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Die Mitschuld der Kontrollore

Von Ritt Goldstein

Politik

Der Pharma-Skandal in den USA zieht Kreise: Die pharmazeutische Industrie hat ganz gezielt die Information, dass bei der Behandlung von Depressionen junge Menschen einem erhöhten Selbstmordrisiko ausgesetzt sein können, unterdrückt. Bei den Anhörungen im US-Kongress löste diese Tatsache eine Welle der Empörung aus: die US Food and Drug Administration (FDA), also jene Behörde, die in den USA für die Zulassung und Sicherheit von Medikamenten zuständig ist, habe sich dafür stark gemacht, dass diese Informationen unterdrückt werden.


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Der bekannte Psychologe John Read, einer der führenden Experten für psychiatrische Medikamente der pazifischen Region, sowie Direktor der klinischen Psychologie an der Auckland Universität behauptet, dass die Pharmaindustrie laufend negative Testergebnisse unterdrückt, wenn sich zeigt, dass das Medikament entweder gar nicht wirkt oder einen gefährlichen Nebeneffekt auslöst, der schwerer wiegt als seine positive Wirkung beim Patienten.

"Man macht eine Studie nach der anderen, bis man endlich zwei mit den erwünschten Resultaten hat. Diese werden dann eingereicht, der Rest wird vernichtet", klagt Dr. Read an.

Auf die Frage ob es keine Rolle spiele, was die Mehrheit der Untersuchungen über ein Produkt ergeben, antwortete Dr. Read kurz und bündig: "Das stimmt." Und auf die Frage, wie das denn möglich sei, schlägt er vor, man möge in den USA doch die FDA befragen, "wie das ginge".

Kein Heilungseffekt

Aus einem Artikel der "Washington Post" vom 10. September 2004: "Mehr als zwei Drittel der Versuche über die Verwendung von Antidepressiva bei Kindern haben keinen Heilungseffekt gezeigt." Laut einem Bericht der Associated Press vom 13. September 2004 hat selbst der FDA-Wissenschaftler Andrew Mosholder bestätigt, dass schon vor Monaten bei einer Analyse "eine Korrelation zwischen der Behandlung mit Antidepressiva und Selbstmord bei jungen Menschen" zutage getreten war.

Geht man der Sache auf den Grund, so stellt sich heraus, dass weltweit eine Anzahl junger Menschen sich selbst das Leben genommen hat, weil die ihnen verordneten Antidepressiva ihre selbstmörderischen Tendenzen de facto nicht reduzierten, sondern verstärkten. Aber mangels jedes Hinweises darauf verschrieben die Ärzte die in Frage stehenden Medikamente Millionen von amerikanischen Kindern und der ganzen westlichen Welt.

Die FDA behauptet, die negativen Nebeneffekte seien nicht schlüssig, obzwar zwei interne Studien der FDA ein erhöhtes Risiko für junge Menschen bestätigen. Aber das Problem der unveröffentlichten, tödlichen Nebeneffekte endet nicht bei Psychopharmaka und Selbstmorden.

Wie viele Menschen sterben wohl jedes Jahr, weil "all die Dinge, die die Arzneihersteller veröffentlichen hätten sollen, geheim gehalten werden?", wurde der bekannte Experte für pharmazeutische Politik, Joel Lexchin gefragt. Die Antwort: Es könnten sehr wohl "200.000 pro Jahr alleine in den USA sein." Lexchin berät Organisationen wie die WHO und auch Regierungsbehörden. Und auch deren Ergebnisse lassen seine Zahlen glaubwürdig erscheinen.

Medikamente und Todesfälle

Das "Journal of the American Medical Association (JAMA)" berichtete bereits am 1. Mai 2002, dass fünf Ärzte der medizinischen Fakultät von Harvard die Meinung vertraten, dass negative Reaktionen auf Medikamente wahrscheinlich "ein Hauptgrund für Todesfälle in den Vereinigten Staaten" seien. Die Autoren rieten der FDA dringend, ihre Zulassungskriterien für neue Heilmittel zu verschärfen; noch entschiedener sei es, dass "Kliniker keine neuen Medikamente anwenden sollten, wenn ältere, ähnlich wirkende Medikamente vorhanden seien."

