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Die meisten Amerikaner sind zur Normalität zurückgekehrt

Von Calvin Woodward

Politik

Washington - Vor zwei Wochen verließ Donovan Cowan im Rollstuhl das Krankenhaus. Der 34-jährige Buchhalter war das letzte Opfer der Terroranschläge auf das World Trade Center, das nach Hause entlassen wurde. Auf der Flucht vor den Flammen war er 84 Stockwerke hinunter gerast und erlitt Verbrennungen an der Hälfte seines Körpers. Ein halbes Jahr nach dem 11. September sind die USA fast zur Normalität zurückgekehrt. Politiker fürchten schon, dass die Bürger die Gefahr des Terrorismus aus den Augen verlieren könnten.


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Unmittelbar nach den Anschlägen waren die USA und mit ihnen ein großer Teil der übrigen Welt wie erstarrt. Die Menschen verschanzten sich zu Hause, hielten sich von Flughäfen und Einkaufszentren fern.

Mitte September gaben 81 Prozent der Amerikaner in einer Umfrage an, ständig die Fernsehberichterstattung über den Terror zu verfolgen. Die meisten fühlten sich nach eigenen Angaben traurig, ängstlich und erschöpft.

Inzwischen haben die Bürger wieder Vertrauen in den Flugverkehr gefasst. Im Januar habe die Zahl der Flugreisen nur noch 14 Prozent niedriger gelegen als im Vorjahresmonat, sagte David Swierenga vom Luftverkehrsverband. Im Vergleich zum Herbst sei das ein immenser Anstieg. Quotenrenner im Fernsehen waren im Februar die Übertragungen der Olympischen Spielen, und Kriegsfilme sind die Knüller an den Kinokassen. "Unser Leben geht weiter", sagt die Washingtonerin Caren Cannon. "Oft denke ich gar nicht mehr an die Anschläge."

Genau das befürchtet die Regierung in Washington. "Die Leute tun manchmal so, als ob alles vorbei wäre", sagt der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz. "Ich fürchte, unser Land hat noch nicht verinnerlicht, dass der Konflikt alles andere als beendet ist."

Auch Präsident George W. Bush betont immer wieder, dass der Krieg gegen den Terror noch lange dauern wird. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld verpackt seine Wachsamkeit in einen Scherz. Mit Blick auf den mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge Osama bin Laden begrüße ihn seine Ehefrau jeden Morgen beim Aufwachen mit der Frage: "Wo ist er?"

Dennoch ist das internationale Interesse an dem Konflikt deutlich zurück gegangen, und auch das einst solidarische Ausland distanziert sich vorsichtig von den USA. "Die Spannung steigt zwischen den beiden Küsten des Atlantiks", schrieb kürzlich die französische Tageszeitung "Le Monde". "Europa hat eine andere Wahrheit zu verkünden."