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Die Leidenschaft des Fotografierens

Von Anton Holzer

Reflexionen
Inge Morath: Marilyn Monroe am Set von "The Misfits", Reno, Nevada, 1960.
© ©Inge Morath /Magnum Photos.

Die große Inge Morath wäre am 27. Mai 100 Jahre alt geworden. Eine Erinnerung.


Eines der berühmtesten Porträts Marilyn Monroes zeigt die Schauspielerin im knapp geschnittenen schwarzen Kleid. Das Foto entstand während der Dreharbeiten zum Western "The Misfits" im Jahr 1960 in Reno, Nevada. Das Drehbuch des Streifens stammt von Arthur Miller, Regie führte John Huston. Der Film erzählt die Geschichte der Begegnung einer am Boden zerstörten Geschiedenen (Monroe) mit einem gealterten ehemaligen Cowboy (Clark Gable).

Doch unsere Aufnahme entstand nicht bei den Dreharbeiten, sondern am Rande des Sets, von der restliche Filmcrew ist nichts zu sehen. Scheinbar unbeobachtet und ganz in sich versunken schreitet die Hauptdarstellerin unter einem Baum barfuß dahin. Sie scheint die Außenwelt vergessen zu haben, und dennoch weiß sie ganz genau, dass sie in diesem Augenblick fotografiert wird.

Lukrativer Auftrag

Hinter der Kamera stand damals die Magnum-Fotografin Inge Morath. Marilyn Monroe, so erinnerte sich Morath später an diese denkwürdige Begegnung, "war fabelhaft anzusehen, etwas wie schimmernder Perlmutterglanz war an ihr". Oft sei sie, exzentrisch und eigensinnig, wie sie war, mit mehrstündiger Verspätung zu den Dreharbeiten gekommen. Wenn sie da war, sprangen die Schauspieler und die technische Crew "wie gehetzt auf die Füße". "Ihre Ankunft war immer wie ein elektrischer Schlag."

Der Film, der 1961 in die Kinos kam, wurde trotz enormer Werbeanstrengungen ein kommerzieller Flop. Dafür wurde die Fotoserie von Inge Morath, die damals entstand, weltbekannt. Morath war freilich nicht die einzige Fotografin am Set. Die Film-Produktionsfirma von "The Misfits" hatte einen Exklusivvertrag mit der legendären Fotoagentur Magnum geschlossen. Diese sollte die Dreharbeiten in allen Details dokumentieren und Szenenfotos, Starporträts und "private", hinter den Kulissen entstandene Schnappschüsse für die Promotion liefern. Magnum ließ für diesen lukrativen Auftrag eine ganze Starriege der eigenen Fotografinnen und Fotografen anreisen: Henri Cartier-Bresson, Bruce Davidson, Elliot Erwitt, Dennis Stock, Ernst Haas, Cornell Capa, Eve Arnold und eben auch Inge Morath.

Inge Morath: Selbstporträt, 1960.
© Morath/Magnum, courtesy Schirmer/Mosel

Es gehört zur Ironie des Schicksals, dass Morath den Star Monroe just in dem Augenblick porträtierte, als sie selbst deren Ehemann Arthur Miller emotional und erotisch näherkam. Die fünfjährige Ehe zwischen Miller und Monroe steckte zu dieser Zeit bereits in einer tiefen Krise. Anfang 1961 ließen sich die beiden scheiden. Und schon am 17. Februar 1962 fand eine neue Hochzeit statt: jene zwischen Arthur Miller und Inge Morath. Wenige Monate später, Anfang August 1962, starb die Schauspielerin an einer Überdosis Schlafmittel. Inge Morath war zu diesem Zeitpunkt knapp 40, Arthur Miller knapp 50 Jahre alt. Die Berühmtheit ihres Ehemannes war Morath, so formulierte sie es Jahre später einmal, ziemlich "wurscht", denn, "ich war schon ich selbst". Und tatsächlich war sie seit den 1960er Jahren nicht irgendeine Fotografin, sondern ein Star auf der Bühne des internationalen Fotogeschäfts.

Kulturell vernetzt

Geboren am 27. Mai 1923 in Graz und dort aufgewachsen, folgte Morath (die ihren Namen Mörath der besseren Aussprache im Englischen zu Morath ändern ließ) ihren Eltern, die als Naturwissenschafter tätig waren, in den 1930er Jahren nach Deutschland, zuerst nach Darmstadt, später nach Berlin. "Ich erinnere mich, dass meine Mutter die Farbe der Braunhemden nicht ausstehen konnte", gibt sie in den 1970er Jahren zu Protokoll. Ihren Vater, der ein hoher NS-Funktionär und Offizier der deutschen Luftwaffe war, erwähnt sie in ihren Erinnerungen nicht.

