Zum Hauptinhalt springen

Die nahöstliche Verschärfung

Von Isolde Charim

Gastkommentare

Zur Radikalisierung des Gaza-Konflikts, der allen Seiten universalisierbare Hass- und Identifikationsmöglichkeiten bietet.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 9 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Die Morde an den Jugendlichen, den drei israelischen und dem einen palästinensischen, waren nicht nur der Auslöser des Gaza-Konflikts. Diese brutalen, irrsinnigen Tötungen haben dem, was derzeit im Nahen Osten passiert, einen anderen Charakter gegeben: Sie haben in dem langen Konflikt das Moment der Rache akut gemacht. Und auch wenn es schon längst um strategische Ziele beider Seiten geht - um die Zerstörung des zweiten, des Tunnelgazas, sowie um Machtinteressen der Hamas -, so bleibt dieses Moment der Rache prägend für die Auseinandersetzung. Und das ist fatal. Denn anders als eine Kriegshandlung ist diese Rache an Unbekannten individuell und kollektiv gleichzeitig. Sie zeigt, wie sehr beide Seiten, wie sehr beide Gesellschaften im Griff ihrer jeweiligen Extremisten sind. Sie zeigt, was es heißt, wenn ein nationaler, wenn ein politischer Konflikt religiös aufgeladen wird. Sie zeigt, wie sehr sich beide Gesellschaften, die palästinensische ebenso wie die israelische, radikalisiert haben.

Rache ist nicht demokratisch. Rache unterläuft alle Kriegskonventionen, alle Versuche, kriegerische Auseinandersetzungen zu "zivilisieren" - also einzugrenzen. Individuelle Rache macht Krieg zu einem totalen Phänomen - nicht nur an der Front. Sie reißt die ganze Gesellschaft mit in die Freund-Feind-Unterscheidung. Da haben Kritiker an der eigenen Gesellschaft keinen Platz mehr. Das erfahren palästinensische Hamas-Kritiker ebenso wie - neuerdings - skeptische Stimmen in Israel. Etwa der Journalist Gideon Levy mit seinen kritischen Ha’aretz Artikeln. Was derzeit im Nahen Osten passiert ist nicht die x-te Wiederholung einer kriegerischen Auseinandersetzung - es ist deren Verschärfung. Und das auf allen Ebenen.

Eine Verschärfung, die auch das Publikum erreicht. Der Nahostkonflikt löst beim Publikum immer heftige Emotionen aus - anders als andere Konflikte oder Menschenrechtsverletzungen. Denn er ist der paradigmatische Weltkonflikt. Nicht faktisch, nicht real - aber von seiner Aufladung her. Kein anderer Konflikt bietet allen Seiten solch universalisierbare Hass- und Identifikationsmöglichkeiten. Derzeit aber erfährt dieser eine Ausweitung der Kampfzone - derzeit radikalisiert sich auch das Publikum. Dieses ist heute nicht auf den arabischen, sondern auf den westlichen, den europäischen Straßen zu finden. Die selbe Unversöhnlichkeit wie vor Ort erfasst auch europäische Israelverteidiger und - vor allem - die sonderbare "Querfront", die abstruse Allianz von Linken, Rechten und Muslimen unter dem Banner des "Antizionismus".

Radikalisierung bedeutet, dass nur eindeutige Zuweisungen möglich sind. Die tiefe Verwobenheit von Schuld, von Opfern und Tätern, ist nicht mehr nennbar. Ja, mehr noch: Selbst die Thematisierung dieser Verwobenheit, selbst die Erwähnung der Bedrohung der jeweils anderen Seite gilt bereits als Parteinahme. Objektivität? Äquidistanz? All das steht unter Verdacht. Auf beiden Seiten. "Verstehen" ist heute zu einem Schimpfwort geworden, schreibt der Politologe Philipp Sonderegger. In einer radikalisierten Situation gilt dies bereits als Parteinahme und als Verrat. In einem totalen Konflikt darf der Andere nicht einmal verstanden werden! Die Lage ist wirklich hoffnungslos.