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Die mysteriösen 36 Stunden

Von Thomas Seifert

Leitartikel

Lektion für Putin: Wer Wind sät, wird Sturm ernten.


Kremlologie ist eine höchst komplexe Wissenschaft. Fast 84 Jahre später gilt der Satz von Winston Churchill, den dieser bei einer BBC-Radiosendung am 1. Oktober 1939 getätigt hat, noch immer: "Russland ist ein Rätsel, verpackt in ein Geheimnis, umgeben von einem Mysterium."

Rätsel, Geheimnis, Mysterium - das sind auch die passenden Worte für das vergangene Wochenende, als eine Meuterei - oder war es ein Putschversuch? - Russland erschütterte.

Präsident Wladimir Putin, der am Samstag im russischen Staatsfernsehen Jewgeni Prigoschin (ohne ihn namentlich zu nennen) als Verräter brandmarkte und schwere Konsequenzen für die Meuterer androhte, hat sich erst am Montag Abend wieder öffentlich zur Causa geäußert. Putin dankte nach langem Schweigen der Bevölkerung für ihren "Patriotismus" und den Sicherheitskräften für deren "Gegenwehr" bei der Meutereri am Samstag - wobei weder viel vom "Patriotismus" noch von "Gegenwehr" zu sehen war. Putin präzisierte den Deal, der mit den Wagner-Söldnern vereinbart worden war: Den Söldner sei es gestattet, nach Belarus zu gehen oder zu ihren Familien zurückkehren. Er stehe zu seinem  Versprechen, so Putin. Die meisten der Mitglieder der Wagner-Söldnergruppe seien auch Patrioten, erklärte Putin. 

In seiner jüngsten Telegram-Nachricht beteuerte Prigoschin dann am Montag kleinlaut, der bizarre Walkürenritt der Wagner-Söldner Richtung Moskau habe nicht das Ziel gehabt habe, Putin zu stürzen. Wo sich Prigoschin, Chef der marodierenden Wagner-Söldner-Truppe, derzeit aufhält, geht aus der Telegram-Botschaft nicht hervor.

Auf eine befriedigende Antwort darauf, was da genau in den 36 Stunden der Meuterei in Russland vor sich gegangen ist, wird man wohl noch länger warten müssen - falls es diese Antwort jemals geben sollte.

Aber: Die Risse im Moskauer Machtgefüge sind deutlich sichtbar geworden. "Wer Wind sät, wird den Wirbelsturm ernten", hatte Putin dem Westen in einer Rede im November 2022 gedroht. Nun ist es der russische Präsident, der den Sturm, den er entfacht hat, erntet. Prigoschin, das Frankenstein-Monster aus Putins Labor, hat sich als bisher ernsteste Bedrohung seiner Herrschaft erwiesen. Das System Putin, das nicht auf Institutionen und Rechtsstaatlichkeit, sondern auf dem Austarieren der informellen Machtzentren aus Geheimdienst (FSB), Verteidigungsministerium, Armee, den Regionen und Prigoschins Wagner-Gruppe beruht, ist gescheitert. Und der zur Apathie erzogene Homo Posowjeticus Subspecies Putinensis hat keinen Finger für das Staatsoberhaupt gerührt, als die Staatsordnung ernsthaft bedroht war.

Die Verlierer dieses Wochenendes heißen Präsident Putin, Verteidigungsminister Sergei Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow, die gegen die Wagner-Truppe kaum etwas aufzubieten hatten, FSB-Chef Alexander Bortnikow, dessen Geheimdienst offenbar weitgehend ahnungslos war, sowie Wagner-Chef Prigoschin selbst. In den kommenden Wochen wird Hochkonjunktur für Kremlologen herrschen.

Die Inhalte von Wladimir Putins TV.-Ansprache von Montag abend wurden ergänzt und aktualisiert.