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"Die Ressource Mensch ist überlastet"

Von Petra Tempfer

Politik
Wenn der Mensch weiterhin so viel verbraucht wie im Moment, wird er es laut Jacob "nicht schaffen".
© adobe.stock/tomertu

Inwiefern man beim Ressourcenverbrauch ansetzen muss, um die Ernährung sicherzustellen und die Erderwärmung aufzuhalten, erklärt die deutsche Klimatologin Daniela Jacob im Interview.


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Wien. Am 29. Juli war der Welterschöpfungstag. Mit diesem Tag hatte die Menschheit alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht, die die Erde innerhalb eines Jahres wiederherstellen und nachhaltig zur Verfügung stellen kann. Der Stichtag für diesen sogenannten Earth Overshoot Day ist heuer wieder ein Stück nach vorn gerückt und liegt laut der NGO Global Footprint Networks erstmals im Juli. Inwiefern man beim Ressourcenverbrauch ansetzen muss, um die Ernährung sicherzustellen und gleichzeitig die Erderwärmung aufzuhalten, erklärt die deutsche Klimatologin Daniela Jacob im Interview mit der "Wiener Zeitung". Am 24. August ist sie als Vortragende des Panels "Bioökonomie - unverzichtbar für die Zukunftssicherung der Menschheit" beim Europäischen Forum Alpbach in Tirol zu Gast.

"Wiener Zeitung": Den Prognosen zufolge werden die meisten Staaten die Klimaziele von Paris, wonach die Erderwärmung bis 2100 gegenüber 1880 unter zwei beziehungsweise 1,5 Grad Celsius gehalten werden muss, nicht erfüllen. Ist der Klimawandel überhaupt noch aufzuhalten?

Daniela Jacob: Wir müssen ihn aufhalten. Wir müssen es schaffen, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Alles andere wäre extrem zerstörerisch. Jeder muss etwas tun. Emissionsvermeidung ist notwendig, und das müssen alle gemeinsam tun. Also die einzelnen Bürger, die Gemeinden, Kommunen, Städte und die nationale und internationale Politik.

Ein Stichwort, das im Zusammenhang mit Emissionsvermeidung immer wieder fällt, ist Bioökonomie: Dabei geht man davon aus, dass alle fossilen Ressourcen, auf denen die Wirtschaft basiert, durch nachwachsende Rohstoffe ersetzt werden. So könnte die Wirtschaft wachsen, ohne die Umwelt zu belasten. Aber ginge sich das rein flächenmäßig überhaupt aus?

Nur, wenn wir gleichzeitig energieeffizienter werden. Wir müssen uns überlegen, wo die großen Energieverbraucher sind. 30 Prozent kommen aus der Nahrungsmittelproduktion, das ist also ein sehr energieintensiver Bereich. Gleichzeitig wird jedes Jahr rund ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel weggeworfen oder geht entlang der Wertschöpfungskette verloren. Wir produzieren viel mehr, als verbraucht wird, und feuern dabei CO2 in die Atmosphäre. Wenn man hier ansetzt, könnte man schon einiges bewirken. Passiert das nicht, dann brauchen wir zu viel Landfläche. Dann tritt die Produktion von Biomasse wie zum Beispiel aus Mais in Konflikt mit der Nahrungsmittelproduktion - und da ginge uns weltweit der Platz aus. Wenn wir weiterhin so viele Ressourcen verbrauchen wie heute, werden wir es nicht schaffen.

Inwieweit könnte es zum Problem werden, dass sich Wirtschaft und Politik in Entwicklungs- oder Schwellenländern Land aneignen?

Land Grabbing ist ein großes Problem. Es ist natürlich so, dass sich reiche und politisch Starke die Regionen sichern wollen, in denen sie noch Rohstoffe abbauen können. Dem muss man politisch entgegensteuern. Wenn aber die Nachfrage nach bestimmten Rohstoffen nachlässt, dann wird auch der Druck auf diese Regionen nachlassen. Aber das ist sicherlich eines der großen Probleme, die auf uns zukommen. Denn im Moment geht man ein bisschen davon aus, dass wir weitermachen wie bisher, aber mit biologischen Produkten. Damit beuten wir die Böden aus, die Landflächen und Regionen. Das geht auch nicht. Wir müssen umdenken und nachhaltige Lebensstile entwickeln, mit denen es allen gut geht und es trotzdem funktioniert.

