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"Die Rehabilitierung der Demokratie"

Von Konstanze Walther

Wirtschaft

Dass Monsanto einem Krebspatienten Schadenersatz zahlen muss, hat dem Anwalt Robert Kennedy Jr. das Vertrauen in die USA zurückgegeben.


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Brüssel/Washington. Roundup hat in dem vergangenen Jahrzehnt eine steile Karriere hingelegt. In den USA wurde das Herbizid des Konzerns Monsanto (den inzwischen Bayer gekauft hat) einst "nur" als Unkrautvernichter verwendet. "2006 hat Monsanto erklärt, es (Roundup, Anm.) hilft auch bei der Ernte, indem es die Pflanzen austrocknet. Das tut es ja auch", sagt der Anwalt Robert Kennedy Jr. Aber das ist eben nicht das Einzige, wofür Roundup ursächlich ist.

Nicht nur Robert Kennedy Jr., Neffe des US-Präsidenten John F. Kennedy, vertritt diese Meinung. Sondern auch die Ansicht von allen acht Juroren in San Francisco. Und schrieben damit Mitte August Geschichte.

Das Gericht entschied zum einen, dass Monsanto einem Krebspatienten knapp 40 Millionen Dollar Entschädigung zahlen muss. Dewayne Johnson hatte Roundup jahrelang im Rahmen seines Berufes als Platzwart verwendet. Roundup sei laut der Jury ursächlich für das Non-Hodgkin-Lymphom, den Lymphdrüsenkrebs von Dewayne Johnson.

Es war das erste Gerichtsverfahren zu den etwaigen Nebenwirkungen des Herbizids Roundup.

"Böswilligkeit, Unterdrückung oder Täuschung"

Aber das ist nicht alles. Die Jury befand außerdem, dass Monsanto Johnson einen Strafzuschlag zum Schadenersatz von 250 Millionen Dollar zahlen muss. Strafzuschläge werden nach kalifornischem Zivilrecht dann vergeben, wenn sich die beklagte Partei "Böswilligkeit, Unterdrückung oder Täuschung" (§3294) zuschulden kommen hat lassen.

Es handelt sich also um die Verwerflichkeit des Verhaltens des Konzerns.

Robert Kennedy Jr. hat gemeinsam mit der Anwaltskanzlei BaumHedlund den Kläger Johnson gegenüber Monsanto vertreten. Am Mittwoch war Kennedy gemeinsam mit Michael Baum auf Einladung der europäischen Grünen im Europaparlament, um die Erfahrungen mit Monsanto zu teilen. Durch den Verkauf Monsantos an die Bayer Aktiengesellschaft wird Monsanto ja zunehmend ein europäisches Thema.

Aber zurück zur Karriere von Roundup. Als das Herbizid vor mehr als zehn Jahren quasi auch als Erntehelfer empfohlen wurde, "fingen die Farmer an, es direkt auf Nahrungsmittel anzuwenden", erzählt Kennedy. Der Absatz von Roundup stieg um 75 Prozent. Die Erntefläche blieb allerdings fast gleich groß. Heute ist Roundup, und damit dessen Wirkstoff Glyphosat, "im Frühstück von unseren Kindern, in unserem Bier und in unserem Grundwasser", schildert Kennedy.

Doch es ist nicht die Popularität des Herbizids, für die Monsanto den Strafzuschlag von 250 Millionen Dollar in einem einzigen Verfahren zahlen muss. Sondern die Tatsache, dass der Konzern laut Anwälten und der Jury seit Jahrzehnten offenbar den Verdacht der Nebenwirkungen gezielt vertuscht hat. Dank des Gerichtsverfahrens - das beschleunigt wurde, weil Johnson laut seinen Ärzten nur noch wenige Monate zu leben hat - musste der Konzern Dokumente und E-Mails aushändigen, die zeigen, dass Studien zu den schädlichen Effekten von Roundup gezielt unterschlagen wurden, und Studien, die das Gegenteil bezeugen würden, vor allem von den hauseigenen Wissenschaftern verfasst wurden.

Interne Memos zeigten schon 1998 und 1999, dass man im Konzern über Europas Bedenken besorgt war, dass Glyphosat zu einer Veränderung der DNS, nicht nur bei Pflanzen, sondern auch bei Menschen führen kann.