Lexchin, Professor an der Schule für Gesundheitspolitik und Management an der Universität von Toronto, spricht den Kern des Problems an: "die FDA stellt die Werte des freien Marktes über jene der öffentlichen Sicherheit, . und das in ihrer Eigenschaft als öffentliche Einrichtung." Er sieht auch das Problem der pharmazeutischen Industrie als "made in USA, da hier das Zentrum der extrem neo-liberalen Gesinnung beheimatet ist".

Lexchin bemerkt, "dass der Vorrang der finanziellen Interessen der Industrie gegenüber den Anliegen der öffentlichen Gesundheit "kein ausschließliches Phänomen der FDA" sei. Es hat sich eine wachsende symbiotische Beziehung zwischen der pharmazeutischen Industrie, der medizinischen Gemeinschaft, den Regulierungsbehörden und gewissen politischen Elementen entwickelt. Nur die Allgemeinheit wird draußen gelassen, wie der offenbar gewordene Skandal beweist. Ein einziges Medikament kann einer Firma Milliarden Dollar Gewinn bringen.

Kontrolle durch Industrie

Bei der Verfolgung des Werdegangs der Bewertung eines Medikamentes und dessen klinischer Erprobung skizzierte der bekannte britische Wissenschaftler und Psychiater Dr. David Healy die Entwicklung des heutigen Debakels: "Im Laufe der letzten 30 Jahre hat die pharmazeutische Industrie schrittweise immer mehr Kontrolle übernommen". Er erinnert sich noch daran, wie die Universitäten früher die Versuche für die pharmazeutischen Unternehmen durchgeführt haben. Die Testreihen wurden an "ein oder zwei Spitälern" ausgeführt und die Forscher hätten alle Daten der laufenden Untersuchungen erhalten und verarbeitet, und auf Grund dieser Fakten ihren Bericht verfasst. Aber das ist Schnee von gestern.

"Multizentriert" nennt Healy die gegenwärtigen Versuchsreihen und merkt an, dass "sie sich der Kontrolle durch auch nur eine Person innerhalb des Universitätssystems entziehen. Im Laufe der letzten zehn, fünfzehn Jahre haben wir beobachtet, dass die pharmazeutische Industrie immer mehr hochrangige, sehr bekannte Ärzte gewinnt, um als Autor für Berichte über die klinischen Versuche der Firma zur Verfügung zu stehen. Der Verfasser jedoch ist jemand anderer."

Im Klartext: Ohne zugängliche gegenteilige Fakten über angebliche Forschungsresultate wurden schon oft mangelhafte Versuchsergebnis als Erfolgsgeschichten präsentiert. "Sie (die pharmazeutische Industrie) hat Ergebnisse als positiv veröffentlicht, die jeder andere - würde Einblick in die tatsächlichen Fakten gewährt - keineswegs so bezeichnen würde,. dass es eigentlich auf der Hand liegt, dass das Medikament nicht funktioniert und gefährlich ist", betont Healy.

Negatives bleibt ausgeblendet

Frage an Healy: "Behaupten Sie also, dass die Firmen einen bekannten Sprecher der medizinischen Gemeinschaft suchen und diesem nur die positiven Informationen geben, während der Rest ausgeblendet wir? Sie unterliegen ja keiner Haftung dafür, trompeten die Vorteile des jeweiligen Medikamentes hinaus . . mit diesem sehr umstrittenen Material. stimmt das?" Healy antwortete kurz und bündig "Ja". Auf die Frage "Heisst das, um zu einem Erfolg zu kommen, ist es einfach möglich, die negativen Resultate zu unterdrücken?" kam das kurze, bestätigende "Ja" von Healy. Und er fügte hinzu: "Wir sind in den letzten zwanzig oder dreißig Jahren da hinein gerutscht."

Der positive Aspekt: angefacht durch die Entrüstung der Öffentlichkeit über die Selbstmorde der Kinder, wurden einige Initiativen auf den Weg gebracht, um die Integrität der Testverfahren wieder herzustellen.

