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Die offene Gesellschaft verteidigen. Jetzt!

Von Isolde Charim

Gastkommentare

Zwischen der Skylla des Antisemitismus und der Charybdis der Ausländerfeindlichkeit.


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Man muss es in aller Deutlichkeit sagen: Wenn man eine offene Gesellschaft will, dann muss man diese verteidigen. Jetzt. Denn gerade jetzt hat diese Gesellschaft ein Problem. Nicht nur hier in Österreich. Aber auch hier. Das Problem gibt es wohl schon länger, aber erst mit den öffentlichen Auftritten eines Milieus, das massiv antisemitisch und antiwestlich ist, ist es allgemein sichtbar geworden.

Genauer gesagt - dies ist kein einfaches, sondern vielmehr ein doppeltes Problem: eines mit jenem meist migrantischen Milieu und zugleich eines mit allen ausländerfeindlichen Stimmen in diesem Land. Und diese sind bekanntlich nicht wenige. Ein bekannter Chor, eine bekannte Melodie aber mit einem neuen Klang. Denn zurzeit werden die alten Hetzer von den neuen Hetzern bestätigt: Es sind vielfach Migranten, die ungehemmt antisemitisch in Erscheinung treten. Es ist zwar paradox, wenn ihnen gerade von Rechten deshalb Integrationsresistenz bescheinigt wird (Ist Antisemitismus für diese Leute nicht eher Beleg für gelungene Integration?) - man muss aber davon ausgehen, dass es von jenen tatsächlich so gemeint ist. Denn in den öffentlichen Auftritten aller Art der letzten Zeit - auf Demonstrationen, im TV, in den Social Media - wird nicht nur gegen Israel und gegen Juden Position bezogen - es wird gerade damit tatsächlich die hiesige Gesellschaft zurückgewiesen. Nicht durch die antisemitischen Inhalte, sondern durch die Form: eine enthemmte Hassrhetorik. Diese ist "Import" eines Konflikts, einer fernen Unversöhnlichkeit und Abgrenzung gegen die hiesige Gesellschaft in einem. Und dies ist ein gefundenes Fressen für all jene, die diese Gesellschaft längst zurückbauen wollten - von einer zaghaft offenen in eine geschlossene Gesellschaft.

Wie aber geht man mit dieser doppelten Problematik um? Wie geht man damit um, wenn Islamophobie mit einem realen Problem zusammenfällt? Wenn ausländerfeindliche Hetze ein tatsächliches Objekt bekommt? Die Situation ist wie bei einem Paranoiker, der wirklich verfolgt wird. Oder bei einem krankhaft Eifersüchtigen, der tatsächlich betrogen wird: Die Tatsache, das Zuwachsen eines Grundes ändert nichts an der Pathologie - aber es erschwert die Therapie massiv.

Die Vertreter eines wie auch immer gearteten Multikulturalismus sind jetzt dringend gefordert. Ansonsten prallt nur Ressentiment auf Ressentiment - migrantisches auf ausländerfeindliches. Und wenn es etwas gibt, das die offene Gesellschaft untergräbt, dann das.

Kollege Eric Frey hat in seinem Nachruf auf Barbara Prammer sehr klug bemerkt: Gerade jetzt, wo Hassrhetorik steigt, sei Parlamentarismus besonders wichtig. Parlamentarismus aber findet nicht nur im Parlament statt, sondern in der ganzen Gesellschaft. Er ist nicht nur Repräsentation, sondern eine Art der Konfliktaustragung, eine Form der öffentlichen Rede. Offene Gesellschaft bedeutet nicht nur Vielfalt, sondern auch eine Form mit dieser oft konfliktreichen Vielfalt umzugehen. Gerade in dieser schwierigen Situation zwischen Skylla und Charybdis muss die offene Gesellschaft verteidigt werden - das aber heißt, die Probleme klar benennen, ohne in neue Abschließungen zu verfallen. Eine sehr heikle Gratwanderung - politisch, gesellschaftlich, emotional.