Die Kunst des Erinnerns

Von Alexander Maurer

Gehirn
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Wie kann man sich Sachen am besten merken? Die "Wiener Zeitung" sprach mit einem Gedächtnistrainer.


Wien. Ein Schüler, der die Zahl Pi bis zur dreihundertsten Stelle auswendig kennt, ist doch sicherlich ein Wunderkind. Oder etwa nicht? Das sei alles andere als Hexerei, meint Ivan Ilic. Es komme einfach nur auf die richtige Merktechnik an.

Ilic ist seit zwölf Jahren als Fachhochschullehrer tätig. Dabei ist ihm aufgefallen, dass sich einige Schüler viel besser konzentrieren und lernen konnten als andere. "Sie waren aber nicht intelligenter als die anderen. Sie hatten nur unbewusst selbst Mnemo-Techniken entwickelt, sei es nun Schnelllesen oder Merksysteme", sagt Ilic. Er habe diese Techniken bei seinen Schülern studiert und weiterentwickelt. Als Ergebnis gründete er 2009 das Mnemo-Institut, wo er Interessierte dabei unterstützt, ihr Gedächtnis zu trainieren.

Für die Nutzbarmachung der Mnemo-Techniken bediente sich Ilic der neurolinguistischen Programmierung. Mittlerweile vorrangig als Rhetoriktraining für Politiker bekannt, ginge es dabei eigentlich darum, psychische Abläufe zu modellieren, was insbesondere bei Therapien benutzt werde, fügt er an.

Das Gehirn, ein paradoxer Koffer

"Das Gehirn ist wie ein Muskel. Mehr noch, es ist wie ein paradoxer Koffer. Je mehr man hineinpackt, desto mehr geht auch hinein. Aber wenn man wenig einräumt, passt auch kaum etwas rein", erklärt Ilic. Training und Wissensaneignung seien daher unumgänglich, um die Kapazitäten des eigenen Gedächtnisses zu erweitern.

Gedächtnisübungen seien ein natürlicher Bestandteil des Lernens. "Das fängt schon bei einfachen Eselsbrücken und Akronymen an, die wir als Kinder verwenden", sagt er. Als Beispiel nennt der Gedächtnistrainer den Spruch "Nicht Ohne Seife Waschen", als Gedächtnisstütze für die Himmelsrichtungen.

Dass solche Stützen jahrelang halten, kann jeder bezeugen, der sich auch im Erwachsenenalter dabei ertappt hat, diese Sprüche im Kopf abzurufen. Ein häufig von Gedächtnistrainern gegebener Ratschlag ist es, Bilder und Geschichten zu Inhalten im Kopf entstehen zu lassen. "Das ist altbewährt und wird als Mnemo-Technik auch oft bei uns angewandt. Beispielsweise wird aus der Zahl 76 ein Koch und aus der 102 ein Bus. Satt 76102 sitzt dann ein Koch im Bus", erklärt Ilic.

Wäre es dabei nicht einfacher, Informationen auswendig zu lernen, statt sich Geschichten ausdenken zu müssen? "Auswendiglernen funktioniert für viel Wissen bei manchen, ist aber nicht von Dauer, bringt also keinen Vorteil. Visualisierungen halten sich Jahre", sagt Ilic. Er ist auch kein Freund davon, vor Prüfungen Massen an Stoff auswendig zu lernen, nur um ihn dann kurzfristig wiederzugeben. Bei Studenten wird das umgangssprachlich "Bulimie-Lernen" genannt und ist keine nachhaltige Methode.

Mnemo-Techniken gehen bereits auf die alten Griechen und Römer zurück, bei denen das Gedächtnis einen hohen Stellenwert hatte. "Einerseits war Pergament zum Schreiben damals sehr teuer", gibt Ilic zu bedenken. Noch in römischen Schulen wurde daher auf Wachstafeln geschrieben, die wieder löschbar waren. Zudem wurde der Schrift misstraut. Sokrates beispielsweise war davon überzeugt, dass das Niederschreiben das Vergessen fördern würde, weil man sich nicht mehr auf das Gedächtnis verließe. Es heißt auch nicht umsonst "sich etwas von der Seele schreiben" - mit Aufschreiben kann man Gedanken auch aus dem Kopf spülen. Von Sokrates gibt es auch konsequent keine direkten schriftlichen Überlieferungen, nur - ironischerweise - die Aufzeichnungen anderer, wie seiner Schüler Platon und Xenophon.

