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Die Ruhe nach dem Sturm

Von Adrian Lobe

Politik

Istanbul ist nach Gezi-Park-Protesten weiter von tiefen Gräben durchzogen.


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Istanbul. Busse hupen, Trams läuten, Ambulanzen heulen auf, tausende Menschen laufen und kreuz und quer über die Straßen. Nichts geht mehr während der Rushhour in Istanbul, die Straßen sind verstopft. Baris, der Mann mit dem lockigen Haar und dem Goldkettchen am Handgelenk, ist zu einem Fußballspiel seines Lieblingsvereins Galatasaray eingetroffen - ausgerechnet im Viertel Besiktas, dem Lokalrivalen. Hier geht er gerne essen und dann die Spiele schauen. Mit dem Bus ist er in Kabatas ausgestiegen. Der Mann wohnt auf der asiatischen Seite, für Geschäftstermine pendelt er zwischen beiden Stadtteilen. "Wenn ich mit dem Auto über die Bosporus-Brücke fahre, brauche ich manchmal zwei Stunden", sagt er und schüttelt den Kopf. Die Brücken sind heillos überlastet und werden auch mal von Streiks der Lkw-Fahrer lahmgelegt.

Derzeit wird unter Hochtouren am neuen Bosporus-Tunnel gearbeitet, der den asiatischen und europäischen Teil der Metropole verbinden soll. Am 29. Oktober, pünktlich zu den Feierlichkeiten zum 90. Jahrestag der türkischen Republik, soll das Mega-Bauwerk eröffnet werden. Die "MarmaRay", ein Kunstwort zusammengesetzt aus dem Namen des nahen Marmarameers und Ray, dem türkischen Wort für Schiene, soll bis zu 75.000 Menschen pro Stunde befördern und so die Brücken entlasten. Im Zwei-Minuten-Takt wird die S-Bahn verkehren. Das ambitionierte Projekt verschlang über drei Milliarden Euro und geriet immer wieder in Verzug. Bedenken wegen Erdbeben oder archäologischen Schätzen wurden in den Wind geschlagen. Nichts kann den Fortschritt aufhalten, lautete die Losung. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan erklärte im Februar 2011, er wolle das Projekt eines Eisenbahntunnels unter dem Bosporus nicht länger wegen "archäologischem Zeugs (wie) Töpfen und Pfannen" aufschieben. Er gefällt sich in der Rolle des Erneuerers, als Mann, der die Türkei ins kapitalistische Zeitalter katapultiert.

Auf dem Gelände des Gezi-Parks nahe dem Taksim-Platz in Istanbul wollte die Regierung ein modernes Einkaufszentrum errichten. An dem Bauvorhaben entzündete sich im Juni ein landesweiter Massenprotest. Es gab Straßenschlachten und dutzende Verhaftungen, der Gezi-Park wurde gewaltsam geräumt. Im September kam es erneut zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten. Abends wirkt der Gezi-Park nun wie ein Geisterplatz. Die dreieckigen Fähnchen der oppositionellen Republikanischen Volkspartei (CHP) baumeln etwas verloren in der Luft. Rund um den Taksim ist es ruhig, fast schon gespenstisch leer ist es in der Dunkelheit. Das fahle Licht der Laternen wirkt unheimlich. Auf dem gegenüberliegenden Gebäude blickt Staatsgründer Atatürk streng von einem Porträt, als wolle er die Menschen zum Gehorsam mahnen. Daneben hängt eine überdimensionierte Türkei-Flagge. Die Staatsmacht will an dem prestigeträchtigen Platz Präsenz zeigen.

