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Die riskanten Aktien-Deals der Bosse

Von Peter Muzik

Wirtschaft

Ein schmaler Grat: Die FMA untersucht gegen den OMV-Chef. | Insider? Auf die "Bier-Barone" wartet der nächste Prozess. | Merkwürdige Deals bei Immoeast, CA Immo und Co. | Die Finanzmarktaufsicht (FMA) untersucht derzeit einen brisanten Fall: OMV-General Wolfgang Ruttenstorfer hat am 23. März um rund 620.000 Euro 26.500 Aktien "seines" Ölkonzerns gekauft. Eine Woche später trat die OMV ihre Anteile an der ungarischen MOL an die russische Surgutneftegaz ab, und Ruttenstorfer konnte sich prompt über einen Buchgewinn von rund 45.000 Euro freuen. Jetzt ist zu klären, ob der Vorstandsvorsitzende bei seinem Aktienkauf vom Deal mit den Russen gewusst hat (was die OMV merkwürdiger Weise verneint), oder ob er sein Insiderwissen benutzt hat, um einen persönlichen Vorteil zu erlangen, was strafbar wäre.


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Ein Topmanager, der nicht genannt werden möchte: "Das könnte für ihn noch sehr unangenehm werden." Für Ruttenstorfer gilt jedenfalls die Unschuldsvermutung.

Ähnlich wie der OMV-Chef pflegen auch etliche andere österreichische Topmanager ihr Geld gerne in Aktien jenes Betriebs anzulegen, bei dem sie entweder im Vorstand oder im Aufsichtsrat sitzen. Die lange Liste derer, die gerne ihr eigener Kleinaktionär sind, reicht von Wiener-Städtische-Boss Günter Geyer und Voest-Vorstand Claus Raidl über Rainer Zellner, Generaldirektor der Semperit AG Holding, und Gerald Grohmann, Vorstand bei Schoeller Bleckmann Oilfield, bis zu Johann Kowar, Direktor von Conwert Immobilien, und JoWood-Boss Albert Seidl.

Im Prinzip signalisieren sie damit Vertrauen ins eigene Unternehmen, was zunächst einmal ebenso positiv zu bewerten ist wie das Faktum, dass sich Industrielle à la Hans Peter Haselsteiner, Mirko Kovats oder Stefan Pierer immer wieder gerne mit Papieren ihrer Unternehmen eindecken, um einfach die Beteiligung aufzustocken.

Führungskräfte börsenotierter Unternehmen, die im Vorjahr auf diese Weise 150 Millionen Euro investierten, müssen der FMA Auskunft über derartige Aktiendeals geben. Pro Jahr trudeln bei der Behörde zwischen 309 (2006) und 961 Meldungen (2008) ein, die auf der Homepage unter dem Punkt "Directors´ Dealings" penibel veröffentlicht werden. Doch nur in wenigen Ausnahmefällen entsteht daraus eine Affäre. So stolperte etwa der einstige Voest-Generaldirektor Franz Struzl vor knapp sechs Jahren über eine höchst ungeschickte Aktientransaktion - und musste daraufhin den Hut nehmen.

Brauer-Prozess geht in die nächste Runde

Haarig wird so eine Angelegenheit immer dann, wenn der Verdacht aufkommt, dass jemand unter Ausnützung aktueller, nur ihm bekannter Informationen Aktien des eigenen Unternehmens gekauft oder verkauft hat, um sich zum optimalen Zeitpunkt einen finanziellen Vorteil zu verschaffen. Derartige Aktiendeals heißen im Fachjargon Insidertrading und werden mit Freiheitsstrafen von maximal fünf Jahren geahndet - theoretisch, praktisch freilich kaum.

Die FMA hat seit 2004 in 52 Fällen Untersuchungen wegen des Verdachts auf Missbrauch von Insiderinformationen (gemäß § 48b Börsegesetz), Marktmanipulation (§ 48c) oder Verletzung der Handelsregeln eingeleitet. Doch lediglich in fünf Fällen wurde Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet.

2005 galt es beispielsweise, dubiose Vorgänge rund um die Pleite der CyberTron Telekom AG aufzuklären, 2006 ging es um mögliche Insiderinformationen im Zusammenhang mit dem Konkurs der EMTS Technologie AG. 2007 ermittelten die Finanzmarktaufpasser im Zuge der Übernahme von Böhler-Uddeholm durch die Voestalpine sowie in der Causa Brau Union/BBAG, bei deren 2003 erfolgter Übernahme durch den niederländischen Bierkonzern Heineken es zu Ungereimt-heiten gekommen sein soll. Im groß angelegten BBAG-Prozess wurde 2007 nur eine der 16 angeklagten Personen - Nikolaus Kretz - schuldig gesprochen und zu einer Geldstrafe von 18.000 Euro verdonnert; der "ungerechtfertigt erworbene Gewinn" in Höhe von 85.000 Euro sollte abgeschöpft werden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Wie lange derartige Unannehmlichkeiten nachhängen können, bekommen auch zehn weitere Angehörige des Bier-Clans zu spüren. Das Oberlandesgericht Wien hob nämlich die damaligen Freisprüche auf und verwies die Causa zur neuerlichen Verhandlung an das Landesgericht zurück. Jetzt steht Ex-Brau-Union-Chef Karl Büche und Konsorten ein weiterer Prozess ins Haus.