Dieses Umdenken könnte mitunter bedeuten, auf Lebensgewohnheiten oder eine gewisse Art von Luxus verzichten zu müssen. Für viele wäre das ein Schritt zurück und in der Umsetzung vermutlich schwierig.

Ich glaube nicht, dass es ums Zurück geht, sondern ums Vorwärts. Ich glaube auch nicht, dass jemand zurück sollte. Es geht um mehr Achtsamkeit, Verantwortung für Ressourcen, den Umgang mit der Natur. Wir müssen ein Lebensbild zeichnen, das wünschenswert ist, in dem wir uns wohler fühlen. Die Ressource Mensch ist überlastet. Wir haben zwei, drei Jobs, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen, und schaffen es kaum noch, uns mit Freunden zu treffen. In den vergangenen Jahren haben wir immer nur immer schneller gelebt, alles gekauft, was wir wollten. Wenn etwas nicht mehr funktioniert, T-Shirts, Kaffeemaschinen, schmeißen wir es weg. Aber warum? Weil die anderen wieder neue T-Shirts verkaufen wollen. Dieses schnelle Nutzen von Produkten müssen wir durchbrechen. Wir müssen dahin kommen, dass wir mit einem ähnlichen Wohlstand leben wie heute, aber achtsamer und verantwortungsbewusster damit umgehen. Auch mit der Bahn zu fahren, anstatt zu fliegen, zählt hier dazu.

Was bedeutet die Bioökonomie für die Zukunft der Landwirtschaft?

Die kleinräumige Landwirtschaft, die auf regionale Produkte wie steirische Kürbisse oder Marchfeld-Spargel setzt und wenig Energie verbraucht, muss parallel zur Biomasseproduktion im großen Stil existieren können.

Ist die Anwendung von Gentechnik für eine effiziente Biomasseproduktion Ihrer Ansicht nach ein gangbarer Weg?

Ich persönlich glaube, dass man Gentechnik nicht von vornherein ausschließen kann. Wenn man sie verantwortungsbewusst betreibt und Folgeschäden ausschließen kann, wäre es schon sinnvoll, Pflanzen auf diesem Weg resistenter zu machen und deren Produktivität zu erhöhen.

Wie weit fortgeschritten ist die Bioökonomie?

Sie ist noch nicht weit fortgeschritten. In einzelnen Staaten wie Deutschland oder Österreich (die österreichische Bioökonomiestrategie wurde am 13. März 2019 im Ministerrat beschlossen, Anm.) gibt es Strategien, wie man die Brücke zwischen Technologie, Ökologie und effizienter Wirtschaft schlagen könnte. Für die erfolgreiche Bioökonomie ist eine nachhaltige Biomasse extrem wichtig. Wenn man auf biologisch basierte Produkte umsteuert, muss man aber unbedingt darauf achten, dass man nicht andere Bereiche unter Stress setzt - also zum Beispiel zu viel Wasser verbraucht. Man sollte den Anbau an die regionalen Gegebenheiten anpassen, also etwa Mais in Regionen anpflanzen, wo man nicht bewässern muss. Und: Es braucht die Akzeptanz in der Bevölkerung.

Falls wir es trotz aller Strategien und Maßnahmen nicht schaffen sollten, den Klimawandel aufzuhalten - was passiert dann?

Laut IPCC-Bericht (Sachstandsbericht des zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen der Vereinten Nationen, Anm.) kommen dann noch mehr Hitzewellen, Starkstürme und Klimamigration auf uns zu. Dass wir schon jetzt wissen, mit welchen Risiken wir zu rechnen haben, ist eigentlich fantastisch. Wir können danach handeln, um unseren Kindern die beste Zukunft zu ermöglichen.