1945 kehrte sie vom zerstörten Berlin nach Österreich zurück, zunächst nach Salzburg, wo sie als Journalistin zu arbeiten begann, später zog sie nach Wien. Sie war zunächst im Informationsdienst (Information Service Branch) der amerikanischen Besatzungsmacht tätig. 1948 wurde sie Redakteurin der amerikanischen Illustrierten "Heute", die zahlreiche erstklassige Fotoreportagen veröffentlichte. Die in München erscheinende Zeitschrift war nach dem Krieg die auflagenstärkste Zeitschrift der amerikanischen Besatzungszone, die auch in Österreich gelesen wurde. Geplant war sogar, eine eigene Österreich-Ausgabe herauszubringen, in der Morath federführend mitarbeiten sollte.

Im Wien der Nachkriegszeit tauchte Morath tief in die kulturellen Netzwerke der Stadt ein, zu ihren Freundinnen gehörte neben Ilse Aichinger auch Ingeborg Bachmann. Diese war fest davon überzeugt, dass Morath eine "große Journalistin" werde, wie sie 1948 in einem Brief schrieb. Und auch mit dem Wiener Fotografen Ernst Haas freundete sie sich an. Zusammen mit ihm zog sie 1949 nach Paris, um für die zwei Jahre zuvor gegründete internationale Fotoagentur Magnum zu arbeiten, Haas als junger gefeierter Fotograf, Morath als Redakteurin.

Erste Frau bei Magnum

Bald aber griff Morath selbst zur Kamera. "Nachdem ich beschlossen hatte, dass ich wirklich eine Photographin sein wollte, kaufte ich mir in der Bond Street in London eine Leica aus zweiter Hand mit einer 50-mm-Linse." Später kam noch eine 35-mm-Linse dazu. "Das war", so Morath, "für lange Zeit meine Ausrüstung, mit der ich (...) alle möglichen Aufträge für Zeitschriften ausführte." Die ersten Veröffentlichungen brachten ihr nicht nur Lob ein, sondern auch Einnahmen. "Die Leidenschaft des Photographierens" hatte sich ihrer inzwischen, so berichtete sie später, "total bemächtigt".

1953 wurde Inge Morath als erste Frau in die legendäre Fotoagentur Magnum aufgenommen. Die Agentur war 1947 in New York gegründet worden. Das Unternehmen verstand sich als Kooperative und begann zunächst bescheiden. Jedes Gründungsmitglied brachte 400 Dollar in das gemeinsame Unternehmen ein. Damit sollten die ersten Grundkosten abgedeckt werden. Die künftigen Einnahmen wurden geteilt: 40 Prozent für Magnum, 60 Prozent für die Fotografen. Aber die Fotografen - der Männerüberhang war lange Zeit erdrückend - profitierten nicht nur, sondern trugen auch das Risiko. Wenn sie keine Bilder verkaufen konnten, gab es kein Geld.

Inge Morath: Ein Lama am Times Square, New York, 1957.
© Morath/Magnum, courtesy Schirmer/Mosel

Magnum wurde zwar in New York gegründet, es war aber eine Fotoagentur, die aus dem Geist Europas geboren wurde. Die meisten Gründungsmitglieder waren Europäer und die ersten Einladungen zum Beitritt richteten sich ebenfalls an europäische Fotografen - nicht wenige von ihnen kamen aus Österreich. Mitte der 1950er Jahre war die "Magnum-Familie" bereits auf 24 Mitglieder angewachsen. Bis in die frühen 1960er Jahre liefen die Geschäfte der Agentur ausgesprochen gut. Die Mitglieder profitierten von den wachsenden Ausschüttungen. Während ein fest angestellter Pressefotograf bei der amerikanischen Illustrierten "Look" in den 1950er Jahren zwischen 50 und 100 Dollar pro Woche verdiente, muten die Summen, die Magnum in diesen Jahren für viele seiner Reportagen aushandelte, astronomisch an: 5.000, 10.000, 15.000, 20.000 Dollar und sogar darüber. Je exklusiver das Thema, je aktueller und sensationeller der Anlass, je berühmter der Fotograf, desto höher der Preis.