Aufsichtsrat Gorbach wurde RHI-Aktionär

Die meisten Bosse, die ins eigene Unternehmen investieren, scheinen jedenfalls einen guten Riecher zu haben: So haben sie zum Beispiel im vierten Quartal 2007, gleich nach Ausbruch der amerikanischen Immobilienkrise und vor dem großen Kursgemetzel, Aktien im Wert von 178 Millionen Euro verhökert - mehr als jemals zuvor.

Im Hinblick auf die Börsedramen in Folge der weltweiten Finanzkrise gingen sie dann ein halbes Jahr in Deckung, um im dritten Quartal 2008 wieder zu mittlerweile drastisch gesunkenen Kursen für 78 Millionen Euro zuzukaufen. Vor allem A-Tec-Chef Mirko Kovats und KTM-Boss Stefan Pierer (bei Brain Force, Pankl und UIAG) waren damals besonders aktiv.

Die Ausnahmen von der Regel, die bereits im ersten Halbjahr in großem Umfang Aktien erwarben, hießen Karl Petrikovics und Norbert Gertner sowie Wolfhard Fromwald und Bruno Ettenauer.

Die damaligen Immofinanz-Bosse Petrikovics und Gertner kauften insgesamt 5,4 Millionen Immo east-Papiere für mehr als 30 Millionen Euro auf. Und die beiden Chefs der CA Immo International, Fromwald und Ettenauer, erwarben 3,8 Millionen CA-Immo-Papiere, wobei der Kurs im Laufe des Jahres von 11,53 auf 2,74 gesunken ist.

So wie im Fall Immofinanz/Immoeast - Immofinanz-Großaktionär Rudolf Fries legte sich heuer bereits weitere acht Millionen Papiere zu - fallen speziell bei jenen Unternehmen, die ins Gerede geraten waren, etliche Merkwürdigkeiten auf: Ex-AUA-Boss Alfred Ötsch beispielsweise deckte sich am 9. Mai 2008 noch rasch mit 20.000 AUA-Aktien ein. AvW-Chef Wolfgang Auer von Welsbach wiederum erstand nach Bekanntwerden seiner Firmenaffäre gegen Jahresende insgesamt 335.000 Aktien von S&T.

Anlegerschützer nicht vor Verdacht gefeit

Hanno Bästlein schließlich, Vorstand bei der Constantia Packaging, sammelte im heurigen Februar zizerlweise für seine BestLine Privatstiftung 54.505 Aktien des zum Verkauf ausgeschriebenen Unternehmens ein. Geschätzter Kaufpreis: 1,2 Millionen Euro.

Als vergleichsweise kleiner Fisch schwimmt Ex-Vizekanzler und RHI-Aufsichtsrat Hubert Gorbach im weiten österreichischen Aktienmeer mit: Er leistete sich im vergangenen Herbst, nachdem der Kurs des Feuerfestkonzerns auf die Hälfte runtergerasselt war, 2920 RHI-Aktien für fast 40.000 Euro.

Optimismus, dass es mit dem Kurs der neuerdings vom Staat unterstützten Erste Group Bank wieder aufwärts gehen wird, signalisierte auch Erste-Konzernchef Andreas Treichl: Er legte sich am 2. März 25.000 Erste-Aktien in sein Wertpapierdepot - und siehe da, der Kurs legte tatsächlich zu. Treichl muss allerdings wie alle heimischen Spitzenmanager mit der Gefahr leben, dass ihnen ein solcher Deal einmal ordentlich auf den Kopf fallen könnte.

Sogar Österreichs oberster Anlegerschützer Wilhelm Rasinger, der als Aufsichtsrat von Wienerberger und Erste Group mehrmals deren Papiere erwarb, war schon, ebenso wie etwa Beteiligte in der Meinl-Affäre, einschlägigen Verdachtsmomenten ausgesetzt - ohne dass dabei irgendetwas rausgekommen wäre.

Wissen

Was sind Insiderinformationen? Seit der Börsegesetznovelle, die mit 1. Jänner 2005 in Kraft trat, spricht man von Insiderinformation, wenn folgende Kriterien erfüllt sind:

* Es muss sich um eine nicht öffentlich bekannte, genaue Information handeln,

* sie muss mit einem oder mehreren Emittenten oder einem oder mehreren Finanzinstrumenten direkt oder indirekt in Zusammenhang stehen,

* sie muss geeignet sein, bei ihrer Veröffentlichung den Kurs eines Wertpapiers erheblich zu beeinflussen,

* und sie muss so beschaffen sein, dass ein verständiger Anleger sie wahrscheinlich als Teil der Grundlage seiner Anlageentscheidung nutzen würde.