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"Die Mächtigen sehen mich als Gefahr"

Von Michael Schmölzer

Europaarchiv
Pinar Selek. Foto: Archiv

Die türkische Feministin Pinar Selek im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". | Die regimekritische Soziologin Pinar Selek hat in der Hauptbücherei Wien ihr neues Buch "Zum Mann gehätschelt, zum Mann gedrillt" vorgestellt. In der Türkei wird die Wissenschafterin beschuldigt, im Auftrag der kurdischen PKK einen Anschlag auf einen Bazar mit mehreren Todesopfern ausgeführt zu haben. Sie wurde gefoltert, verurteilt, war zwei Jahre unschuldig im Gefängnis, wurde freigesprochen und wieder angeklagt. Ihr droht lebenslange Haft. Derzeit ist sie Stipendiatin des Writers-in-Exile-Programms des deutschen P.E.N.


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"Wiener Zeitung": Sie beschäftigen sich mit der Frage, wie man in der Türkei zum Mann wird. Sie sagen, das Beschneidungsritual im Knabenalter spielt hier eine wichtige Rolle. Welche eigentlich? Pinar Selek:Die Beschneidung hat neben der religiösen eine eminent gesellschaftliche Funktion: Die Kinder lernen, was es heißt, Mann zu sein.. .

Da geht es offenbar darum, Schmerzen zu ertragen?

Das ist ein Aspekt. Wichtig ist auch, dass die Buben ihre Angst auf keinen Fall zeigen dürfen. Und drittens geht es darum, dass die vorgenommene Veränderung am Penis gesellschaftlich gefeiert wird. Der Bub bekommt bei dieser Feier auch ein Sultanskostüm angezogen, oft werden Tiere geschlachtet.

Wo ist jetzt das Problem? Es ist doch nicht schlecht, wenn Knaben lernen, mutig zu sein und starke Schmerzen zu ertragen.

Wenn Mädchen ihre erste Regel haben, dann erleben sie eine körperliche Transformation, eine viel umfassendere. Das wird aber nicht gefeiert, schon gar nicht gesellschaftlich, sondern das Thema wird verschwiegen. Wenn ein kleiner Teil des Penis entfernt wird, führt das ja nicht zu einer körperlichen Veränderung. Ich sehe es als meine Aufgabe, das aus feministischer Sicht zu hinterfragen.

Glauben Sie, dass die männliche Sexualität durch diese Rituale in der Kindheit und später beim türkischen Militär in eine gewaltbereite Richtung gelenkt wird?

Sexualität wird zu einem Bereich gemacht, in dem die Männer sich behaupten müssen. Sie müssen aktiv im Bett sein, sie müssen einen großen Penis haben und potent sein.

Gibt es eigentlich einen spezifischen türkischen Machismus, der sich vom deutschen etwa völlig abhebt?

Nur weil es diese Muster, die ich für die Türkei beschrieben habe, hier in Österreich oder in Deutschland nicht gibt, heißt das nicht, dass es hier keinen Machismus gibt. Ich habe noch keine Analyse gemacht, wie der Machismus hier funktioniert.

Es wird Ihnen in der Türkei mehrfacher Mord und hundertfache, teils schwere Körperverletzung zur Last gelegt - Sie sollen einen Terroranschlag im Auftrag der PKK ausgeführt haben. Warum sind Sie ins Fadenkreuz der Justiz gelangt?

Es ist in der Türkei eine sehr umfassende, positive Diskussion im Gange, warum ich Opfer wurde. Zuletzt hat ein Journalist geschrieben, dass Pinar Selek eine der wichtigsten Hexen in der Türkei ist. Deswegen muss sie auch verbrannt werden.

Das heißt, die türkische Regierung fürchtet sich vor Pinar Selek als Frau?

Diese Männer, die Macht ausüben, haben immer Angst. Als Soziologin habe ich mich mit den türkischen Tabuthemen beschäftigt: mit der armenischen, der kurdischen Frage, der Nationalismus-Frage, Militarismus. Außerdem unterstütze ich die Friedensbewegung. Ich habe auch Politik gemacht, im feministischen Kollektiv, und das wurde möglicherweise als Gefahr betrachtet.

"Ein Journalist sagte: Selek ist eine der wichtigsten Hexen, sie muss verbrannt werden."