Die beiden Grundpfeiler der antiken Mnemo-Techniken, die bis heute verwendet werden, sind der Gedächtnispalast und die Emotionalisierung. "Emotionen eignen sich hervorragend, um Informationen damit zu verknüpfen. Wer beispielsweise erinnert sich nicht an seinen ersten Kuss oder ein besonders erschreckendes Erlebnis? So was bliebt einfach im Gedächtnis", meint Ilic. Insbesondere der Gedächtnispalast zeichnet sich durch große Effektivität aus.

Gespeichertes Wissen mit Gegenständen verknüpfen

"Wenn ein Cicero beispielsweise im römischen Senat für mehrere Stunden ohne Notizen oder Ähnliches referiert hat, wurde er für unglaublich klug gehalten. Dabei hat er sich nur der Gedächtnispalast-Methode bedient und mit Assoziationen alles behalten", sagt Ivica Ilic.

Beim Gedächtnispalast bedient man sich der sogenannten Loci-Methode. Man erzählt über die Struktur eines imaginären Raumes eine Geschichte, gespeichertes Wissen wird mit Gegenständen im Raum verknüpft. Die Räume des Gedächtnispalastes sollten dabei thematisch zum gespeicherten Wissen passen. Idealerweise ist er so exotisch, fantastisch und prägnant, dass das gespeicherte Wissen lange erhalten bleibt und man das Gedankenbauwerk gerne "besucht", um es abzurufen.

Der Gedächtnispalast ist nicht nur eine effektive Mnemotechnik, er ist auch Hilfsmittel für einige bekannte hochintelligente Literaturgestalten wie Sherlock Holmes oder Hannibal Lecter. Die Arbeiten an einem derartigen Gedankenbauwerk sollten am besten klein beginnen. "Man fängt mit einem Zimmer an, vielleicht dem eigenen, und ordnet den Dingen darin verschiedene Informationen zu. Dann baut man langsam aus, es kommen Räume dazu, dann ganze Stockwerke", erklärt Ilic. So entwickelt sich eine Gedächtnis-ein-Zimmer-Wohnung zu einem Gedächtnis-Apartment bis hin zur Villa oder einem Palast.

Gemeinsam lernen bringt oft mehr

Wer sein Gedächtnis abseits von Seminaren auf Vordermann bringen möchte, für den hat Ilic einige praktische Tipps, beispielsweise einfache Eselsbrücken oder Akronyme. "Viele haben mir schon gesagt, das seien doch Kindermethoden. Aber man muss diese Kindermethoden einfach erwachsen werden lassen und sie werden zu mächtigen Werkzeugen", gibt Gedächtnistrainer Ilic zu bedenken.

Abgesehen davon sei das selbständige Training im Alltag ohnehin essenziell. "Egal ob beim Frühstück oder wenn man im Stau steht und sich Verkehrszeichen zu merken beginnt", sagt Ilic. Er empfiehlt unabhängig davon insbesondere im schulischen Bereich, lieber in Gruppen zu lernen als alleine. "Verständnisorientierten Stoff begreift man im Austausch mit anderen oder wenn man ihn Kollegen erklärt am besten. Bei einer schwierigen Formel lohnt es sich aber auch, sich alleine in Ruhe den Kopf darüber zu zerbrechen", sagt er.

Über all das Lernen und Trainieren darf man aber niemals Pausen vernachlässigen, betont Ilic. "Wie in der Schule sollte man nach etwa einer Dreivierteilstunde eine kurze Pause machen und die Pausen dann sukzessive verlängern. Auch Schlaf ist wichtig, mindestens eineinhalb Stunden, um Gelerntes zu verinnerlichen. Kurze ,powernaps‘ sind nur dazu gut, um die Batterien vor einer Präsentation aufzuladen."

Wissen

Die Speicherkapazität des menschlichen Gehirns ist nicht vollständig erforscht. Wissenschafter schätzen sie aktuell aber auf 2,5 Petabyte, das entspricht in etwa 2,5 Millionen Gigabyte. Damit könnten beispielsweise mehr als 300 Jahre Fernsehprogramm (in Standardqualität) aufgezeichnet werden.