Zum Hauptinhalt springen

"Die Kunden haben auch nicht mehr Geld"

Von Mirjam Hangler

Wirtschaft

Floristen, Friseure und Co kämpfen mit hohen Energiekosten und Kundenschwund. Wie gehen Geschäftsinhaber mit der aktuellen Krise um?


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 1 Jahr in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Puzzles, Stofftiere und Holzfiguren reihen sich auf den Pappregalen nebeneinander. Von der grüngestrichenen Decke tauchen die Lampen das kleine Geschäft in der Wiener Währinger Straße in ein gelbliches Licht. Mitten im Kinderparadies steht Francisca Fischerlehner. Seit acht Jahren betreibt sie ein Geschäft für nachhaltiges Spielzeug. Ausgelastet ist sie im Moment nicht, pro Tag kaufen nur etwa fünf bis acht Kundinnen und Kunden in der "wunderbaren Spielkiste" ein. In der letzten Stunde war nur ein junges Paar hier, das einen Stofftier-Erpel um 55 Euro gekauft hat - als Geschenk für die Kinder eines Jägers. Vor einem Jahr hat das Plüschtier noch unter 50 Euro gekostet, nicht alle wollen und können sich die neuen Preise leisten.

"Im Moment merke ich schon, dass die Leute sehr zurückhaltend sind und das Geld zusammenhalten. Nämlich auch die, die keine Existenzbedrohung sehen", sagt Fischerlehner. Das wirkt sich auch auf ihr kleines Geschäft aus. Ohne den zusätzlichen Verkauf von den im Moment sehr beliebten Woom-Fahrrädern könnte Fischerlehner rein durch den Verkauf des Spielzeugs nicht einmal ihre Fixkosten decken. Und auch trotz der Woom-Räder hat ihr Laden dieses Jahr noch keinen Gewinn abgeworfen, im Gegenteil: Sie steckt ihr Erspartes in das Geschäft, um es zu erhalten. Wenn Weihnachten und Ostern keine merklichen Umsatzsteigerungen bringen, wird sie ihren Laden schließen müssen. Bis dahin ist sie froh, mit einem gut verdienenden Mann verheiratet zu sein.

Für das Einkommen ihres Mannes ist auch Helga Fuchs, die seit 2011 den "Friseursalon Helga" in Kaiserebersdorf führt, dankbar. "Ich konnte den Laden retten, aber ich habe nichts daran verdient." Früher ließen sich täglich rund 15 Kundinnen und Kunden bei ihr die Haare schneiden, jetzt sei sie froh, wenn halb so viele kommen, sagt die Friseurin, die eine Mitarbeiterin beschäftigt. Sie hat Anfang des Jahres die Preise um ein bis zwei Euro angehoben, ein Herrenschnitt kostet jetzt bei ihr 18 Euro. Über eine erneute Preiserhöhung denkt sie nicht nach. "Wenn ich teurer werde, gehen die Menschen gleich gar nicht mehr zum Friseur", sagt sie. Sie hätte aber auch ein schlechtes Gewissen: "Die Kunden haben ja auch nicht mehr Geld."

Hohe Inflation

Die Inflationsrate betrug im August 9,3 Prozent, wie die Statistik Austria bekanntgegeben hat. Wobei die Preise für Wohnung, Wasser und Energie um durchschnittlich 13,8 Prozent gestiegen sind. Auch in Restaurants und Hotels wurden die Preise im August mit 9,9 Prozent stärker angehoben als im Juli.

Manfred Chmela folgte der Inflation nicht, er hat die Preise im "Gasthaus Wist" im dritten Bezirk noch nicht angepasst. Er befürchtet, dass er durch eine Preiserhöhung Gäste verlieren könnte, die er dringend braucht. Um den gleichen Gewinn zu erzielen wie früher, müsste er seine Preise nämlich um zirka 1,50 Euro pro Gericht erhöhen. Schon seit der verstärkten Nutzung vom Homeoffice hat der Wirt, der nur mittags geöffnet hat, einen Umsatzeinbruch gespürt. Doch jetzt werden auch seine Einkaufskosten empfindlich höher. Für die Martini-Gänse, die er im Herbst wieder anbieten möchte, zahlt er dieses Jahr das Doppelte. "Voriges Jahr habe ich ungefähr 4 Euro bis 4,50 Euro pro Kilogramm bezahlt und jetzt sind wir bei 8 bis 9 Euro pro Kilo", erzählt der Wirt. Auch Öl kostet mittlerweile fast zweimal so viel wie vor einem Jahr. Durch die Preiserhöhungen im Einkauf hat sich auch Chmelas Arbeitsaufwand erhöht.

Jeden Tag klappert er unterschiedliche Großhändler ab, um möglichst viele Aktionen zu erwischen. Respekt vor der Zukunft hat Chmela schon, der das Gasthaus mit seiner Frau betreibt. Er hat bereits die Mitteilung erhalten, dass die Energiekosten sich im nächsten Jahr fast verdoppeln werden. Jetzt wartet er ab, ob vonseiten der Regierung für Unternehmen das Pendant für den Strompreisdeckel kommt, den die Regierung im September für Privathaushalte vorgestellt hat. Dass er reich werde, habe er sowieso schon abgehakt. "Ich will einfach nur leben können, mehr will ich ja gar nicht", so der Gastronom.

"Gut kaschieren"

Trotz der Schwierigkeiten für Unternehmerinnen und Unternehmer ist die österreichische Wirtschaft im zweiten Quartal weiter gewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) war heuer real um 6 Prozent höher als im Vorjahr. Das entspricht einem Anstieg von 1,5 Prozent gegenüber dem ersten Quartal 2022, so vorläufige Berechnungen der Statistik Austria. Vor allem bei kleineren Betrieben ist die Lage trotzdem sehr angespannt.

"Ich kann gut kaschieren", sagt eine Floristin aus dem dritten Bezirk. Für einen Blumenstrauß, der bis vor kurzem 25 Euro gekostet hat, müsste sie jetzt 28 bis 30 Euro verlangen, um den gleichen Gewinn zu erzielen. Sie verwendet aber einfach mehr Äste und Blätter, die günstiger sind. Dadurch bleiben das Volumen und der Preis des Straußes gleich, obwohl weniger Blumen eingebunden sind. Dass sie die Preise in Zukunft trotzdem anheben muss, sieht sie gelassen. "Das Einzige, worüber ich mir Sorgen mache, ist das Heizen, weil wir eine sehr hohe Werkstatt haben", so die Floristin. Sie wird weniger heizen, mehr anziehen und "einfach durchhalten" - wie so viele andere Geschäftsinhaberinnen auch.