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"Die Republikaner sind verrückt"

Von Thomas Seifert

Politik
Thomas Friedman: "Die Republikaner sind viel weiter nach rechts gerückt, als die Demokraten nach links gerückt sind."
© © © Ramin Talaie/Corbis

Was Amerika von China lernen kann und was den USA nach der Wahl droht.


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"Wiener Zeitung": Der US-Wahlkampf geht in die Endrunde. Nach der Wahl droht das US-Budget über die Klippe zu gehen. Dramatische Kürzungen treten automatisch in Kraft, falls Republikaner und Demokraten sich nach der Wahl nicht auf einen Haushaltskompromiss einigen können.Thomas Friedman: So ist es. Am Morgen nach der Wahl stehen wir vor dieser Klippe - der Fiscal Cliff. Dieses Problem muss die Nation geeint lösen, das wird wie am am 8. Dezember 1941, dem Tag nach Pearl Harbour, wo ganz Amerika zusammenstehen musste.

Es scheint sich eine knappe Wahl in den USA anzubahnen.

Sieht so aus. Und weil es bisher ein schlimmer, bitterer und garstiger Wahlkampf war, wird der, der verlieren wird, sehr verärgert sein. Genau in dem Moment also, wenn wir Amerikaner uns an den Händen halten müssen, um gemeinsam über diese Haushalts-Klippe zu springen, stehen die beiden politischen Seiten einander mit noch mehr Verbitterung, noch mehr Anfeindungen gegenüber als je zuvor. Ich weiß wirklich nicht, was passieren wird.

Wir treffen einander hier in der chinesischen Hafenstadt Tianjin. Sie haben sich zuletzt immer mehr für China interessiert, kommen immer öfter hierher. Was auffällt: Die chinesische Führung verfolgt ihre Pläne sehr zielstrebig.

Diese Leute haben einen Plan. Und die chinesischen Bürger haben Aspiration. Genau darum geht es auch in meinem letzten Buch "That Used To Be Us", das ich gemeinsam mit meinem Freund Michael Mandelbaum geschrieben habe. Was China heute von uns im Westen unterscheidet, ist, dass die Chinesen in der Lage sind, große, schwierige Projekte gemeinsam anzupacken. Der Grund, warum die Menschen in den USA heute mit einer gewissen Eifersucht auf China blicken, ist die Tatsache, dass wir das nicht mehr schaffen. Die Amerikaner wollen sicher nicht das politische System Chinas, aber wir sehen in China gewisse Dinge, die wir in Amerika vermissen.

Was läuft schief in den USA?

Wir gehen derzeit durch eine bestimmte Phase. Sagen wir so: Ich hoffe, dass es sich um eine Phase handelt. Ganz undiplomatisch: Es ist einfach so, dass die Republikaner verrückt geworden sind. Das kann ich nicht anders sagen. Die Republikaner sind viel weiter nach rechts gerückt, als die Demokraten nach links gerückt sind. Die Demokraten unter Präsident Barack Obama sind immer noch eine mitte-links-Partei. Die Republikaner sind aber inzwischen eine weit rechts stehende Partei.

Wie soll das weitergehen?

Der einzige Weg, wie die USA Fortschritte machen können, ist, wenn mitte-links und mitte-rechts zusammenfinden. Aber das passiert eben nicht mehr. Ich denke, es wäre ganz gut, wenn die Republikaner in dieser Wahl einen richtigen Denkzettel ausfassen. Auf diese Weise werden sie gezwungen, das zu tun, was die Demokraten tun mussten, als Ronald Reagan sie völlig deklassierte. Die Republikaner brauchen einen Neuanfang. Dringend.

Europa und die USA driften seit dem Ende des Kalten Krieges auseinander, beide Seiten besinnen sich auf ihre eigenen Interessen. In Zukunft wird wohl die Pazifik-Küste für die USA wichtiger als die Atlantikküste sein. Europa wird sich noch stärker nach Osten orientieren.

Ich glaube nicht wirklich an ihre These. Was sehen die Europäer, wenn sie nach Osten blicken? Russland. Da gibt es nur Öl und Gas, mehr nicht.

Aber wir sehen auch China. Das Reich der Mitte ist für manche EU-Länder ein fast so wichtiger Handelspartner wie die USA.

Aber: Wir haben auf kultureller, religiöser und politischer Ebene immer noch so viele Gemeinsamkeiten. Die Beziehung zwischen Europäern und Amerikanern ist immer noch sehr eng.

Haben Sie eine Erklärung für die gesellschaftlichen Umbrüche, die wir derzeit in aller Welt beobachten?

