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Die letzten Cohibaner

Von Clemens Neuhold

Politik

Das Rauchverbot verweht 2018 auch den Zigarrenrauch endgültig aus Clubs und Bars. Ein Nachgeschmack.


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Wien. Das rigorose Rauchverbot verbannt Zigaretten, E-Zigaretten und Shishas aus Lokalen und Bars. So weit, so berichtet. Endgültig in Rauch auflösen wird sich aber auch eine Spielart des Tabakkonsums, die lange vor der Zigarette da war: die Zigarre.

Die Austria Tabak produzierte schon 1844 millionenfach die schwarze Virginia, die mit ihrer krummen Form und dem strohhalmartigen Mundstück zur Volkszigarre wurde - beliebt bei Fiaker und Kaiser. Der in Papier gewickelte Tabak, die Zigarette, kam erst mit den Krimkriegen in den 1850er Jahren auf. Die schnelle Art der Tabakzufuhr eroberte alle Winkel der Welt und überrollte die zunehmend als behäbig geltende Zigarre.

Heute erfüllt Zigarrenrauch fast nur noch spezielle Clubs und Bars mit holzgetäfelten Räumen, tiefen Lederfauteuils und lateinamerikanischer Musik. Zigarren-Clubs mieten sich dort ein und unterwerfen ihren Abendrhythmus der Lebensdauer der Zigarre.

Zigarrenclub wäreeine "Umgehung"

2018 ist es damit vorbei. Aus dem Gesundheitsministerium heißt es: "Mit dem Entwurf des neuen Tabakgesetzes, das in den Nichtraucherschutz nunmehr dezidiert auch Vereine und Vereinslokale einschließt, wären Ausnahmen für ,Zigarrenclubs‘ grundsätzlich nicht zu rechtfertigen. Für Zigarrenclubs oder ähnliche Vereine sind keine Ausnahmen vorgesehen. Dies gilt insbesondere, da derartige Vereinigungen mitunter als Vereinszweck die Umgehung des Gesetzes zum Ziel haben können, was sittenwidrig ist."

Der Lobbyist Wolfgang Rosam gründete, inspiriert vom Zigarrenfan Arnold Schwarzenegger, Ende der 1990er seinen "Zigarrenclub". Er war Anlaufstelle für Netzwerker aus Politik, Wirtschaft, Medien und lief bis 2012. Zum Rauchverbot meint Rosam: "Das ist ein gehöriger Verlust an Genusskultur und Kommunikation. Bei einer gemeinsamen Zigarre redet man anders." Er hätte sich Ausnahmen für private Klubs gewünscht.

"Dann müssen wir imStadtpark rauchen"

Seine wöchentliche Zigarre raucht er in einer der Zigarren-Lounges der neuen Ringstraßen-Hotels wie dem Kempinski. In Hotels wird es zwar die einzigen Ausnahmen vom Rauchverbot geben. Allerdings darf in diesen speziellen Raucherräumen nicht konsumiert werden - bei einer Zigarrendauer von einer Stunde nicht wirklich attraktiv. Rosam: "Dann müssen wir in den Stadtpark."

Der Verbandspräsident des Zigarren- und Pfeifenfachhandels, Klaus Fischer, glaubt nicht an das komplette "Aus" für die Zigarre. Im Freien oder in den eigenen vier Wänden könne man ja noch rauchen. Wenn man mit Zigarrenfans dort zusammenkommt, müsse man ja nicht gleich einen Verein gründen. Für zahlreiche private Zigarren-Clubs mit bis zu 50 Mitgliedern, die gemeinsam rauchen, wie bei einer "Weinverkostung", sei das aber keine Option.

Dazu kommt: Kaum etwas ist ekelhafter als kalter Zigarrenrauch. Bleibt eine gute Zigarre im Gastgarten der Clubs. Dagegen sprechen frühe Sperrstunden, Anrainer, Kälte und Schlechtwetterphasen. "Der Wind ist der Feind der Zigarre", sagt einer der ausgewiesensten Experten für Tabakgeschichte in Österreich, Georg Thiel. Er ist Kurator der JTI Tobacco Collection Vienna. Die JTI (Japan Tobacco) ist seit 2007 Mutterkonzern der Austria Tabak. Thiel findet interessant, dass das Zigarrenrauchen nun auf die Straße verbannt wird. Im 19. Jahrhundert sei das Rauchen auf der Straße nämlich ein revolutionärer Akt "gefährlicher Demokraten" gewesen. Die Aufhebung des Rauchverbots im Berliner Tiergarten war einer Anekdote zufolge eine der wichtigsten Forderung so manchen Revolutionsführers. Studenten rauchten demonstrativ Zigarren und Pfeifen.

Glück im Unglück hat das Planter’s im ersten Wiener Bezirk. Die Sperrstunde für den Schani-Garten läuft bis 24 Uhr. Trotzdem herrscht nun große Unsicherheit. "Gott sei Dank haben wir noch drei Jahre", sagt Geschäftsführer Jochen Granitz. Das Planter‘s macht laut Granitz 20 bis 30 Prozent seines Umsatzes mit Zigarrenkunden. Wegen steigender Nachfrage nach Zigarrenambiente richtete man zusätzlich zum Nichtraucher-Restaurant einen Speisebereich für Raucher ein. Die Umbauten wurden erst vergangenes Jahr abgeschlossen. "Wir haben uns darauf verlassen, dass die Raucher-Regelung hält." Als Abluftanlage und Dekoration dienen zwei massive Rohre in Zigarrenform mit der Aufschrift Cohiba und Montecristo. Nach 2018 werden sie Zeugen der versunkenen Zigarrenkultur im Club.

Mit der Zigarette fälltauch die Zigarre

Die Abluft funktioniert. Der schwere Rauch strebt senkrecht an die hohe Decke vorbei an der mit Flaschen bestückten Bibliothek. Zwei junge Frauen, eine Business-Runde. Alle rauchen dünne bis dicke Zigarren. Statt tief in die Lunge zu inhalieren und schnell abzuäschern, passen sie ihre Bewegung und Gestik an den Lauf der Zigarre an. Könnte man in der Praxis Zigarren weiter erlauben und nur Zigaretten im Lokal verbieten? "Das wäre wohl kaum möglich", sagt Granitz.

Die letzte Stunde hat bald nicht nur der kurzlebigen Zigarette geschlagen, sondern auch der langatmigen Zigarre.