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Die Opposition ist kein Vergnügen

Von Brigitte Pechar

Politik

Die Grünen wollen regieren. Erst seit 1986 im Nationalrat, wollen sie 16 Jahre später drittstärkste Kraft werden und die harten Oppositions- mit den gepolsterten Regierungssesseln vertauschen. "Das wird nicht leicht, aber in der Opposition zu schuften, ist auch kein Vergnügen auf die Dauer", drückt Bundessprecher Alexander Van der Bellen seine Lust auf Macht aus. Die "Wiener Zeitung" begleitete ihn bei einer Wahlkampftour in den Raum Graz. Seine Stellvertreterin Eva Glawischnig hatte da schon einen härteren Boden zu beackern: Sie musste vergangene Woche ein wenig Grün in das tiefschwarze nördliche Niederösterreich bringen.


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Die "Luftburg", wie die Grünen die große Screen für Van der Bellens Speakers Corner nennen, hat er diesmal nicht mitgebracht. Auf dem dafür vorgesehenen Grazer Hauptplatz gibt es keine Aufstellgenehmigung. Der Grund: "Bauarbeiten". Das kommt öfter vor, auch Eva Glawischnigs futuristische, grüne Wählbar muss oft auf abgelegenere Plätze weichen, obwohl tags zuvor andere Parteien mitten in der Fußgängerzone ihre Wahlveranstaltung über die Bühne bringen konnten. Aber man rege sich darüber schon gar nicht mehr auf - sonst werde man überhaupt an die Stadtgrenze verbannt, resignieren die MitarbeiterInnen vor der Macht der jeweiligen MagistratsbeamtInnen.

Erste Station von Van der Bellen ist ohnehin nicht Graz, sondern Gleisdorf. Fast pünktlich trifft der Grüne Spitzenkandidat im BG und BRG Gleisdorf ein: Für 12 Uhr ist eine Diskussion - initiiert von der "Kleinen Zeitung" - mit den SchülerInnen der sechsten, siebenten und achten Klassen des Gymnasiums angesetzt. Die Jugendlichen decken das gesamte Themenspektrum ab - von der Koalition über Neutralität, Gentechnik, Rapsöl und Biodiesel, bis hin zur Budgetpolitik wird alles hinterfragt.

Obwohl Van der Bellen zuerst erklären muss, wie er von der SPÖ zu den Grünen gekommen sei: "Durch eine bürokratische Schlamperei der SPÖ. Ich habe wahrscheinlich meinen Mitgliedsbeitrag nicht gezahlt." In einem Brief drückte der damalige SPÖ-Chef Franz Vranitzky sein Bedauern über Van der Bellens Austritt aus. "Ich habe das zur Kenntnis genommen und es dabei belassen." Und - "eine Umweltpartei war die SPÖ nie". Den Grünen ist er erst beigetreten, als er schon deren Bundessprecher war, "wir sind eben eine atypische Partei". Näher führt der Professor die künftige Budgetpolitik aus und berichtigt einige "Märchen". Von den 145 Mrd. Euro Staatsschulden stamme nur ein Bruchteil aus der Kreisky-Ära. "Das allermeiste stammt aus der Zeit der rot-schwarzen Regierungen 1986 bis 1999." Wobei 70 Prozent der Schulden Inlandsschulden seien. Ein bisschen Werbung durfte nicht fehlen: "Volkswirtschaft ist ein interessantes Studium."

Nach eineinhalb Stunden und einer Eintragung ins Gästebuch der Schule ist auch Direktor Nico Schweighofer zufrieden. Einige Eltern hätten sich zwar beschwert über den Grünen Besuch. Aber es werde in "Politischer Bildung" ohnehin eine Nachbetrachtung erfolgen und wählen dürfe ohnehin nur ein geringer Teil der SchülerInnen, da ja der Stichtag (wer bis 31. Dezember 2001 das 18. Lebensjahr vollendet hat) gelte.

Der weitere Terminplan: 14 Uhr Interview mit "Antenne Steiermark" in Dobl. Schließlich müssen die Regionalmedien es nützen, wenn die Politik aufs Land kommt.

16 Uhr Interview mit ORF-Radio Steiermark in Graz. Dann - endlich - ein verspätetes Mittagessen in der Grazer Innenstadt. Den Tagesabschluss bildet eine Podiumsdiskussion (Beginn 19 Uhr) in einem Hotel: 150 Interessierte sind es diesmal, denen Van der Bellen erklärt, warum die Grünen jetzt regieren sollen. Voraussetzung sei ein Auftrag von mindestens 10 Prozent der WählerInnen.

Am nächsten Tag geht es mit dem Flugzeug nach Innsbruck. Wie lange kann man so ein Politikerleben aushalten? "So lange, so lange man mich aushält". Leid tut Van der Bellen nur, dass er nicht mehr unterrichten kann.

Eva Glawischnig kann zumindest einige ihrer Leidenschaften auch als Vollzeitpolitikerin noch ausüben: Laufen, bergsteigen, snowboarden, Inlineskaten. Diesmal ist ihr morgendliches Laufprogramm entfallen. Eine Pressekonferenz in Wien um 9.30 Uhr zum Thema "Untergriffe der ÖVP" war fällig. Dann verlässt die Umwelt- und Kultursprecherin Wien Richtung Krems. Die Wählbar, die sie während des gesamten Wahlkampfes begleitet, steht bereits am Dreifaltigkeitsplatz. Mehrere Grüne Gemeinderäte der Umgebung haben sich eingefunden. Das Wetter ist perfekt: strahlender Sonnenschein. Ansonsten ist das Interesse mäßig, der Dreifaltigkeitsplatz liegt nicht direkt in der Fußgängerzone. Eine 48jährige Frau ist extra wegen Glawischnig gekommen. Sie stamme zwar aus einer konservativen Familie, die Frauenpolitik der Grünen ist aber für sie ausschlaggebend, diesmal Grün zu wählen. Drei fünfzehnjährige Burschen, die das Oberstufenrealgymnasium der Piaristen in Krems besuchen, wollen wissen, wie Glawischnig zur Politik gekommen ist. Sie fänden eine Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre super. In der Schule wird in Geografie über Politik gesprochen, sonst nicht.

Nach einem Mittagessen ist die nächste Station die Umweltmustergemeinde Grafenschlag im Waldviertel. Am Dorfrand stehen zwei Windräder, eines davon versorgt etwa 600 Haushalte mit Strom. Glawischnig verzichtet darauf, die 63 Meter hohe Leiter emporzuklettern zumal die Temperatur bei minus sechs Grad liegt. Nach einer Besichtigung der Volksschule, die fast ein Nullenergiehaus (Zusatzheizung mit Hackschnitzeln) ist, geht es zum Waldviertler Energiestammtisch ins Wirtshaus. Eine hochspezialisierte Runde deckt Glawischnig mit Detailfragen zur künftigen Energiepolitik ein. Die Energie- und Atomsprecherin fühlt sich sichtlich wohl: Das ist ihr ureigenstes Fachgebiet, da kann man sie nicht so schnell aus der Ruhe bringen. In den meisten Fragen ist man sich ohnehin einig.

19 Uhr: Bründlmayer in Langenlois. Mit KünstlerInnen und der Verkostung der bekannten Veltliner und Rieslinge der Region klingt ein etwas lockererer Wahlkampftag aus. Der nächste Tag in Oberösterreich wird anstrengender werden.