Zum Hauptinhalt springen

Die Pinochet-Opfer erzählen · und fordern Gerechtigkeit

Von Juliette Baillot

Politik

Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 25 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Cristina war 21 Jahre alt, als die Soldaten kamen. Sie verschleppten sie aus dem Krankenhaus, wo sie damals Praktikantin war, knebelten und fesselten ihr ahnungsloses Opfer und brachten

es an einen verborgenen Ort. Das war im Dezember 1974, das weiß Cristina noch ganz genau. Dann kamen die Vergewaltigungen. Sie mußte dabei zusehen, was die Soldaten ihren Freunden antaten. Sie wurde

mit Elektroschocks und Schlägen traktiert. Ihr angebliches Vergehen: Sympathie für Salvador Allende, den gewählten marxistischen chilenischen Präsidenten.

Nach einem Jahr der Folter wurde sie freigelassen · ohne Anklage oder Schuldspruch. Vor dem Menschenrechtsausschuß des britischen Parlaments durchlebt Cristina Godoj nun noch einmal die Torturen,

die ihr Pinochets Schergen angetan haben. Zusammen mit anderen Opfern der Militärdiktatur von Augusto Pinochet sagte Cristina am Dienstag in London vor britischen Abgeordneten und den Augen der

Öffentlichkeit über die erlittenen Qualen aus.

Luis Munoz wurde einige Monate nach seiner Frau von der Geheimpolizei abgeholt. Seine Frau sei im Krankenhaus und wenn er nicht kooperiere, dann werde sie sterben, hätten sie gesagt. Er habe die

Zusammenarbeit verweigert und seine Frau nie wiedergesehen. "Die Militärjunta verfolgte eine Politik der selektiven Tötung", sagt der heute 50jährige. Der Universitätslektor Ricardo Acuna wurde

ebenfalls gefoltert und überlebte. "Die meisten meiner Freunde verschwanden", stammelt der 58jährige in gebrochenem Englisch und läßt seinen Tränen freien Lauf, weil er sich für sein

Überleben schämt. Angesichts solcher Aussagen kann auch Isabel Allende die Tränen nicht zurückhalten.

Noch immer würden 1198 Menschen aus dieser Zeit vermißt. "Das ist eine andauernde Folter", betont Sola Sierra, Vorsitzende einer Vereinigung der Angehörigen von Menschen, die unter Pinochet spurlos

verschwanden. Auch der Ehemann der 62jährigen ist unter ihnen. Diejenigen, die überlebten und nun Zeugnis ablegen über Folter und Mord, sind gezeichnet fürs Leben: "Sie haben ihnen alle Knochen

gebrochen, sogar schwangere Frauen sind vergewaltigt worden, manchmal von Tieren." Sola Sierra schaut auf und betont: "Aus diesen Gründen darf Pinochet keine Art von Immunität eingeräumt werden."

Pinochet selbst kennt keine Reue. Sein einziges Ziel ist es, sich aus den Fängen der europäischen Justiz zu retten. Genau dies wollen aber seine Opfer verhindern, mit prominenter Unterstützung.

Isabel Allende, die Tochter des im Jahr 1970 demokratisch gewählten und von Pinochet 1973 gestürzten Präsidenten Salvador Allende, will den Ex-Diktator endlich vor Gericht sehen. In London berichtete

sie in den letzten fünf Tagen gemeinsam mit zahlreichen Diktaturopfern die Wahrheit über die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen: "Wir wollen nur Gerechtigkeit." Es gehe nicht um Rache, sondern

ums Prinzip.