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Die neue Ära des einsamen Wolfes

Von David Ignatius

Analysen
Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Dschihadisten höhnen, locken und umgarnen "Troubled Souls" im Internet, und rufen sie zu Anschlägen auf.


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"Er hat die Wahrheit erkannt, er gibt [den Treueeid], der Auftrag wurde erteilt, er nimmt ihn entgegen, Schmetterlinge im Bauch ... das Ziel ist bekannt, ein Gefühl der Erleichterung." So postete am 10.Mai ein Kämpfer des Islamischen Staats (IS) unter dem Namen Abu Abdullah Britani einen Aufruf an künftige Dschihadisten im Westen auf Twitter. Dieses bedrohliche Bild zeigen einzelgängerische Kämpfer, die von der US-Terrorabwehr als besondere Gefahr für die USA einstuft werden.

Diese "einsamen Wölfe" sind disparat, konfus, internetversiert, auf Selbstdarstellung aus und schwer zu finden. Ihre Anonymität ist beängstigend. Ein Nahostexperte äußerte nach den Morden von Chattanooga seine Sorge, dass die USA nur "einen Angriff entfernt" sind von nationaler Aufruhr über die Bedrohung durch solche Einzelgänger.

Natürlich ist es Terror, was diese Internet-Rekrutierer bewirken wollen. Die US-Regierungsbeamte warnen aber, dass die beste Antwort Ruhe ist, beständige Polizei- und Geheimdienstarbeit und eine belastbare Bevölkerung. "Das ist ein Problem", sagte ein Verantwortlicher: "Die USA sind zwar viel besser dran als andere Teile der Welt, aber wir haben eine niedrigere Schmerzgrenze."

Nach dem Anschlag von Chattanooga warnte die US-Regierung, dass das Problem weder schnell noch einfach zu lösen sein wird. "Die Bedrohung durch Einzelgänger und kleine Zellen ist schwer aufzuspüren und schwer zu verhindern", sagte US-Präsident Barack Obama und versprach, "weiter alles zu tun, was in unserer Macht steht", um das Land zu schützen. Aber die Verantwortlichen räumen ein, dass die besten Maßnahmen die simpelsten sind, nämlich Gemeinschaften, die auf Hinweise achten, die auf gewalttätiges Verhalten hindeuten könnten und eine Bevölkerung die nicht in Panik gerät, wenn Anschläge geschehen.

FBI-Chef James Comey sprach von "Troubled Souls", die die Online-Dschihadisten zu mobilisieren versuchen: "Ihre Botschaft lautet: Reist ins Kalifat - ihre islamische Wunderwelt. Kommt zu uns in den Irak oder nach Syrien. Und wenn ihr nicht reisen könnt, tötet jemand, wo ihr seid. Tötet jemand in Uniform, bevorzugt beim Militär oder bei der Exekutive, aber tötet jemand".

Comey übertreibt nicht. Ein IS-Kämpfer, der sich selbst Abu Awlaki nennt, postete im Mai: "Ich verstehe meine Brüder im Westen nicht. Wie könnt ihr an einem Polizisten vorbeigehen, ohne ihn niederzustechen?" Ein anderer postete einen Aufruf an Afroamerikaner: "Ich weiß, es gibt schwarze Brüder, die gegen Eliminationismus und Rassismus kämpfen und Hilfe brauchen. Nehmt den Islam an und gebt Ba’yah [den Treueeid]".

Die Dschihadisten verfügen über technisches Geschick. Fast werden neue Anleitungen zu Verschlüsselung, Phishing und anderen Tools übersetzt.Einer hat sogar eine eigene IS-Version des Onlinespiels "Flappy Bird" kreiert.

Ein Dschihadist namens Kacamack twitterte: "Wo immer du bist und mit mit was auch immer dir zur Verfügung steht ... Oder redest du nur groß und lässt auf Worte keine Taten folgen?" Die richtige Reaktion laut US-Beamten ist, ruhig zu bleiben und sich nicht auf das Spiel der Terroristen einzulassen.

Übersetzung: Hilde Weiss