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Die Mipsterrevolution

Von Nour-El-Houda Khelifi

Politik

Junge Muslime experimentieren mit Farbe, Stoffen und Mustern.


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Wien. Seit geraumer Zeit kursiert ein Video im Internet: Junge Frauen im Hijab fahren auf Motorrädern, zeigen Tricks auf dem Skateboard und fechten. In Skinny Jeans, High Heels und üppigen Klunker erklimmen sie Bäume in New Yorks Central Park, zwängen sich elegant zwischen Laternenpfähle und balancieren auf gefährlich hohen Schuhen über den Dächern Manhattans. Muslime auf der ganzen Welt klicken das Video "Somewhere In America" an. Und sind begeistert. Auch Asma Aiad hat das Video angeklickt.

Wer sich die 25-jährige Wienerin mit ägyptischen Wurzeln ansieht, könnte vermuten, dass auch sie aus dem Video entsprungen sein könnte: grüne enge Jeans, ein senffarbener Mantel, den sie wie einen Poncho trägt und ein gemustertes Kopftuch. Asma Aiad ist ein Mipster: urban, hip und muslimisch.

Fez und Hornbrille

Seinen Ursprung hat der neue Trend in den USA, Indonesien und Malaysia. Das Credo der Mipster: kreativ, experimentierfreudig und muslimisch. Sie lassen ihre Werte und ihren Glauben in ihren Kleidungsstil einfließen. Zum maghrebinischen Fez kommt eine dicke Hornbrille hinzu, eine Gebetskette wird schnell zum modischen Armbändchen umfunktioniert.

Längst hat der Trend auch in Österreich Fuß gefasst und seine Anhänger gefunden. "Ich persönlich würde nicht so trennen zwischen der islamischen Kultur und einem westlichen Lifestyle. Ich sehe mich sowohl als Europäerin als auch als Muslima. Das steht für mich nicht im Widerspruch", erklärt Asma Aida. Die studierte Politikwissenschafterin mag es, mit Farben, Stoffen und Mustern zu spielen. "Mal bin ich auf Hipster, dann wieder auf Hippie und ein anderes Mal traditionell in meinem Dirndl oder meiner indischen Kleidung unterwegs. So wie es mir eben passt und gefällt", sagt sie und lacht.

Die Wienerin versucht sich nur von der Mode inspirieren zu lassen, denn Mode könne man nicht wirklich definieren. "Mann und Frau machen sich viel zu abhängig davon. Was heute total in ist, war schon mal vor 30 Jahren der Trend schlechthin", meint die 25-Jährige. Sie kombiniert gerne und möchte sich in erster Linie wohlfühlen in ihren Outfits. Die Mädchen aus dem populären Video gefallen ihr. Sie zeigen, wie unterschiedlich muslimische Frauen sich kleiden können und dass es das Stereotyp "muslimische Frau" an sich so nicht gibt. Das Video zeigt Asma, wie vielfältig und verschieden Muslimas sein können.

Nachhaltig denken und handeln - das steht bei den Mipstern an der Tagesordnung. Beispielsweise kaufen die urbanen Muslime nicht ein in den großen Modehäusern, sondern shoppen in Secondhandläden.

Auch Cagri Bakis vertritt diese Ideologie. Unter dem Namen Charly Banks rief der Salzburger, dessen Eltern aus der Türkei stammen, die gleichnamige Marke ins Leben. Charly Banks ist Modelabel mit urbanen Designs und Online-Interview-Magazin in einem. In seinem Magazin porträtiert er unter anderem Menschen, die zwischen und in verschiedenen Kulturen leben. "Wir reisen viel in der Welt herum, auf der Suche nach faszinierenden Menschen, die wissen, was es heißt, zu mehr als nur einer Kultur zu gehören", erzählt Bakis.

Warum sich für eine Kultur entscheiden, wenn man sich das Beste aus jeder herauspicken kann, so lautet das Motto des 27-Jährigen. Genau dafür steht auch "Hybrid Identity", eine Modekollektion, die unter anderem aus T-Shirts und Sweatern besteht. "Es ist längst eine Tatsache, dass viele junge Menschen wie ich ein Mix aus unterschiedlichen Kulturen sind. Wir sind hybride Identitäten."

Kein Identitätsverlust

Der nachhaltige Aspekt geht auch bei ihm nicht verloren. Bakis verwendet für seine "Hybrid Identity"- Kollektion hauptsächlich Materialien, die zu 100 Prozent biologisch angebaut und verarbeitet wurden. Seine Devise: Lieber etwas mehr zahlen und mit einem guten Gewissen tragen. "Außerdem ist es mir wichtig zu wissen, woher meine Kleidung kommt", sagt der Salzburger. Neben diesem Aspekt ist ihm kulturelle Vielfalt genauso wichtig.

"Ich war schon mein ganzes Leben von verschiedenen Kulturen geprägt, unter anderem auch wegen meinem Freundeskreis. Der Horizont erweitert sich, man bekommt automatisch eine komplett andere Sichtweise in die Gedankenwelt des Gegenübers", meint Bakis.

Mittlerweile ist es eine Kunst geworden, sich als Hipster zu gebärden und gleichzeitig dem Islam Respekt zu zollen. Oftmals sind Mipster mit der Kritik konfrontiert, ein "westliches Konzept" imitieren zu wollen, um in den nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft besser akzeptiert zu werden. Nach genauerem Betrachten wird jedoch klar, dass diese Menschen einen Mittelweg gefunden haben, inmitten von verschiedenen Kulturkreisen und Religion. Es ist keine Spur von Identitätsverlust oder kultureller Verwirrung. Mipsters wissen, wer sie sind und drücken dies auf ihre Art und Weise aus.

Mode ist dabei eher Mittel zum Zweck: Mipster wollen die Sichtweisen auf den Islam spielerisch und in positiver Weise ändern. Doch geht die Mode manchen Muslimen nicht ein wenig zu weit? Ist die Jeans ihnen dann nicht doch zu eng? Und der Sweater ein bisschen zu kurz?

Asam Aiad hatte bisher noch kein negatives Feedback für ihre Garderobe bekommen. "Geschmäcker sind eben verschieden, wichtig ist aber, dass ich mich so wohlfühle, wie ich bin", meint sie. Interessant ist für sie, warum man sich empört, wenn es um den Kleidungsstil der Frauen geht. Männer stehen fast nie in diesem Mittelpunkt der "modischen Analyse". Vor solchen Interpretationen sind auch Trendsetter wie Mipsters nicht gefeit.