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Immer mehr Österreicher, man schätzt um die 10 Prozent der Bevölkerung, stecken tief in der Kreide. 2001 wurde österreichweit 739.076-mal Forderungsexekution (Lohnpfändung) beantragt, 921.401-mal Fahrnisexekution (durch den Gerichtsvollzieher). In diesen Zahlen kann eine Person zwar mehrmals enthalten sein, sie erfassen aber dafür nicht die schon davor angelaufenen Lohnpfändungen.
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Das Konsumzeitalter fordert seine Opfer. Die Werbung präsentiert eine Vielzahl verlockender Produkte, Verkäufer bieten günstig anmutende Ratenzahlungen, Banken gewähren attraktiv erscheinende Bedingungen für Kontoüberziehungen und Kredite, und schon werden Ausgaben gemacht, mit denen das Einkommen nicht mehr mithalten kann. Ergeben sich womöglich zusätzliche Probleme - zum Beispiel Verlust des Jobs oder Scheidung - ist ein finanzieller Absturz oft kaum mehr zu vermeiden.
Jeder dritte Haushalt
Bereits jeder dritte der über drei Millionen Haushalte in Österreich ist verschuldet, mehr als 100.000 Haushalte sind überschuldet und damit zahlungsunfähig. Diese Bilanz zog im Jänner 2003 die Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatungen in Linz auf Grund der ihr vorliegenden Zahlen.
Die Mehrzahl der Schuldner sind nicht Leute, die hohe Kredite aufgenommen haben, sondern als "Einstiegsdroge" für Schuldnerkarrieren gilt die Möglichkeit, das Girokonto um ein Mehrfaches des monatlichen Einkommens zu überziehen. Man gibt beim täglichen Konsum ein bisschen zu viel aus, man verliert den Überblick über Versandhausbestellungen, Ratenzahlungen, Mobiltelefonate, Ausgaben mit der Kreditkarte, und eines Tages ist auch der Überziehungsrahmen gesprengt. Oft gewähren Banken dann einen Umschuldungskredit, um das Konto auszugleichen, lassen aber die Möglichkeit der Überziehung weiter offen, und so setzt sich das Problem verschärft fort: Überziehungszinsen, Verzugszinsen, Lohnpfändung, in dessen Folge oft Verlust des Arbeitsplatzes und geringe Chancen, einen neuen zu finden. Plötzlich hat man zigtausend Euro Schulden, ohne je einen auch nur annähernd so hohen Betrag bar in der Hand gehabt zu haben. Junge Menschen und Personen mit fremder Muttersprache sind am meisten gefährdet. Das Kreditvolumen an private Haushalte betrug nach Auskunft der Österreichischen Nationalbank vom November 2002 bei steigender Tendenz 66,52 Milliarden Euro, es ist somit seit Dezember 1996 (44 Milliarden Euro) um 51 Prozent gestiegen. Im Durchschnitt würden demnach auf jeden der etwa 3,33 Millionen Haushalte rund 20.000 Euro an Schulden entfallen. Die tatsächlich betroffenen Haushalte dürften im Durchschnitt mit etwa 75.000 Euro verschuldet sein.
Hinter diesen Zahlen verbergen sich Schicksale Hunderttausender Menschen, denen Rechnungen und Kredite über den Kopf gewachsen sind. Eine genaue Statistik darüber gibt es nicht, die wachsende Zahl jener, die in Schuldnerberatungen Rat und Hilfe suchen, lässt freilich einige Schlüsse zu. Rund 52 Prozent der Klienten stehen in Arbeit, etwa 25 Prozent sind arbeitslos. Gegenwärtig gibt es in Österreich elf bevorrechtete Schuldnerberatungszentralstellen mit in Summe 17 Regionalstellen und einem Beraterstand von 119 Personen. Im Jahr 2002 stellten rund 20.000 Menschen einen Erstkontakt zu einer dieser Stellen her, der in etwa 11.500 Fällen (58 Prozent) zu einer Erstberatung führte. Die Zahl dieser Erstberatungen ist zuletzt jährlich um etwa fünf Prozent gestiegen.
Schuldenregulierung
Im gleichen Ausmaß steigt die Zahl der Schuldenregulierungsverfahren, 2002 wurden 3.199 Verfahren eröffnet, seit der Einführung des "Privatkonkurses" (1. 1. 1995) wurden in Österreich 20.799 Verfahren bei Gericht beantragt und 17.459 eröffnet. Von den etwa 1500 außergerichtlichen Ausgleichsversuchen des Jahres 2002 wurden über zwei Drittel von den Gläubigern abgelehnt.
Einerseits muss man verstehen, dass die Geldinstitute und deren Personal selbst unter enormem Druck stehen, möglichst viel Profit zu machen, anderseits wäre es nötig, der Tatsache Rechnung zu tragen, dass viele Menschen nicht mit Geld umgehen können, manchen sogar, wie anderen das Glücksspiel oder der Alkoholgenuss, das Ausgeben von Geld zur Sucht werden kann. Die Dynamik des Zinswesens tut ein Übriges, um immer mehr Leute vor unlösbare finanzielle Probleme zu stellen. Die derzeitige österreichische Rechtslage gilt als besonders banken- und gläubigerfreundlich, sie wird sich vermutlich auch durch eine in Aussicht stehende EU-Richtlinie für die Vergabe von Privatkrediten kaum dramatisch verändern. Ohne Reformen ist aber eine Entschärfung der Situation nicht in Sicht, sondern eher das Gegenteil.
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