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"Die Mauer in Mexiko ist gefallen"

Von Sandra Weiss

Politik

Mexiko - "Heute ist unsere Mauer in Mexiko gefallen", schreit Magdalena Alcocer vor dem Hauptquartier der konservativen Partei der Nationalen Aktion (PAN) in Mexiko Stadt. Sie hat Mühe, die Jubelrufe und das Hupkonzert der tausenden von Menschen zu übertönen, die in der Nacht zum Montag denjenigen feierten, der die seit 71 Jahren regierende Partei der Institutionellen Revolution (PRI) vom Präsidentensessel vertrieb: Vicente Fox, den 2-m-Mann mit den Cowboystiefeln, dem Schnauzbart und den lockeren Sprüchen.


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Drei bis acht Punkte Vorsprung hat Fox zu dem Zeitpunkt vor seinem Konkurrenten Francisco Labastida von der PRI. "Das ist uneinholbar, dies ist eine historische Niederlage für die PRI", konstatiert der Politologe Ruben Aguilar bewegt.

"Kein Mensch mehr will die PRI, dies ist der glücklichste Tag in meinem Leben" jubelt die 42-jährige Alcocer, die extra für die Wahl aus Deutschland angereist ist, wo sie mit ihrem Mann lebt. Viele junge Leute haben sich vor dem Hauptquartier der PAN versammelt. Sie haben ihr ganzes Leben nichts anderes als einen Präsidenten der PRI gekannt.

Die 20-jährige Maria-Luisa Estrada hat vor lauter Begeisterung über den Sieg der Opposition sogar ihrem Cockerspaniel einen blau-weissen Parteisticker auf den Kopf geklebt und schwenkt zu den "Vicente, Vicente"-Rufen frenetisch eine Parteifahne.

Der Taxifahrer Alejandro Cardenas verfolgt das Treiben etwas gelassener. Doch auch er ist "froh, dass die ganze korrupte Mafia der PRI nun rausfliegt. Es kann nur besser werden", sagt er.

Innerhalb der Mauern des Betonbunkers der PAN wird nicht weniger begeistert gefeiert. "Ich bin erleichtert, glücklich und zufrieden", sagt Fox-Wahlkampfleiter Pedro Cerisola, dem die Erschöpfung der vergangenen Monate ins Gesicht geschrieben steht. "Dieser Tag bedeutet die Neugeburt eines ganzen Landes, den Neubeginn einer Gesellschaft", fügt er hinzu. Fox' Bruder Pablo spricht mit Tränen in den Augen von einer "Morgendämmerung für Mexiko".

Doch auch einige nachdenkliche Stimmen mischen sich unter die Jubelrufe. "Das Schwierigste steht uns noch bevor: den in 71 Jahren angehäuften Berg der autoritären PRI-Herrschaft abzutragen", sagt Adolfo Aguilar Zinser, einer der Berater von Fox.

Der Gewinner des Tages, der neben seinem Wahlsieg auch gleich noch seinen 58. Geburtstag feiern konnte, gibt sich unterdessen ganz staatsmännisch. Fox beschwört vor mehreren hundert Journalisten eine "neue Ära der Demokratie und des Wandels" herauf, ruft aber zugleich seine unterlegenen Gegner zur Mitarbeit bei der "demokratischen Wende" auf. "Wir müssen alle zusammenarbeiten, egal welcher Partei wir angehören. Unsere nächste Regierung muss pluralistisch sein", betont er.

Bei der PRI herrschen unterdessen lange Gesichter vor. In der Parteizentrale will keiner die Niederlage so recht wahrhaben. Die Parteigrößen ziehen sich in eine Krisensitzung hinter geschlossenen Türen zurück, keiner will mit den Journalisten reden.

Neben der Präsidentschaft hat die PRI den ersten Ergebnissen zufolge auch erneut den Gouverneursposten in der Hauptstadt an die linke Partei der Demokratischen Revolution (PRD) verloren.

"Vor allem am Sonntagnachmittag gab es noch verzweifelte Versuche der PRI, ihre Parteianhänger zur Wahl zu mobilisieren und Stimmen zu kaufen", sagt Ruben Aguilar, der zugleich Berater der unabhängigen Wahlbehörde ist. Doch auch damit war der Vorsprung von Fox nicht mehr einzuholen.

Gegen Mitternacht gratuliert Präsident Ernesto Zedillo (PRI) dem "neuen Präsidenten Mexikos, Vicente Fox", und verspricht mit ernstem Gesicht eine "transparente und effiziente Amtsübergabe".