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Die neuen Schlepperrouten

Von WZ-Korrespondentin Simone Schlindwein

Politik

Weil der Weg in die EU erschwert ist, werden Afrikaner nun über Ugandas Nachbarländer und von dort nach Südamerika geschleppt. Bis zu 30.000 Dollar zahlen sie, um später an der Grenze zu den USA zu landen.


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Kampala. Zwischen dem ostafrikanischen Uganda und der südlichen Grenze der USA liegen rund 15.000 Kilometer Luftlinie - und dennoch ist es in jüngster Zeit eine beliebte Fluchtroute. Die Zahl der afrikanischen Migranten, die derzeit Mexiko durchqueren auf dem Weg in die USA, habe sich seit Anfang des Jahres verdreifacht, meldeten im Juli mexikanische Behörden. Die meisten der rund 1900 Personen stammen aus den afrikanischen Konfliktländern Kamerun und der Demokratischen Republik Kongo, so die offiziellen Angaben. Doch die eritreische Nichtregierungsorganisation "Africa Monitors", die die Fluchtrouten ihrer Landsleute recherchiert und bei Problemen hilft, ist über die sozialen Medien mit immer mehr Eritreern in Kontakt, die ebenfalls diese Route gen Amerika einschlagen. "Meist über komplizierte Umwege", so Zecarias Gerrima, Vizedirektor von Africa Monitors.

Auch der 23-jährige Philippos aus Eritrea überlegt nun, diesen Weg zu wählen. Er will aus Sicherheitsgründen seinen richtigen Namen nicht veröffentlichen. Der junge Mann sitzt in einem Gartenrestaurant in Ugandas Hauptstadt Kampala. Im September vergangenen Jahres sei er aus seiner Heimat Eritrea hierher geflohen, erzählt er.

Afrikanische Regierungen als Türsteher Richtung EU

Das war kurz nach der großen Wende: Nach jahrzehntelanger Feindschaft und kriegsähnlichen Zuständen hatten Eritrea und Äthiopien im Juli 2018 einen Friedensvertrag unterzeichnet. Im September wurde die zuvor hochgerüstete Grenze zwischen den beiden Nachbarländern geöffnet. Über diese sei Phillippos zu Fuß zuerst nach Äthiopien marschiert, berichtet er. "Dass sich in Eritrea bald etwas ändert, daran glaube ich nicht mehr, im Gegenteil", sagt er und erzählt vom Militärdienst in seiner Heimat, einer der brutalsten Diktaturen des gesamten Kontinents.

Vor der Grenzöffnung im September 2018 flohen monatlich rund 5000 Eritreer über die geschlossenen Grenzen ihres Landes. Die meisten mussten dafür Schlepper bezahlen oder riskierten, auf der Flucht erschossen zu werden. Der brutale Militär- und Zivildienst, der alle Männer und Frauen direkt nach dem Schulabschluss fast ein halbes Leben lang verpflichtet, galt bisher als Hauptgrund, warum junge Eritreer fliehen. Die meisten machten sich bis dahin über die Nachbarländer Äthiopien und Sudan auf gen Libyen, an die Mittelmeerküste. Ihr Ziel: die Europäische Union.

Auch Philippos’ wollte dorthin, berichtet er. Doch als er sich in äthiopischen Flüchtlingslagern nach Schleppern umhörte, erfuhr er: Die bisherige Fluchtroute sei dicht. Der Grund: Die EU hat seit dem Jahr 2015 großen Aufwand betrieben, die afrikanischen Regierungen auf den Migrationsrouten gen Europa als Türsteher anzuheuern. Im Rahmen des sogenannten Khartum-Prozesses wurden Transitländer vom Horn von Afrika bis ans Mittelmeer von der EU eingebunden. Im Auftrag der Union bildete die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit Grenzschützer aus, um Schlepperkriminalität zu unterbinden.

Im Sudan wurde unter dem im April gestürzten Diktator Omar al Bashir die Einheiten des gefürchteten General Mohamed Daglo, alias Hametti, als Grenzschützer beauftragt. Er kommandiert die gefürchtete RSF (Schnelle Unterstützungstruppe), die nun auch für die Niederschlagung der Massenproteste in Sudans Hauptstadt Khartum verantwortlich gemacht wird. Sudan-Experten sagen sogar, dass die EU-Migrationspolitik den General im Khartum zusätzlich stark gemacht habe. Er gilt in Zusammenhang mit dem Völkermord in der sudanesischen Bürgerkriegsregion Darfur, aus welcher er stammt, als mutmaßlicher Kriegsverbrecher.

"Die Sudanesen nehmen Eritreer fest und deportieren sie. Einfach nur, weil sie der EU zeigen wollen, dass sie etwas tun", so Gerrima von "Africa Monitors" mit Sitz in Uganda. "Dabei wissen sie ganz genau, dass es für die Eritreer nicht sicher ist, zurückzukehren. Sie schicken sie in den Tod."

Aus europäischer Sicht hat die Zusammenarbeit mit dem Sudan offenbar funktioniert. So meldet das deutsche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge seit der Grenzöffnung Eritreas im September deutlich weniger eritreische Asylsuchende in Deutschland als in den Jahren zuvor. Damals hatten jährlich rund 11.000 Eritreer in Deutschland Asyl beantragt. Bereits im Jahr 2018 war es nur noch die Hälfte. In Europa keimt daher die Hoffnung auf, dass nach dem Friedensschluss die Flüchtlingszahlen aus Eritrea deutlich sinken.

