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Die Natur hatte viel zu viel Geduld mit uns

Von Reinhold Christian

Gastkommentare
Reinhold Christian ist geschäftsführender Präsident des Forum Wissenschaft & Umwelt sowie Vizepräsident des Umweltdachverbandes.
© FUW

50 Jahre Umweltdachverband - eine Bilanz.


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1973 wurde die Österreichische Gesellschaft für Natur- und Umweltschutz (ÖGNU) gegründet, seit 30 Jahren wird sie Umweltdachverband (UWD) genannt. In dieser Zeit wurden zahlreiche Fortschritte für Natur und Umwelt erzielt. So gelang es um 1990, bis dahin unbekannte, unterschätzte, geleugnete und missachtete Umweltprobleme in geordneten Rechtsrahmen zu erfassen und zu regeln. Große Erfolge für die Qualität von Luft und Wasser sowie gegen Abfallberge wurden eingeleitet. Herausragende Meilensteine brachten Durchbrüche in mehreren Dimensionen:

Der Begriff "Zwentendorf" steht nicht nur für die Ablehnung der Atomenergie, sondern auch für die Abwendung von einem (heute unverständlichen) blinden Obrigkeitsglauben und unkritischer Akzeptanz vermeintlicher Wahrheiten des Wirtschafts-, Wissenschafts- und Technikkomplexes.

"Hainburg" steht nicht nur für Naturschutz (Nationalpark) statt Naturzerstörung durch ein Großkraftwerk, sondern auch für die Ablehnung des "Drüberfahrens" derer da oben und für Bürgerrechte.

Trotzdem fehlt heute eine Umweltpolitik mit nachhaltigem Erfolg, wie uns klimawandelbedingte "Natur"-Katastrophen zeigen. Nach Regelung der einfachen, sicht- und greifbaren Probleme (Luft- und Wasserqualität, Abfallberge) versagte die Politik bei aktuell anstehenden, komplexeren Zusammenhängen. Die Natur hatte quasi viel zu viel Geduld mit uns, hat vieles jahrzehntelang gepuffert - jetzt drohen oder wirken bereits Kippeffekte, die nicht oder nur schwer umkehrbar sein werden. Die Puffer haben es erleichtert, Gefahren zu "übersehen" und andere Interessen walten zu lassen. Wir beobachten einen dramatischen Qualitätsverlust der Politik. Beispiele gefällig?

Auf das erste Energieeffizienzgesetz (EEffG), das alle seine Ziele erreicht hat, nur halt keine Reduktion des Energieverbrauchs, folgt ein zweites, aus dem - dank einer Blockade von Verfassungsbestimmungen durch die Opposition - die Verpflichtung der Bundesländer gestrichen wurde. Die Chancen, dass wiederum alle Ziele erreicht werden (ohne die notwendige Verbrauchsreduktion), stehen ausgesprochen gut.

Ein Erneuerbaren-Gas-Gesetz legt statt "Raus aus Fossil" einen Lock-in für fossiles Erdgas fest.

Einer umfassenden und kompletten Wasserstoffstrategie fehlt nur eines: der Wasserstoff.

Der Kampf für den "über Jahrzehnte hinweg optimierten" Verbrennungsmotor, dessen Wirkungsgrad immerhin fast halb so hoch ist wie der des Elektromotors, ist nachgerade heroisch.

Die neuerdings beliebten eFuels bieten die ideale Möglichkeit, jedes Quäntchen Energie, das vielleicht doch irrtümlich durchs EEffG gespart wird, umgehend wieder zu verschwenden.

Mehr als genug Herausforderung also für den Umweltdachverband, sich weiterhin engagiert für Klimaschutz, Biodiversität und Nachhaltigkeit einzusetzen und gemeinsam mit allen konstruktiven Kräften daran zu arbeiten. Wird es gelingen, den dringend notwendigen Wandel mit Sicherung einer guten Lebensqualität für die Menschen herbeizuführen, oder setzen gegenläufige Interessen endgültig den Kollaps durch? Zutiefst zu bedauern ist, dass die "Wiener Zeitung" diesen Prozess nicht mehr mit gewohnt seriösen Berichten und zukunftsorientierten Impulsen begleiten darf!