"Die Roten waren der Teufel"

Von Bernd Vasari

Februar 1934
Die erste "Dachtel" bekam Erwin Lanc von seiner Mutter während der Februar-Kämpfe 1934.
© Jenis

Der ehemalige Minister unter Bruno Kreisky im Interview.


Wien. Erwin Lanc ist ein Urgestein der österreichischen Sozialdemokratie. Der heute 83-Jährige ist im Alter von 16 Jahren in die Sozialistische Jugend eingetreten. Mit dem 12. Februar 1934 verbindet der ehemalige Verkehrs-, Innen- und Außenminister in der Ära Bruno Kreiskys sein erstes politisches Erlebnis. Von dem Küchenfester aus hat der damals Vierjährige beobachtet, wie die Heimwehren den Reumannhof am Margaretengürtel 100, den Hauptstützpunkt des Republikanischen Schutzbundes, angegriffen haben. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" spricht er über seine Erinnerungen, Hintergründe und die Bedeutung des Tages bis heute.

"Wiener Zeitung": Sie waren am 12. Februar 1934 knapp vier Jahre alt. Inwieweit können Sie sich an die damaligen Ereignisse erinnern?Erwin Lanc: Ich war zwei Häuserblocks vom Reumannhof entfernt. Wir wohnten damals in einer Wohnung in einem Althaus in der Steinbauergasse, und dort habe ich an diesem Tag die einzige "Dachtel" meiner Mutter im ganzen Leben bekommen. Meine Mutter war gerade beim Kochen, es wird wahrscheinlich früher Nachmittag gewesen sein. Da sind die Heimwehren auf der gegenüberliegenden Straßenseite gegangen und haben gerufen, die Fenster zu schließen. Ansonsten würde geschossen werden, weil sie Angst hatten, dass hier Leute verbarrikadiert sind und hinunter schießen könnten. Mich hat aber dieses Geschrei interessiert, und in einem unbeobachteten Augenblick bin ich zum Fensterbrett gegangen, hab mir einen Schemel geholt, bin da hinaufgestiegen und hab die Hahnenschwanzler gesehen. Meine Mutter hat mich gefragt, ob ich wahnsinnig sei, dass ich zum Fenster gehe, und hat mir einen Klaps gegeben. Ich kann mich an diesen Tag aber auch noch deswegen erinnern, weil die Ereignisse danach zuhause reflektiert worden sind.

80 Jahre ist das jetzt her. Warum ist der Tag mittlerweile nicht in Vergessenheit geraten?

Dass er heute noch so gegenwärtig ist, hat zwei Gründe: Einerseits war es das lange Beharren der Konservativen auf der Opferrolle von Engelbert Dollfuß, weil ihn die Nazis umgebracht hatten. Zweitens war es selbstverständlich auch ein Nachweis für die Sozialdemokratie, dass sie schon immer demokratisch war. Das war vor allem in der Zeit der Dominanz der Sowjetunion sehr wichtig. Und der Februar 1934 war für die Sozialdemokratie auch ein Ausweis dafür, dass, wenn sie Gewalt angewendet hat, dann nur als Gegengewalt gegen die Vergewaltigung der Demokratie.

Wie wichtig ist dieser Tag für die heutige SPÖ?

Sie nimmt ihn zumindest an Festtagen wahr und erinnert daran, nicht aus parteipolitisch und rechthaberischen Gründen, sondern aus demokratiepolitischen Gründen. Deswegen unterstütze ich das. Geschichte soll man wissen, um zu lernen für ein andermal, sagte Bruno Kreisky einmal. Das ist eigentlich die Funktion: Rechtzeitig auf Entwicklungen aufmerksam zu machen, die eindeutig anti-demokratisch und faschistisch sind. Eine Heldenverehrung oder -verklärung wäre hingegen falsch.

Die ÖVP, vertreten durch Vizekanzler Michael Spindelegger, und die SPÖ, vertreten durch Bundeskanzler Werner Faymann, werden heuer zum ersten Mal gemeinsam das Gedenken an den 12. Februar 1934 begehen und auf dem Zentralfriedhof einen Kranz niederlegen. Was halten Sie davon?

Es gab in der Koalitionszeit 1945 bis 1966 eine Grundvereinbarung von uns Linken: Die Koalition ist im Lichte der Erfahrungen von 1934 bis 1945 nicht zu vermeiden. Wir sprachen uns aber gegen eine Koalitionsgesinnung aus. Ein gemeinsames Auftreten von Spindelegger und Faymann am 12. Februar ist zwar einerseits ein Akt der Befriedung, aber man muss aufpassen, dass es nicht ein Akt des Verwischens der Lehren ist, die man eigentlich daraus ziehen sollte.