Unterwegs in Spanien

Paris, London und später New York waren ab den 1950er Jahren die beruflichen Drehscheiben Inge Moraths. Im Auftrag von Magnum war sie mit ihrer Kamera - zuerst einer Contax, später fast ausschließlich mit der Leica - pausenlos unterwegs, in Spanien, in den USA und Mexiko, in China, Japan und Kambodscha, in Russland und Südosteuropa, im Mittleren Osten, in Nord- und Südafrika. Ihre Reportagen wurden in vielen großen Illustrierten veröffentlicht, unter anderem in der legendären Zeitschriften "Life", "Paris Match" und "Vogue".

Inge Moraths erster Fotoband, 1955.
© Holzer

Im Sommer 1954 bereiste Inge Morath Spanien. "Bleib ein bisschen länger dort", hatte ihr Robert Capa, "Chef" und großes Vorbild bei Magnum, geraten, bevor sie aufbrach. "Spanien ist ein Land, in dem du gut arbeiten wirst." Als Ergebnis dieser Reise entstand 1955 ihr erstes Fotobuch, "Guerre à la tristesse". Die französische Ausgabe wurde vom französischen Verleger Robert Delpire verlegt, einem besonders innovativen und engagierten Fotoenthusiasten, der Fotografen wie Cartier-Bresson, Doisneau, Brassai und auch Robert Frank mit seinen Büchern international bekannt machte. 1955 erschien dieses Fotobuch unter dem Titel "Fiesta in Pamplona" auf Deutsch bei Manesse und im Jahr darauf auf englisch bei Universe Books in den USA.

Bereits in ihrer ersten Publikation zeigte Morath eindrucksvoll ihr Können. Sie hatte ein untrügliches Gespür für den fotografischen Augenblick. Die Banalität des Alltags interessierte sie ebenso wie die verrückten Skurrilitäten und Spleens auf der Straße. Das Seltsame und Fremde zog sie an, vor allem auf ihren zahlreichen Reisen.

Berührende Porträts

Das Buch "Fiesta in Pamplona", das auch etliche Bilder anderer Fotografen enthält, erzählt die Geschichte der Stadt Pamplona, die jeden Sommer, jeweils vom 7. bis 15. Juli, in eine kollektive Ekstase gerät. Am Tag des heiligen Firmin tauchen die Bewohner der Stadt tief in uralte Riten und Bräuche ein, die Stadt verwandelt sich in ein Reich üppiger Fantasie. Die Männer tragen auf ihren Schultern riesige, aus Pappe gefertigte, bemalte Masken.

Kaum ist das Spektakel beendet, treten diese ab und verbringen den Rest des Jahres in Kellern und Dachböden, um im Jahr darauf erneut als archaische Wiedergänger durch die Straßen der Stadt zu geistern. Morath hatte Gefallen an der iberischen Halbinsel gefunden. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten kehrte sie immer wieder nach Spanien zurück, allein zwischen 1955 und 1962 entstanden 40 Fotoserien und Aufträge in dem Land.

Moraths erstem Fotobuch aus dem Jahr 1955 sollten viele weitere Buchpublikationen folgen, über die Stadt Venedig (1956), den Iran (1958), Russland (1969), China (1979) bis hin zum Fotoband "Portaits" (1986). Zahlreiche ihrer Reisen unternahm die Fotografin zusammen mit Arthur Miller, der immer wieder auch die Texte zu den Publikationen schrieb. Mit ihren Sprachkenntnissen öffnete sie ihm zahlreiche Türen. Umgekehrt ermöglichte ihr sein internationaler Ruhm zahlreiche Begegnungen mit Künstlern und Intellektuellen.

Manche von ihnen porträtierte sie gleich mehrmals. Im Laufe der Jahre entstanden berührende und unverwechselbare Porträts, etwa von Alberto Giacometti und Saul Steinberg (den sie stets mit Maske ablichtete), Jean Cocteau, Helena Rubinstein, Pablo Neruda, Igor Strawinsky, Pablo Picasso oder auch Audrey Hepburn. Philip Roth, den sie ebenfalls porträtierte, nannte die Fotografin einmal eine "harmlose Voyeurin", einen "zärtlichen Eindringling mit einer unsichtbaren Kamera".

