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Die Natur mit ihren Waffen überlisten

Von Christa Karas

Wissen

Sie heißen "Dolly" und "Polly" (Schafe), "Christa", "Alexis", "Carrell", "Dotcom", "Millie" und "Xena" (Schweine) und viele von ihnen haben lediglich den Code von Versuchstieren. Seit "Dolly" im Februar 1997 nicht nur die Welt der Wissenschaft in Aufruhr versetzte, wurden Mäuse, weitere Schafe, Ziegen, Kühe und Schweine geklont. Das braunweiße Kalb (ebenfalls "Millie" getauft), das am 23. August mit Hilfe von Forschern der Universität von Tennessee zur Welt kam, ist bereits die dritte Kuh, die in den USA aus den Stammzellen einer anderen erwachsenen Kuh geklont wurde - und brachte es deshalb kaum noch zu einer Notiz, geschweige denn zu den Schlagzeilen in der ersten "heißen Phase". Humanmedizin und Pharmazeutik setzen große Hoffnungen in das Klonen, aber auch die Natur selbst könnte davon profitieren.


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Wer zum Thema Klonen trotz alledem immer noch Frankenstein-Szenarien assoziiert, übersieht, dass die Natur seit jeher Klone geschaffen hat, von denen der Mensch immer schon profitierte, entstanden doch u. a. aus Klonen etwa Edelobstsorten und feine Weine. Tatsächlich bedeutet Klon ja nichts anderes als "Schößling" oder "Zweig", also (so Meyers Lexikon) eine "durch ungeschlechtliche Vermehrung (Zellteilung bei Einzellern, Abgliederung vegetativer Keime, Stecklinge u. a.) aus einem pflanzlichen oder tierischen Individuum entstandene erbgleiche Nachkommenschaft".

"Das Klonen ist einfacher als wir zuerst dachten", meinte denn auch die Wissenschafterin Lannett Edwards - sie war zuvor bereits am "Dolly"-projekt in Schottland beteiligt - nach der Geburt der Kuh "Millie". Allerdings nach einigen Vorarbeiten: Die Forscher übertrugen die DNS einer Kuh in die leere ("entkernte") Eizellenhülle einer anderen. Der sich entwickelnde Embryo wurde dann einer weiteren Kuh eingepflanzt. Doch insgesamt waren es 95 Embryonen, die 17 Ersatzmüttern implantiert wurden und "Millie" war schließlich das Ergebnis einer von neun daraus resultierenden Schwangerschaften.

Ob die bisher geklonten Tiere und ihre gentechnisch veränderten Nachfolger tatsächlich die hochgesteckten Erwartungen hinsichtlich humanverträglicher Medikamente und Xenotransplantationen erfüllen werden, ist noch ungewiss, aber die Chancen dafür sind gut.

Und immerhin dürfen zahlreiche skeptische Vorbehalte, die viele Wissenschafter zu Beginn der Klon-Experimente geäußert hatten, mittlerweile als widerlegt angesehen werden. Dazu gehört vor allem die ursprüngliche Infragestellung der Fortpflanzungsfähigkeit geklonter Tiere. Vor allem "Dolly" war auch hier wieder der schlagende Beweis, wurde sie doch schon wiederholt (auf "natürlichem" Weg) Mutter.

Kein Wunder also, dass Forscher nun weltweit hoffen, mit Hilfe dieser Technik Tierarten vor dem Aussterben bewahren - oder gar (siehe unten) die Ausrottung von Tieren rückgängig machen zu können,

Schon im Vorjahr verkündeten chinesische Forscher ihre Absicht, erstmals einen geklonten Riesenpanda zur Welt zu bringen. Die staatlichen Medien berichteten damals, es sei gelungen, einen Panda-Embryo heranzuzüchten, der nun von einem artfremden Weibchen ausgetragen werden müsse.

Das Klonen des Pandas folgte demnach einem weit komplizierteren Weg als das Klonen "Dollys": Körperzellen eines verstorbenen Panda-Weibchens wurden von Forschern der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in die Eizellen eines japanischen Kaninchens implantiert. Der dabei entstandene Embryo sollte in die Gebärmutter eines Tieres einer anderen Tierart eingepflanzt werden, so Chen Dayuan vom Forschungszentrum der Akademie. Werde der Embryo von der Leihmutter angenommen, könne erstmals ein geklonter Panda geboren werden.

Der komplizierte Vorgang wurde deshalb gewählt, da das übliche Verfahren an bedrohten Tierarten nicht ohne weiteres verwendet werden kann, soll doch die Zahl der erhaltenen Exemplare durch die Entnahme von Eizellen nicht weiter dezimiert werden. (Riesenpandas zeigen sich kaum fortpflanzungswillig, in freier Wildnis gibt es nur noch 1.000 von ihnen, 100 weitere in Tiergärten.)

Tatsächlich zeigte eine Zwischenuntersuchung des Erbguts, dass der Embryo im wesentlichen einem Panda ähnelte. Seither ist es um das Projekt zwar still geworden, was aber nicht viel zu bedeuten hat. Chen, der das Klonen eines Riesenpandas erstmals im März 1997 vorgeschlagen hatte, hielt damals einen Zeitraum von fünf Jahren für erforderlich. Inzwischen hoffen die Forscher, dass es doch schneller gehen könnte, aber einige Hürden gibt es wohl dennoch.