Was meinen Sie damit?

Was untergeht, sind die Kampfhandlungen, die mehrere hundert Tote gefordert haben. So schlicht, wie das dann später von konservativer Seite dargestellt worden ist, war die ganze Angelegenheit nicht. Da war schon ein erhebliches Maß an Gewaltbereitschaft da. Und wieso? Da gab es einmal den Korneuburger Eid unmittelbar vor den Februar-Ereignissen. Da ist geschworen worden, dass man die westlich parlamentarische Demokratie verwirft. Das ist also ein rein faschistischer Zugang. Unter den Unterzeichnern war unter anderen der spätere Bundeskanzler Julius Raab (ÖVP). Und der spätere Bundeskanzler Leopold Figl (ÖVP) war damals Obmann der niederösterreichischen ostmärkischen Sturmscharen, die dann in den Heimwehren aufgegangen sind, die ja die Hilfstruppe des austrofaschistischen Regimes waren. Der Heimwehrführer Emil Fey hat etwa am Vorabend des 12. Februar angekündigt: "Morgen werden wir ganze Arbeit leisten."

Waren die Christlichsozialen die Hauptschuldigen für den Ausbruch der Februar-Kämpfe?

Nicht nur. Was seit langem bei keinem Gedenken mehr thematisiert wurde, war die Rolle der Kirche. Man muss ja sehen, in welchem Umfeld sich der Austrofaschismus entwickelt hat. Neben Benito Mussolini, dem vermeintlichen Verbündeten von Dollfuß
gegen Adolf Hitler, hat auch der Vatikan auf eine Vernichtung der Sozialdemokratie gedrängt. 1931 wurde von Papst Pius XI. die Enzyklika "Quadragesimo anno" erlassen. Darin wurden Kommunisten und Sozialisten exkommuniziert und waren daher mit dem katholischen Glauben unvereinbar.

Das heißt, die restaurativ halbfaschistischen Kräfte konnten sich jetzt sozusagen auf die kirchliche Verdammung stützen. Die Roten waren nicht nur die Roten, sondern sie waren der Teufel. Die Mehrheit der Pfarren waren daraufhin die Verbreiter des absoluten Hasses und vor allem der absoluten Furcht vor den Roten, was besonders bei den Leuten angekommen ist, die ohnehin nie einen Roten gesehen haben in ihrem ländlichen Bereich. Da hat also die Kirche eine ganz unheilvolle Rolle gespielt, denn der Austrofaschismus konnte sich auf päpstliche Vorgaben stützen.

Was bleibt vom Ständestaat?

Es ist heute noch immer ein stark ständisches Denken da. Und das, obwohl sich die Situation grundlegend verändert hat. In den 1930er Jahren arbeitete mehr als ein Drittel der Bevölkerung in der Landwirtschaft, wesentlich mehr in der Industrie, der Rest gar nicht oder im Gewerbe. Die Idee des ständischen Ausgleichs hatte eine gewisse materielle Basis, die heute in der Form nicht mehr existiert. Aber Institutionen dieses ständischen Denkens sind noch immer da. Etwa ein Stand, der heute drei Prozent der Bevölkerung ausmacht, ist der Bauernbund. Der hat unverhältnismäßig großen Einfluss, sowohl personell als auch wirtschaftlich auf die Politik. Es gibt nach wie vor den ÖVP-Bauernbund, es gibt nach wie vor die Landwirtschaftskammern. In Wirklichkeit ist das aber ein krasses Minderheitenprogramm. Sie tun aber so, als ob sie von der Anzahl her gleichwertig wären.

Die Arbeitnehmer sind heute hingegen in einer Kammer vereinigt. Da stoßen gegensätzliche Interessen aufeinander. Man muss vom Ladenverkäufer bis zum Ingenieur alle unter einen Hut bringen. Das lässt sich nicht mehr leicht in einer Interessenvertretung bündeln. Daher ist
eine Institutionenrevision die Schlussfolgerung aus dem Danebengehen der ständischen Vertretungen des Ständestaates. Es müsste da andere Formen geben.

Mehr zum Februar 1934 im Dossier

Veranstaltungshinweis

Erwin Lanc wird als Zeitzeuge im Rahmen der Gedenkveranstaltung "80 Jahre 12. Februar" am Mittwoch beim Reumannhof auftreten. Bereits um 15 Uhr starten vier Rundfahrten zu den historischen Orten der Februarkämpfe. Die Busse fahren hinter dem Rathaus am Friedrich Schmidt-Platz ab. Um 18 Uhr findet dann die Abschlussveranstaltung im Wiener Rathaus statt. Anwesend sein werden unter anderem auch Bundeskanzler Werner Faymann und Bürgermeister Michael Häupl.