Feuermauer niedergerissen

In den USA werden viele dieser Probleme als eine Folge des Bayh-Dole Gesetzes aus dem Jahr 1980 gesehen. Das 14. Tri-Service Clinical Investigation Symposium der US Armee präsentierte im Jahr 2002 ein Papier, das von dem US Army Medical Dept. und der Henry M. Jackson Foundation gefördert wurde. Darin wird behauptet, dass das Bayh-Dole Gesetz eine "Feuermauer" zwischen den vom Bund geförderten universitären Forschern und der business community niedergerissen hat.

Vera Hassner Sharav argumentiert in ihrem Bericht, dass bio-technische und pharmazeutische Firmen mit einer Geldflut "Einfluss und Kontrolle erhielten und den moralischen Rahmen der wirtschaftlichen Ethik hinwegspülten". Der Bericht erwähnt auch, dass Ärzte, die versuchten, auf nachteilige Effekte hinzuweisen, bedroht wurden.

Im Buch "Models of Madness" von Read werden auch "alarmierende wissenschaftlichen Erkenntnisse" erwähnt, die entweder unterdrückt oder umgeschrieben wurden; jene, die dafür verantwortlich waren, seien von Pharmakonzernen von der Universität verjagt oder ihr beruflicher und persönlicher Ruf systematisch ruiniert worden.

Reads behauptet, dass die pharmazeutische Industrie weltweit an einer Irreführung der medizinischen Gemeinschaft arbeite. Sie gebe ein Vermögen aus, um die akademische Beurteilung zu beeinflussen, "bis eine ungekaufte medizinische Meinung nur noch sehr schwer zu finden sein wird."

"USA Today" berichtete am 25. September 2000 von "finanziellen Interessenskonflikte innerhalb des beratenden Komitees der FDA", dessen Rat die FDA mit wenigen Ausnahmen folge. "USA Today" deckte auf, dass bei den wichtigsten Strategietreffen 92 Prozent der Teilnehmer finanzielle Beteiligungen an den Projekten hatten, die sie behandelten. Der Bericht bemerkte auch, dass die US-Gesetzgebung "im allgemeinen" es zwar Interessenskonflikte untersagt, aber die FDA diese Beschränkungen "in mehr als 800 Mal seit 1988" aufgehoben hat. In seinem Buch zieht Read den Vergleich mit dem "Fuchs, der den Hühnerstall bewacht".

Der bekannte kanadische Psychologe Daniel Burston stellt fest , dass "ein Konsens nur so qualitätsvoll ist, wie die Mitglieder des Expertengremiums. Wenn sich herausstellt, dass die Übereinstimmung von Menschen stammt, deren Urteil eingeschränkt, deren Unabhängigkeit, deren Klarsichtigkeit und Fähigkeit für kritische Gedankengänge in irgend einer Weise unterminiert oder unterdrückt wurden, dann ist das Ergebnis wertlos oder noch ärger."

Jenseits des wirtschaftlichen und direkten Drucks der Pharmaindustrie gibt es auch ein sehr breite Spektrum einer Kompromittierung der medizinischen Gemeinschaft.

Als "Weiterbildung" getarnt

Laut Read (und vielen anderen) wird die medizinischen Gemeinschaft endlos mit falschen Informationen, die als "Weiterbildung daherkommen, überschüttet. sorgfältig ausgesuchte und gesiebte Informationen,. bei denen die vielen, vielen Studien, die zeigen, dass diese Medikamente oft gefährlich oder nutzlos sind, weggelassen werden." Eines der Probleme ist auch die Struktur der medizinischen Hierarchien. Read bemerkt, dass es " sehr schwer" für die medizinischen Berufe ist, nach dem universitären Abschluss "neutrale oder professionelle Weiterbildung" zu erhalten. Er behauptet, dass die Gesundheitsberufe während der 50 Jahre ihres Berufslebens in ihrer gesamte Weiterbildung "fast ausschließlich von den Herstellern der Medikamente abhängig" sind.