Gegenseitiges Misstrauen prägt die Politik

Erdogan glaubte eine internationale "Zinslobby" am Werk, welche die Proteste angestachelt und die Menschen gegen ihn aufgewiegelt habe. Es ist dieselbe Rhetorik wie im Nahen Osten. Wobei: Der Verdacht ist in der türkischen Republik eine Konstante. Mehrmals putschte sich das Militär an die Macht. Die Politik ist von gegenseitigem Misstrauen geprägt. Erdogan hat die Vertreter des "tiefen Staates" zwar besiegt. Doch die Opposition beobachtet mit Unbehagen, wie der Regierungschef die staatlichen Institutionen vereinnahmt. Erdogan hat einen starken Zugriff auf die Medien, einflussreiche Kommentatoren in Zeitungen wurden kaltgestellt. Der Premier will nun das Internet "kapern" und mit einer Kampagne in sozialen Netzwerken sein negatives Image aufpolieren.

Istanbul ist politisch gespalten. Bei der Parlamentswahl 2011 errang die Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) in allen drei Wahlbezirken der Millionen-Metropole nur einen knappen Vorsprung vor der kemalistischen CHP. Der Stadtteil Kasimpasa ist eine Hochburg der AKP. Erdogan wuchs in dem weniger wohlhabenden Viertel auf, er ist dort noch immer ein Volksheld. Es heißt, der Regierungschef würde regelmäßig zu seinem alten Barbier gehen. Erdogan gibt sich volksnah, präsentiert sich als Mann der kleinen Leute. Das Stadion des kleinen Fußballklubs Kasimpasa SK trägt sogar seinen Namen. "Ohne die Hilfe Erdogans wären die gar nicht in der ersten Liga", ätzt Baris. Er wittert krumme Geschäfte. Laut der Enthüllungsplattform WikiLeaks soll Erdogan acht Schweizer Bankkonten besitzen. Zudem hat der Premier zweifelhafte Verbündete. Den gestürzten ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi zum Beispiel, den Erdogan aktiv unterstützte. "Erdogan ist rückwärtsgewandt", sagt Baris. "Er will das Land islamisieren."

Auf dem Camlica-Hügel über dem Bosporus will Erdogan eine gigantische Moschee für 30.000 gläubige Muslime errichten und der Stadt seinen Stempel aufdrücken. Kritiker sagen, der Ministerpräsident wolle sich so wie einst Sultan Ahmed mit der Blauen Moschee verewigen.

Istanbul war immer schon eine "Multi-Kulti-Stadt"

In den 1960er Jahren galt die Türkei als Entwicklungsland, hunderttausende Arbeiter aus dem anatolischen Hochland wanderten aus und heuerten als "Gastarbeiter" in Deutschland oder Österreich an. Heute ziehen die Menschen aus dem Hinterland nach Istanbul. "Nur 12,5 Prozent der Einwohner sind hier geboren", sagt Baris. "Istanbul war schon zu Zeiten von Byzanz eine Multi-Kulti-Stadt." Und die Metropole wächst und wächst. 13 Millionen Einwohner zählt die Megacity. Allenthalben werden neue Wohnviertel für die Mittelschicht gebaut. Wolkenkratzer ragen in die Höhe, Baukräne dominieren die Silhouette der Stadt. Die Türkei ist ein Schwellenland mit imposanten Wachstumsraten, doch der Fortschritt kommt nicht überall an.

In Tavlani Maslak stehen marode Textilfabriken, Nähmaschinen rattern. Die Schneider arbeiten im Akkord, sie werden nicht mehr als zwei Euro pro Tag verdienen. Der Zutritt ist streng verboten, aber durch die vergitterten Fenster sieht man die Arbeiter schuften. Das ist das andere Bild der Boomtown, die bittere Armut. Hühner laufen frei herum, Katzen kauern am Wegrand, Hunde lümmeln faul auf der Straße. Die Häuser sind heruntergekommen, die Gassen verschmutzt. Hier wirkt Istanbul plötzlich vormodern. Ganze Dachstühle liegen frei, in den Hinterhöfen türmt sich meterhoch der Müll, Gestank wabert durch die Luft. Das Geschäftsviertel von Levent mit den Wolkenkratzern ist bloß ein paar Kilometer entfernt, aber sozial trennen die beiden Bezirke Welten.

