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Konflikt droht auch in Nord-Kirgistan. | Vergebliches Hoffen auf Russland. | Usbekistan fürchtet Islamisten. | Bischkek/New York/ Wien.Die Lage in Kirgistan, wo es in den vergangenen Tagen zu schweren Ausschreitungen gekommen war, bleibt weiter gespannt: Die Übergangsregierung fürchtet eine Ausweitung der Gewalt auf Gebiete im Norden, wo auch die Hauptstadt Bischkek liegt. Vize-Ministerpräsident Almasbek Atambajew sagte am Dienstag, nach den Erfahrungen in der südlichen Stadt Osch gehe er davon aus, dass es auch im Norden zu Provokationen kommen werde. Die Regierung sei darauf aber gut vorbereitet.
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Während Interimspräsidentin Rosa Otunbajewa inzwischen einräumte, dass die Zahl der Toten vermutlich um ein Vielfaches höher liegt - offiziell wurden 171 Opfer bestätigt - spricht das Rote Kreuz inzwischen von mehreren hundert Toten. Der Polizeichef der Unruheprovinz um Osch sagte, dass die Zusammenstöße auch am Dienstag kein Ende genommen haben. Für Otunbajewas Regierung ist die Lage nicht einfach: Das regionale, um Russland gruppierte Verteidigungsbündnis OVKS lehnte eine Intervention in Kirgistan am Montag ab. Der russische OSZE-Botschafter Anwar Asimow bestätigte am Dienstag in Wien den Beschluss und sagte, Russland plane keine Entsendung von Friedenstruppen nach Kirgistan, da es sich um einen "inneren Konflikt" handle.
Männer müssen warten
Mittlerweile befinden sich bereits 75.000 Flüchtlinge auf der usbekischen Seite der Grenze. Ihre Zahl, so die UNO, könnte bald auf über 100.000 steigen, denn der Flüchtlingsstrom reißt nicht ab - besonders Männer warten noch auf Einlass: Aus Angst, mit den Flüchtenden könnten unerkannt auch islamistische Kämpfer nach Usbekistan einreisen, hatte der dortige säkulare Staatschef Islam Karimow, der das Land mit eiserner Hand regiert, die Grenzen zunächst einmal dicht machen lassen. Wenn überhaupt, konnten nur mehr Frauen und Kinder passieren. Dahinter steht die Befürchtung nicht nur Karimows, der Konflikt könnte sich aus usbekisches Territorium ausweiten: Würde der bislang vergleichsweise stabilste und finanziell potenteste Staat der Region fallen, so meinen auch zahlreiche Experten, dann glitte das ganze Gebiet ins Chaos: Der usbekische Teil des fruchtbaren Fergana-Tals gilt als eines der kulturellen, landwirtschaftlichen und urbanen Zentren des oft nur spärlich besiedelten Zentralasien.
Die Furcht vor islamistischen Kräften dürfte es auch sein, die Karimow daran hindert, mit den Status quo zu brechen und etwa zugunsten der Auslands-Usbeken zu intervenieren: Eine Revision der Staatsgrenzen wäre in der instabilen Region ein Spiel mit dem Feuer. Nutznießer eines ausbrechenden Chaos, so glauben die Staatschefs Zentralasiens unisono, wären die Islamisten: Während des tadschikischen Bürgerkriegs 1999 und 2000 waren bereits Kämpfer einer "Islamischen Bewegung Usbekistans", die ein Kalifat errichten wollen, nach Usbekistan eingedrungen.
Zwischen Kirgisen und Usbeken bestehen - trotz einer langen Tradition friedlichen Zusammenlebens - fundamentale Gegensätze: Die Usbeken sind in dem Gebiet die Träger der städtischen Kultur und waren immer sesshaft, die Kirgisen lebten lange Zeit hauptsächlich als Nomaden. Als 1924 der damalige sowjetische Nationalitätenkommissar Josef Stalin eine Grenzziehung nach sprachlich-kulturellen Gesichtspunkten vornahm, verblieben aus verwaltungstechnischen Gründen einige usbekische Enklaven - eben die Städte Osch und Dschalal-Abad - auf kirgisischem Gebiet. Mit Landflucht und Verstädterung zogen dann viele Kirgisen in die von Usbeken dominierten Städte - ein Feilschen um Macht und Einfluss begann.
Referendum kommt
Inzwischen gab die Übergangsregierung bekannt, trotz der Kämpfe an der geplanten Volksabstimmung über eine neue Verfassung am 27. Juni festhalten zu wollen, die das Land zu einer parlamentarischen Demokratien machen soll. UNO und EU hatten Kirgistan zuvor dazu aufgerufen. Mit dem Referendum soll eine erneute autoritäre Herrschaft eines Präsidenten - wie zuletzt von Kurmanbek Bakijew - verhindert werden. Dessen Rolle in dem Konflikt ist unklar: Beobachter halten es durchaus für möglich, dass die Gefolgsleute des Ex-Präsidenten, der in Weißrussland Schutz gesucht hat, den Konflikt bewusst angeheizt haben.

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