Demografie, Globalisierung und vor allem technologischer Wandel. Jede Firma, jedes Medium, jede Regierung, jede hierarchisch organisierte Institution befindet sich plötzlich in einer Zwei-Weg-Kommunikation mit den Kunden und Bürgern. Daran gewöhnen wir uns gerade. Das wird übrigens eine Riesen-Herausforderung für die chinesische Führung: Denn die nächste Regierung ist die Erste,
die sich in dieser Zwei-Weg-Kommunikation mit den Bürgern wiederfindet. Und sie tritt zu einem Zeitpunkt in die Zwei-Weg-Kommunikation ein, an dem große politische Wandlungsprozesse anstehen. Aber das ist auch der Grund für die Krise der Demokratie im Westen: Die Regierungen haben sich in den USA und Europa ebenfalls noch nicht an die neuen Realitäten gewöhnt.

Nach Europa: Haben Sie eigentlich je daran gedacht, dass der Euro auseinanderbrechen könnte?

Ich bin schockiert darüber, was in Europa in den vergangenen Monaten abgelaufen ist. Europa wird noch etwas länger durch schwierige Zeiten gehen. Aber der Alarmismus war schon übertrieben: Es gibt in der Europäischen Union einfach zu viel wirklich gutes Humankapital, zu viel wirklich gute Institutionen, als dass Europa scheitern könnte. Aber die Menschen vermissen Leadership in einer Ära, in der man mit den Menschen und nicht über die Menschen hinweg regieren soll. Die Bürger vermissen das Gefühl, dass da irgendjemand einen Plan hat. Aber: Würde ich gegen Europa wetten? Nie im Leben.

Sie beklagen den Niedergang der USA und fordern eine Renaissance Amerikas.

Darum heißt unser Buch ja auch "That Used To Be Us: How America Fell Behind in the World It Invented and How We Can Come Back - Das waren einst wir. Wie Amerika in einer Welt, die wir geschaffen haben zurückfällt und wie wir wieder zurück an die Spitze kommen können." Das Buch hat einen Titel, der zurückblickt aber ein Thema, das in die Zukunft weist.

Unsere These: Wir hatten eine Formel für den Erfolg. Diese Erfolgsformel lautete, wir brauchen die bestmögliche Ausbildung für unsere jungen Menschen. Wir brauchen die bestmögliche Technologie, die zu dem jeweiligen Zeitpunkt verfügbar ist und darüber hinaus die bestmögliche Infrastruktur - Eisenbahnen, Autobahnen, Telekom, Flughäfen. Wir brauchen die bestmögliche Migrationspolitik, um Talente aus aller Welt anzuziehen. Und dann brauchen wir noch die besten Regeln und Gesetze, um Risikobereitschaft zu fördern, gleichzeitig aber Rücksichtslosigkeit und Leichtsinn zu verhindern. Und dann hatten wir noch die besten staatlichen Forschungsförderungsprogramme. Das war unser Fünf-Punkte-Erfolgsprogramm. Wir stehen, wo wir heute stehen, weil wir von diesem Fünf-Punkte-Erfolgsweg abgekommen sind. Aber genau dorthin müssen wir zurückkehren. Das ist eine Herausforderung für die politische Führung. Ich habe gehofft, dass Obama effektiver sein würde. War er aber leider nicht.

Gibt es nicht auch das Problem dass die Vertreter der Realwirtschaft mittlerweile die Vertreter der
Finanz-Dienstleistungs-Industrie nicht mehr riechen können? Ist nicht dieser Vertrauensbruch zwischen Finanz-Sektor und Realwirtschaft ein Enwicklungs-Hemmnis?

Der indische Ökonom Jagdish Bhagwati meinte, die Wall Street habe sich früher auf die Finanzierung der Kreativen Zerstörung spezialisiert, heute ginge es den Leuten an der Wall Street um zerstörerische Kreation gefährlicher Finanzinstrumente.

Zur Person

Thomas Lauren Friedman (geboren am 20. Juli 1953 in St. Louis Park, Minnesota) ist ein US-amerikanischer Journalist. Er ist Kolumnist bei der renommierten "New York Times" und Bestsellerautor. Am Beginn seiner Karriere stand die Beschäftigung mit dem Nahen Osten, zuletzt widmet er sich aber immer mehr den Themengebieten Globalisierung, Klimawandel und Innovation. Seine Globalisierungs-Bücher "The Lexus and the Olive Tree" aus dem Jahr 1999 sowie das 2004 erschienene Werk "The World is Flat" - "Die Welt ist flach" wurden zu Weltbestsellern. In seinem letzten Buch "That Used To Be Us" behandelt er den schleichenden Niedergang Amerikas. Die USA müssten sich wieder große Ziele - wie früher etwa das Apollo-Projekt - stecken, sich wieder vermehrt für Migranten öffnen, die Infrastruktur verbessern, sowie in Forschung und Entwicklung investieren. Friedman fordert, die USA müssen die Defensivhaltung ablegen.