterung

Dennoch ist im Verhältnis der Bürger zur EU längst noch nicht alles eitel Wonne. So wird der Fall des Eisernen Vorhangs und die EU-Erweiterung nach Ost- und Mitteleuropa ausgerechnet von den Österreichern besonders skeptisch bewertet - aus Sicht des Landes als auch aus persönlicher Perspektive. Dass Österreichs Wirtschaft dadurch überproportional profitiert, ist nicht in den Köpfen und Herzen der Menschen angelangt.

Die Umfrage schürt auch Hoffnung in Bezug auf die EU-Wahl im Juni: Immerhin 50 Prozent erklärten im Herbst ihre Bereitschaft zur Stimmabgabe - 2004 lag die Wahlbeteiligung noch bei 42 Prozent.

Wissen

Im Rahmen der Umfrage Eurobarometer 70 wurden im Oktober und November 2008 insgesamt 30.130 Personen in den EU-27 sowie in den Beitrittskandidatenländern Kroatien, Türkei und Mazedonien ab 15 Jahre persönlich interviewt. In Österreich wurden 1003 Interviews geführt, die per Zufallsauswahl erfolgten. Schwankungsbreite: 3 Prozent.

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