Istanbul ist eine Stadt schroffer Gegensätze. Oben ruft der Muezzin vom Minarett, unten spazieren aufreizend gekleidete Damen. Allah ist groß, aber die Lebensfreude größer, das ist, verknappt und überspitzt, das Motto der urbanen Schickeria. Sie sind die Gegner der konservativen Regierungspartei. Erdogan bezeichnet sie als "elitäre Verlierer".

Nach den Protesten zeichnete sich ab, dass die Regierung neben den Medien und dem Militär auch die Wirtschaft zunehmend politisch auf Linie bringen will. Erdogan drohte der türkischen Koc-Unternehmensgruppe Konsequenzen an. Der Hintergrund: Demonstranten hatten im Juni öffentlichkeitswirksam in einem Hotel, das zur Koc-Gruppe gehört, Zuflucht vor den Tränengasangriffen der Polizei gefunden. Die Koc-Holding ist ein mächtiges Unternehmenskonglomerat, das 12 Prozent der türkischen Exporte erwirtschaftet. Seitdem gab es mehrere Razzien, etwa gegen Tüpras, die größte Petrochemiefirma der Türkei. Der Auftrag für ein nationales Kriegsschiffprojekt (Milgem), der im Januar 2013 für 2,5 Milliarden US-Dollar an das Koc-Unternehmen "RMK Marine" ging, wurde storniert. Gute Geschäfte kann man heute nur noch machen, wenn man der Regierung wohlgesonnen ist. Experten wie Ben Judah vom European Council of Foreign Affairs sehen die Türkei auf Verhältnisse zusteuern, wie sie in Russland unter dem dortigen Präsidenten Wladimir Putin herrschen.

Mustafa Koc, ein Selfmademan von bulliger Statur, versuchte, die Brisanz der Auseinandersetzung herunterzuspielen. "Es gibt eine Reihe von Mutmaßungen über eine große Verschwörung gegen die Türkei und dass wir ein Teil davon wären. Aber es ist uns wichtig, bei jeder Gelegenheit zu sagen, wie entscheidend innerer Frieden sowie ökonomische und soziale Stabilität sind, um die Zukunft und das Gedeihen des Landes und damit auch das der Geschäftswelt sicherzustellen", sagte der Aufsichtsratschef des Mischkonzerns.

Prüfstein dafür, wie liberal die Türkei ist

Daniele, ein 28-jähriger Italiener, der seit vier Jahren für eine Reiseagentur in Istanbul arbeitet, sagt: "Erdogan setzt eine Teile-und-herrsche-Strategie um. Er nutzt die Religion als Machtinstrument." Seine Freundin Yamur, eine türkische Anwältin für Unternehmensrecht, nickt. Die Frau mit dem offenen schwarzen Haar und dem eleganten Hosenanzug verkörpert die moderne Türkei. Sie hat mit den konservativen AKP-Aktivisten nicht viel am Hut, über Politik will sie eigentlich nicht sprechen. Andere argumentieren, Erdogan hätte das Land modernisiert, indem er etwa Universitäten auch für Frauen mit Kopftuch geöffnet habe - die Bildungsstätten waren für gläubige Muslima unter der streng laizistischen Herrschaft versperrt. Ein Cafébesitzer im europäischen Stadtteil Ortaköy sagt: "Die Leute da am Taksim sprechen von Freiheit. Aber wer spricht davon, dass Muslime vorher diskriminiert wurden?"

Der Umgang mit den Demonstrationen ist ein Prüfstein dafür, wie liberal und rechtsstaatlich die Türkei ist. Ob sich die laizistisch verfasste Demokratie konsolidiert oder das Land auf einen autoritären Islamismus zubewegt, wird sich weisen. Die säkularen Kemalisten von der CHP und moderaten Islamisten der Regierungspartei AKP tragen einen Machtkampf aus, der im öffentlichen Raum Istanbuls wie unter einem Brennglas erscheint.