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Die mühsame Nachhaltigkeit

Von Matthias Nagl

Wirtschaft

Anspruch und Realität klaffen in Sachen Nachhaltigkeit auseinander.


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Innsbruck. Der Tourismus kann eine gleichermaßen widersprüchliche wie schnelllebige Branche sein. Eine Woche, nachdem sich führende Alpenregionen in Innsbruck zur gemeinsamen Messe "the alps" getroffen haben, wurden die hehren Zukunftsvisionen der Veranstaltung, die unter dem Label "Nachhaltigkeit" stand, von der Realität eingeholt.

Denn die jüngsten Schlagzeilen in Sachen Tourismus vertragen sich nur schwer mit dem Begriff Nachhaltigkeit, wie ihn etwa der ehemalige EU-Agrarkommissar und Präsident des Europäischen Forum Alpbach, Franz Fischler, den Touristikern erklärte. In Europa verstehe man darunter "das Streben nach einem Gleichgewicht zwischen Ökonomie, Ökologie und sozialer Verantwortung, wobei zuletzt der Begriff Kultur ein weiteres Element wurde." Fischler vergaß freilich nicht, darauf hinzuweisen, dass "es offenkundig ist, dass es große Unterschiede gibt, was wir unter Nachhaltigkeit verstehen".

Das gilt auch für die neun Tourismusregionen aus den Alpenländern Frankreich, Italien, Deutschland, Schweiz und Österreich, die sich zu einem "klaren Signal für einen nachhaltigen, wertschöpfungsintensiven, ganzjährigen Alpentourismus" bekennen. Aus Österreich sind die Tourismusorganisationen der Länder Vorarlberg, Tirol und Salzburg dabei. Tirol war mit Innsbruck zum zweiten Mal Veranstalter der Messe sowie zu einem Drittel Financier des Budgets von mehr als 500.000 Euro.

Die Tiroler Landesregierung war aber auch jene Behörde, die am Mittwoch eine Entscheidung traf, die vor allem Naturschützer keinesfalls als nachhaltig bezeichnen. Nach fast 30-jährigem Tauziehen wurde die Erschließung eines Skigebiets auf den 2811 Meter hohen Piz Val Gronda, einem schweizerisch-österreichischen Grenzberg, durch die Silvretta Bergbahnen in Ischgl genehmigt. Zwar wurde gegenüber den ursprünglichen Plänen nur eine abgespeckte Variante genehmigt, sowie ein Erschließungsstopp für die nächsten 20 Jahre vereinbart. Naturschützer und die Tiroler Grünen sehen in dem Bau aber einen massiven Eingriff in eine sensible Gebirgslandschaft und "unabsehbare Folgen für die Natur in Tirol", wie es in einer Aussendung der Grünen heißt. Auch die Tiroler Umweltanwaltschaft hatte sich gegen das Projekt ausgesprochen, da "irreversible Beeinträchtigungen der Schutzgüter des Tiroler Naturschutzgesetzes" zu erwarten seien. Das wies der zuständige Landeshauptmannstellvertreter Hannes Gschwentner (SP) zurück: "Die behaupteten massiven Eingriffe bis hin zur völligen Vernichtung von Natur finden am Piz Val Gronda nicht statt", sagte er.

Landwirtschaftbegreifbar machen

Für eine Nominierung beim im Rahmen der Messe vergebenen "the alps Award" hätte es wohl trotzdem nicht gereicht. Mit diesem Preis wurden in Innsbruck besonders nachhaltige touristische Projekte ausgezeichnet. Gewonnen hat der Vorarlberger Landwirt Ingo Metzler aus dem Bregenzerwald mit seiner Homepage www.naturhautnah.at. Über diese Homepage wirbt Metzler für verschiedene Angebote auf seinem Bauernhof. "Wir wollen unser Lebensthema Bauernhof und alles, was dazugehört und was daraus entstehen kann, für jeden begreifbar machen", heißt es auf der Homepage. Das soll mit Käse- und Melkkursen gelingen. Damit liegt der Bauernhof voll in dem auf der Messe ausgerufenen Trend zur Authentizität. In naher Zukunft will Metzler dazu die Energie, die er für den Betrieb benötigt, selbst produzieren.

Dass es sich dabei nicht um einen Tourismusbetrieb im ursprünglichen Sinn handelt, ist der Nachhaltigkeit wohl nicht abträglich. "Unser Geschäft ist die Landwirtschaft, wir haben keine Vermietung", sagte Metzler im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Dass er mit diesen Voraussetzungen bei der Preisverleihung die zahlreichen Tourismusbetriebe hinter sich ließ, lässt für die Branche auf einen langen Weg schließen. Das von Petra Stolba, Geschäftsführerin der Österreich Werbung, geforderte Umdenken ist vorerst noch Nischenprogramm: "Nachhaltigkeit darf keinesfalls nur eine Marketingbehübschungssache sein, es muss eine Wertehaltung werden."