Eine Publikation zu den schädlichen Effekten, die Roundup auf Ratten hat, wurde etwa dank der Beziehung zwischen einem Monsanto-Mitarbeiter und dem Journal of "Food and Chemical Toxicology" in Misskredit gebracht. Der Monsanto-Mitarbeiter David Saltimiras hat 2012 zudem erfolgreich lobbyiert, damit verschiedene Personen Briefe an das Journal geschrieben haben, die daraufhin auch publiziert worden sind - die der Studie Mängel vorgeworfen haben, selektive Statistiken sowie Voreingenommenheit. Dokumente wie dieses E-Mail wurden vom Anwaltsteam nicht nur als Beweismittel über das gezielte Hinwegsehen von etwaigen schädlichen Effekten eingebracht, sondern liefen auch unter der Rubrik "Glaubwürdigkeit der Zeugen" - also wie sehr man Monsanto die Beteuerung der Unschädlichkeit abnehmen könne. In einem anderen Dokument schlägt Monsanto vor, eine Studie hausintern verfassen zu lassen, die dann ein paar externe Experten noch etwas adaptieren dürfen, um dann auch mit ihren Namen zu zeichnen. Das spare Geld und bringe Glaubwürdigkeit.

Möglich gemacht wurde das jetzige Verfahren durch eine Studie aus dem Jahre 2015 der Weltgesundheitsorganisation WHO. Deren Tochterorganisation, die International Agency for Research on Cancer befand, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend" ist. Dadurch wurde erstmals die wissenschaftliche Hürde genommen, die das US- Justizsystem braucht, um Zivilverfahren zuzulassen. Erst ab dann konnten die Anwälte tätig werden.

Eine "Stampede aus Liberalen" oder ein wegweisendes Urteil

"Wir hatten auch Glück mit der Jury", gibt Robert Kennedy Jr. zu. San Francisco sei eine aufgeklärte Stadt mit einem hohen Bildungsniveau, zwei der Juroren seien zudem Wissenschafter gewesen. Das sei sicher mit ein Grund, weshalb die Schadenersatzzahlungen in einem einzigen Verfahren mit zusammengerechnet 289 Millionen US-Dollar so hoch ausgefallen wären. Monsanto hat Berufung eingelegt. Insgesamt sind übrigens 8000 ähnlicher Verfahren anhängig.

Um seine Aktionäre zu beruhigen, habe Monsanto so getan, als würden sie in Kalifornien von einer Stampede von Liberalen überrannt werden, "als wären das Zombies", erklärt Anwalt Michael Baum, der auch daran erinnert, dass die Anwälte bei jedem neuen Verfahren sich um die Veröffentlichung von neuen Dokumenten bemühen werden. Das Anwaltsteam hat nach eigenen Angaben bei der Richterin mehr als 80 Prozent der erlangten Dokumente nicht vorbringen dürfen. Nicht einmal der Hinweis, dass Monsanto - nicht als einziges Unternehmen, aber immerhin - schon während des Vietnam-Kriegs Agent Orange hergestellt hat, war von der Richterin erlaubt worden. Trotzdem hat die Jury nach nur dreitägiger Beratung schließlich einstimmig für den Kläger entschieden.

Rachel Carson wurde in den 1960ern in Misskredit gebracht

"Dieses Verfahren war eine Rehabilitation der amerikanischen Demokratie", sagt Robert Kennedy: "Die amerikanische Jury ist ein Teil davon. Jemand, der Konzernen die Stirn bietet und sie zur Rechenschaft zieht." Kennedy gibt unumwunden zu, dass das Verfahren für ihn persönlich hochbefriedigend war. Er sei seit fast 30 Jahren Umwelt-Rechtsanwalt. Und er erinnert sich gut, als er einst, in den 1960er Jahren, dank seines Onkels, dem damaligen Präsidenten, Rachel Carson kennenlernen durfte, die schon damals für ihn eine "Heldin" war. Rachel Carson hatte mit dem Sachbuch "Der stumme Frühling" ein Werk publiziert, das auf die schädlichen Effekte von Pestiziden auf die Umwelt aufmerksam gemacht hat. Unter anderem auf DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan), dass später in den meisten Industrienationen verboten worden war. Monsanto habe damals aber mit einer Schmutzkübelkampagne die von Krebs gezeichnete Carson attackiert, sie etwa als "alte Jungfer" hingestellt, was ein "Euphemismus für Lesbe" war. Carsons Werk wurde später rehabilitiert. Sie erhielt 1980 posthum die "Presidential Medal of Freedom".

Der Konzern Bayer will den Monsanto-Namen übrigens künftig nicht mehr führen.