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Die Männlichkeit zum Einreiben

Von Francis Terman

Wissen

Jeden Morgen nach der Dusche vollzieht Kenneth Albrecht dasselbe Ritual: Vor dem Badezimmerspiegel reibt der 61-Jährige seine Schultern und seine Brust mit einem durchsichtigen Gel ein. Der Pensionist aus dem US-Bundesstaat New Jersey verabreicht sich seine tägliche Dosis Männlichkeit: Das Gel enthält das Sexualhormon Testosteron. Als Alternative zu Viagra ist "AndroGel" seit dem vergangenen Jahr in den USA auf dem Markt.


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Wie der Hersteller verspricht, soll das rezeptpflichtige Medikament nicht nur den Sexualtrieb des in die Jahre gekommenen Mannes beflügeln, sondern auch Muskeln und Knochen stärken und gegen Depressionen und Müdigkeit helfen. Die Verabreichung von Testosteron gegen die Probleme der so genannten Wechseljahre des Mannes ist allerdings unter Ärzten und Wissenschaftern umstritten.

Kenneth Albrecht hat jedenfalls keine Zweifel, dass das Gel wirkt. Er sei früher immer sehr müde gewesen. Auch habe er beim Sex Probleme gehabt. Seitdem ihm die Ärzte das Testosteron-Gel verschrieben hätten, gehe es ihm deutlich besser: "Ich habe ein besseres Sexualleben."

Die neue Hoffnung des alternden Mannes war lange Zeit verpönt: Testosteron war vor allem ein Doping-Mittel für Sportler und Bodybuilder. Inzwischen werden in immer mehr Privatkliniken Testosteron-Therapien zur "Verjüngung" angeboten. Und mit AndroGel hat das Hormon auch Einzug in die Apotheken gehalten. Der Vorteil des Mittels ist, dass es sich bequem verabreichen lässt - neben der Spritze gab es bisher nur das Testosteron-Pflaster, das meist auf den Hodensack geklebt wird.

Testosteron ist das wichtigste männliche Sexualhormon. Es hat großen Einfluss auf Aussehen, Kraft, Ausdauer, Sexualtrieb und Verhalten des Mannes. Fest steht, dass die Testosteron-Produktion des Körpers ab etwa dem 40. Lebensjahr abnimmt. Folgen können Muskelschwund, schwindender Sexualtrieb, verminderte Spermienproduktion, chronische Müdigkeit, Depressionen, Angstzustände und abnehmende Knochendichte (Osteoporose) sein. Solche Beschwerden werden von manchen Medizinern als "männliche Wechseljahre" bezeichnet - der Begriff ist allerdings umstritten, da der männliche Körper nie völlig aufhört, Testosteron zu produzieren und auch nicht geklärt ist, welcher Testosteron-Spiegel in welchem Alter als normal zu gelten hat.

Nebenwirkungen - nicht für jeden Mann geeignet

Umstritten sind Testosteron-Therapien aber auch wegen der möglichen Nebenwirkungen. Ärzte warnen, dass dadurch die natürliche Produktion des Hormons im Körper vermindert werden kann. Auch besteht das Risiko, dass ein bereits im Körper "schlummernder" Prostatakrebs aktiviert wird. Außerdem kann die Behandlung mit Testosteron nach Angaben von Medizinern die Thrombosegefahr erhöhen und Leberschäden verursachen.

Selbst Unimed, die Herstellerfirma von AndroGel, betont deshalb, das Mittel sei nicht für jeden alternden Mann geeignet. Bis zu einem Viertel der Männer im Alter von Ende 50 bis Ende 60, so die Firma, könnten das Männlichkeits-Gel allerdings gut gebrauchen, weil sie unter zu niedrigen Testosteron-Werten litten.

(Informationen zu Testosteron und den "männlichen Wechseljahren" im Internet: http://www.m-ww.de/enzyklopaedie/diagnosen_therapien/testosteron.html )