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Die Rückkehr der Gotteskrieger

Von Michael Schmölzer

Politik

Ist die Entwicklung im Irak ein böses Omen für Afghanistan?


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Bagdad. Vor zwei Jahren haben die USA ihre Truppen aus dem Irak abgezogen, jetzt wird Washington von seiner Hinterlassenschaft - zahllosen ungelösten Konflikten im Zweistromland - eingeholt. Al-Kaida-nahe Islamisten haben am Wochenende die wichtigsten Teile der Städte Falluja und Ramadi erobert und dort einen Gottesstaat ausgerufen.

Die Rückkehr der Terroristen in den Westen des Irak ist für die Mehrheit der Bevölkerung eine Horrornachricht. Immerhin handelt es sich bei den Aufständischen um Kämpfer der Organisation Islamischer Staat im Irak und der Levante (Isil): Die Gotteskrieger gehen äußerst brutal vor, jeder Widerstand wird ohne Erbarmen gebrochen.

Die Isil hat sich zuletzt in der Provinz Anbar an der Grenze zu Syrien festsetzen können. Dort, zwischen zwei äußerst instabilen Ländern, soll der neue Gottesstaat entstehen. Und die Organisation mischt im syrischen Bürgerkrieg ebenfalls kräftig mit; sie hat die säkularen Einheiten, die im Kampf gegen die Armee von Machthaber Bashar al Assad stehen, zurückgedrängt. Am Wochenende haben die Al-Kaida-Kämpfer in Syrien allerdings einige ihrer Hochburgen kampflos aufgegeben, was auf eine Übereinkunft zwischen den zerstrittenen Rebellengruppen hindeutet.

Ungute Erinnerungen

Über das Gebiet an der Grenze zur Türkei verlaufen die wichtigsten Nachschub-Routen für die Rebellen. Die Rivalitäten spielen dem gemeinsamen Feind Assad in die Hände, der zuletzt militärische Erfolge verbuchen konnte.

 

Der Vormarsch der Terroristen im Irak und in Syrien sorgt vor allem in den USA für Kopferzbrechen. Ungute Erinnerungen und böse Vorahnungen werden wach. In Washington muss man sich etwa eingestehen, dass die blutigen Kämpfe, die man einst gegen Aufständische in Falluja führte, langfristig umsonst waren. Die USA haben dort zwischen 2003 und 2006 mehr Soldaten verloren als irgendwo sonst im Irak. Jetzt haben sich dort - zumindest vorläufig - Terroristen festgesetzt. Und US-Präsident Barack Obama wird einmal mehr mit einem Konflikt konfrontiert, den er am liebsten längst abgehakt hätte.

Außerdem lässt die Rückkehr der Terroristen für den Abzug aus Afghanistan nichts Gutes erwarten - schon ist die Rede von einem Menetekel. Die US-Geheimdienste gehen laut "Washington Post" davon aus, dass Afghanistan nach 2014 ins Chaos stürzt, die Taliban und andere einflussreiche Kräfte wieder an die Macht kommen werden. Die radikalen Islamisten stehen auch am Hindukusch in den Startlöchern.

USA bieten Hilfe an

Das Weiße Haus hat dem Irak jedenfalls bereits Hilfe im Kampf gegen die Al-Kaida angeboten. Truppen will man keine schicken - war doch der viel gefeierte US-Abzug eines der großen Wahlversprechen Obamas gewesen. Allerdings wollen die US-Strategen auf keinen Fall dem Iran das Feld überlassen. Teheran hat seinen Einfluss im Irak zuletzt ausgebaut - und Bagdad ebenfalls Hilfe im Kampf gegen die Terroristen angeboten.

Unterdessen ist die irakische Armee zur Rückeroberung Fallujas angetreten. Premier Nuri al-Maliki hofft aber darauf, dass die Bevölkerung und die Stämme die Kastanien aus dem Feuer holen. Im Staats-TV forderte er die lokale Bevölkerung auf, "die Terroristen zu vertreiben". So solle verhindert werden, dass ihre Stadtteile zum Schauplatz von Kämpfen würden. Zuletzt war es den USA gelungen, die Islamisten durch Bürgerwehren in Schach zu halten. Ein Stammesführer meldete prompt am Montag, dass keine Terroristen mehr in Falluja seien. Die Stadt wäre nun in den Händen von "Stammessöhnen". Ein Augenzeuge widersprach dem umgehend: Die Isil-Kämpfer seien sehr wohl noch immer in der Stadt präsent.

Wissen: Terroristen in Syrien und im Irak
Die Gruppe Islamischer Staat im Irak und der Levante (Isil) griff ab 2003 nicht nur US-Soldaten an, sondern verbreitet auch durch Selbstmordanschläge auf Schiiten und Christen Angst und Schrecken. Zwischen 2008 und 2012 verlor die Terrorgruppe, die sich inzwischen Islamischer Staat im Zweistromland nannte, an Macht und Einfluss.

Das änderte sich 2013. Als der Streit zwischen der von Schiiten dominierten Regierung und den sunnitischen Parteien eskalierte, erhielt sie wieder mehr Zulauf.

Später benutzten die Terroristen den syrischen Bürgerkrieg, um neue Kämpfer zu rekrutieren und ihre Macht auf einige Gebiete in Syrien auszudehnen. Ihr Anführer, Abu Bakr al-Baghdadi, benannte die Gruppe in Islamischer Staat im Irak und in Syrien um.

Laut Schätzungen hat Isil aktuell insgesamt mehr als 10.000 Kämpfer, darunter viele sunnitische Muslime aus Nordafrika und den Golfstaaten.