Doch das Gegenteil ist der Fall. Tatsächlich habe sich die Zahl der Geflüchteten aus Eritrea nach der Wende sogar verdoppelt, so Gerrima von "Africa Monitors". Seiner Recherche nach sind seit der Grenzöffnung bis zu 200.000 Eritreer allein in Uganda angekommen. Wie Philippos werden sie von eritreischen oder äthiopischen Schleusern nicht mehr nach Norden in Richtung Europa, sondern gen Süden nach Uganda geschleppt. 1500 Dollar habe er für die Busfahrt über Kenia nach Uganda den Schleusern zahlen müssen, so Philippos. Das kleine Land in Ostafrika hat eine der liberalsten Flüchtlingspolitiken weltweit. Über eine Million Menschen leben dort in den größten Lagern des Kontinents.

Vorsprache für einen Asylantrag erst im Jahr 2021

In Kampala habe er im Oktober einen Asylantrag gestellt, berichtet Philippos. Doch mit der Bearbeitung der zahlreichen Asylanträge kommt Ugandas Regierung kaum hinterher. Besonders die komplizierte Einzelfallprüfung der Eritreer dauert Jahre. Er habe erst für das Jahr 2021 einen Termin zur Vorsprache bekommen. "Doch so lange will ich nicht warten", sagt er. "Ich habe wohl keine andere Wahl." Er müsse sich andere Wege suchen.

Diese anderen Wege haben die Schlepperbanden schon ausgekundschaftet. Eritreische Schlepper, die vorher im Sudan und in Libyen tätig waren, haben sich ebenfalls nach Uganda verlagert. Aufgrund der immensen Korruption in Ugandas Immigrationsbehörden lassen sich hier einfach Pässe besorgen. Von Uganda aus kann man visafrei in die Nachbarländer reisen oder auch in das befreundete Malaysia. Von dort aus werden dann über die weltweit aktiven eritreischen Schleppernetzwerke Visa für Südamerika beschafft.

Der bekannteste der eritreischen Schlepper ist Medhani Mered, auch bekannt als "General". Er wird seit dem Untergang seines Flüchtlingsbootes im Jahr 2013, bei dem 368 Menschen starben, mit internationalem Haftbefehl gesucht. Mit Hilfe britischer Geheimdienstinformationen hatte Sudans Polizei den angeblichen Mered 2016 in Sudans Hauptstadt Khartum aufgespürt, ihn festgenommen und nach Italien ausgeliefert. Dort stellte das Gericht jedoch fest: Bei dem Verhafteten handelt es sich nicht um den "General" oder den "Al Capone der Wüste", wie er in Italiens Medien auch genannt wird, sondern um einen eritreischen Flüchtling mit demselben Namen. Der Flüchtling Mered wurde erst vergangene Woche nach drei Jahren Haft vom Gericht in Palermo freigesprochen und aus der Haft entlassen. Der richtige Mered hingegen geht Recherchen der "Wiener Zeitung" zufolge seit über einem Jahr im eritreischen Supermarkt TMT in Kampala seine Zigaretten kaufen.

Seit der Verhaftung des falschen Mereds in Khartum haben sich zahlreiche zuvor im Sudan und in Libyen ansässige Schlepper in Uganda niedergelassen. Von hier aus haben sie jetzt neue Routen etabliert: mit dem Flugzeug um die halbe Welt.

"Eritreische Flüchtlinge werden jetzt bis nach Nordamerika geschleust", so Gerrima, der mit zahlreichen seiner Landsleute auf dieser neuen Route via Facebook und WhatsApp in Kontakt steht. "Sie fliegen von afrikanischen Flughäfen über Umwege nach Südamerika - zum Beispiel Uruguay. Von dort geht es mit dem Auto weiter", erklärt Gerrima die beschwerliche Route: "Weil sie Kontrollen meiden müssen, kann das ein, zwei sogar sechs Monate dauern oder sogar Jahre."

Schlepper kaufen Restaurants, Hotels und Supermärkte

Teuer ist diese neue Route noch dazu. Bis zu 30.000 Dollar zahlen Flüchtlinge pro Person. Ein gutes Geschäft für die Schlepper. Das Geld investieren sie derzeit großzügig in Restaurants, Hotels und Supermärkte in Uganda - offenbar unbemerkt. Moses Binoga, zuständig für die Bekämpfung von Menschenhandel und Schleppern in Ugandas Einwanderungsbehörde, erklärt: Von eritreischen Schleusernetzwerken wisse er nichts. Es könne jedoch durchaus sein, dass Uganda für viele Geflüchtete als Transitland diene.

"Der EU-Deal mit Sudan und Libyen, Schlepper zu bekämpfen, funktioniert nicht", so Gerrima. "Er hat die Schlepper nur klüger gemacht." Jetzt gehen die Routen über mehrere Flughäfen, sie beschaffen mehrere Visa. "Das lässt sich nicht mehr einfach kontrollieren." Er schlussfolgert: "Wenn jemand so viel Mühe und Geld da hineinsteckt, dann wird dieses Netzwerk bleiben, selbst wenn es Frieden in Eritrea gibt."