Nach ihrer Hochzeit zogen Inge Morath und Arthur Miller in ein kleines Dorf zwei Autostunden nördlich von New York. In einem Holzschuppen neben dem Haus richtete sie ihr Atelier und ihre Dunkelkammer ein. Einige Jahre widmete sie sich vor allem ihrer jungen Familie und fotografierte mehr in ihrem Umkreis als in der weiten Welt. "Ich photographiere jeden Tag", berichtete Morath über diese Zeit. "Auch wenn man mit einer Erkältung im Bett liegt, kann man in seinem Zimmer noch etwas Neues entdecken. (...) Man hört nie zu sehen und zu denken auf. Alles liegt jetzt in meinen Fingern, Händen, Augen."

Krise der Illustrierten

Im Laufe der 1970er Jahre unternahm sie wieder ausgedehnte Reisen und übernahm größere Aufträge. Allerdings: Die Zeit der großen Magazine ging nun zu Ende. Anfang des Jahrzehnts erwischte die Medienkrise auch die beiden großen amerikanischen Flaggschiffe "Look" und "Life" - trotz nach wie vor enormer Reichweiten in der Leserschaft. "Life" verkaufte 1969 immer noch sagenhafte 8,9 Millionen Exemplare wöchentlich, ähnlich viele wie "Look". Dennoch machten beide Magazine seit den 1960er Jahren Verluste, da ihnen die Anzeigenerlöse durch die Konkurrenz des Fernsehens wegbrachen. Am 19. Oktober 1971 wurde "Look" eingestellt. Im folgenden Jahr, 1972, kam das Ende von "Life".

Inge Morath: London, 1953.
© Morath/Magnum, courtesy Schirmer/Mosel

Viele Magnum-Fotografen reagierten auf diese Krise der Illustrierten, indem sie ihre Publikationen stärker nach Europa verlegten, wo die Magazine noch ein, zwei Jahrzehnte länger florierten. Inge Morath begann Ende der 1970er Jahre und in den 1980er Jahren, so wie andere Kolleginnen und Kollegen, neue Formen der Öffentlichkeit zu erkunden. Unter anderem stellte sie Ausstellungen mit ihren Bildern zusammen.

1988 fand eine erste Retrospektive in Salzburg statt. In den 1990er Jahren wurde Inge Moraths - sie ging damals auf die 70 zu - umfangreiches fotografisches Werk nach und nach neu gesichtet, entdeckt und ausgestellt, international, aber auch in Österreich. Ausstellungen häuften sich, Publikationen und Filme über sie kamen heraus.

Der Donau entlang

Ein herausragendes Projekt dieser Jahre war eine fotografische Donau-Reise, in der die Fotografin an ihre frühesten Reportagen anknüpfte. Der Bildessay mit dem Titel "Donau", der 1995 in der Edition Fotohof im Salzburger Otto Müller Verlag erschien, wird durch einen Text von Karl-Markus Gauß eingeleitet. Morath hatte bereits als junge Fotografin der Agentur Magnum in den späten 1950er Jahren erste Reisen entlang der Donau unternommen. 1959 wurde ein Teil der Bilder in einer "Paris Match"-Reportage (und später in anderen Magazinen) veröffentlicht. Über drei Jahrzehnte später machte sie sich 1993 (und ein letztes Mal 1995) neuerlich auf die Reise entlang der Donau.

"Auf wieviele Arten kann man Wasser fotografieren, was kann man damit mitteilen?", fragt sie im Nachwort. Und gibt sogleich die Antwort: "Flüsse sind nicht nur Wasser, sie haben eine Geschichte, von Generationen von Menschen an ihren Ufern geschrieben. Allmählich fand ich, was ich tun konnte: mit der Kamera über die große Vielfalt des Flusses berichten, über die Mannigfaltigkeit der sich überlagernden Schichten von Zivilisationen, die dieser Wasserlauf trennt und vereinigt."

Im Grunde ist die Fotografin diesem Credo, mit Bildern über die Mannigfaltigkeit der sich überlagernden Schichten von Zivilisationen zu berichten, zeit ihres Lebens treu geblieben. Am 30. Jänner 2002 ist sie in New York 78-jährig gestorben.

Buch-Hinweis: Inge Morath: Hommage. Hg. von Isabel Siben und Anna-Patricia Kahn. Mit einem Text von Inge Morath, dt./engl. Schirmer/Mosel Verlag, München 2022, 59,70 Euro.

Anton Holzer, geboren 1964, ist Fotohistoriker, Ausstellungskurator und Herausgeber der Zeitschrift "Fotogeschichte". www.anton-holzer.at