Die russische Literatur ist nicht unschuldig

Von Bob Muilwijk

Gastkommentare
Bob Muilwijk ist Slawist und Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Slawistik. Derzeit promoviert er an der Universität Salzburg zu den polnischen Dichtern Czesław Miłosz und Zbigniew Herbert.
© Susanne Behensky

Autoren wie Alexander Puschkin haben Großreichfantasien in ihren Werken normalisiert.


Der Feind sei Wladimir Putin, nicht Alexander Puschkin, hieß es kürzlich in einer Pressemitteilung der deutschen Schriftstellervereinigung PEN als Reaktion auf Aufrufe zum Boykott russischer Literatur. Darauf in einem Interview mit dem "Deutschlandfunk" angesprochen, verteidigte der PEN-Vorsitzende Deniz Yücel diese Formel: Es gehe darum, sich nicht pauschal von russischen Kulturschaffenden abzuwenden, vielmehr solle man in jedem einzelnen Fall "genau hinschauen". Genau hingeschaut haben die Verfasser der Pressemitteilung allerdings selbst nicht, wenn sie in dem Romantiker einen Vertreter einer russischen Kultur sehen wollen, die gar nichts mit dem verbrecherischen Krieg in der Ukraine zu tun hat. Gerade im Falle Puschkins hätte sich das genaue Hinschauen gelohnt. Abgesehen davon ist es naiv, russische Literatur pauschal vom Vorwurf imperialer Propaganda freizusprechen: Sie ist vielfach sogar davon durchtränkt.

Dass Puschkin nicht das positive Gegenstück zu Putin ist, wird etwa in seinem Gedicht "Den Verleumdern Russlands" ersichtlich, das im Kontext des Freiheitskampfes eines anderen "slawischen Brudervolkes" entstanden ist: während des polnischen November-Aufstandes 1830. Diesen stellte Puschkin als innerslawischen Familienkonflikt dar, aus dem sich die restliche Welt herauszuhalten habe. Unter dem Eindruck der aufständischen Polen und der europäischen Solidarität mit ihnen fragte sich Puschkin, ob alle "slawischen Flüsse" in ein "russisches Meer" münden, oder ob dieses austrocknen werde - und knüpfte dabei eine beunruhigende Verbindung zwischen Imperialismus und der weiteren Existenz des russischen Staates.

Puschkin ist kein Einzelfall

Verständnis für die Freiheitsbestrebungen anderer Völker, wie eben jene der Polen, war Puschkin stets fremd. Dass sich die polnischen Aufständischen - buchstäblich auch auf Russisch! - auf die Fahne geschrieben hatten, "für unsere und eure Freiheit" zu kämpfen, also nicht gegen das russische Volk, sondern gegen den zaristischen Despotismus, bewegte ihn nicht. Lieber schmeichelte er sich beim autokratischen Zaren ein und schrieb seinem eigenen Zensor gegen Ende des Aufstandes in einem Brief, man müsse die Polen zermalmen und es handle sich dabei um eine rein interne Angelegenheit. Der Besitzanspruch, der daraus hervorgeht, ist erschreckend und ähnelt in nicht geringem Maße dem jetzigen Anspruch der Russischen Föderation, sich in der Ukraine einzumischen.

Stellung gegen die Ukraine bezog Puschkin im Übrigen auch. Im Gedicht "Poltawa" stellte er den ukrainischen Nationalhelden Iwan Masepa Peter dem Großen gegenüber und ließ keinen Zweifel darüber entstehen, wer seiner Meinung nach das Recht auf seiner Seite hatte: der imperialistische Zar. Wie nicht zuletzt auch der Kaukasus wird die Ukraine nicht nur militärisch zu erobern versucht, sondern auch literarisch-kulturell in Russland "hineingeschrieben". Dafür braucht man Dichter, die sie als festen Bestandteil Russlands und die Masepas dieser Welt als verachtenswerte Verräter darstellen.

Puschkin ist kein Einzelfall. Bereits 2015 hat Michail Ryklin in der "Neuen Zürcher Zeitung" bestürzt darauf hingewiesen, dass der Autor Josif Brodskij, sicherlich kein Freund des Kreml, sich in womöglich noch beschämenderer Weise über die Ukraine geäußert hat. Sein Text "Auf die Unabhängigkeit der Ukraine" ist eine einzige Hasstirade gegen die Ukrainerinnen und Ukrainer, die er unter anderem als niederträchtiges Bauernvolk beschrieb. Nebenbei verwies er schadenfroh auf die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Und in der letzten Strophe behauptete Brodskij in besonders perfider Weise, die russische Kultur sei überlegen, denn auf ihrem Sterbebett liege den Ukrainern nicht die "Scheiße" des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko auf den Lippen, sondern die Gedichte Puschkins. Geh bitte!

Ryklin hinterfragt sich selbst im Hinblick auf solche Verfehlungen seitens des großen Brodskijs: "Bist Du denn Dir, fragt man sich, so sicher, dass du dem Großen-Bruder-Komplex, der imperialen Arroganz nicht erliegst?" Diese Frage russischen Kulturschaffenden der Vergangenheit und der Gegenwart zu stellen, ist nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig. Wir sollten uns fragen, wie es um Tolstoj steht, wie es mit Michail Bulgakows "Weißer Garde" aussieht und wie Fjodor Dostojewskis nicht gerade freundliche Äußerungen über Polen einzuordnen sind.

Man muss genau hinschauen

Soll man also den Boykottaufrufen folgen und Puschkin oder Brodskij aus den Regalen verbannen? Oder lieber geschichtsvergessen den politischen Gehalt russischer Literatur überlesen? Die Antwort liegt wohl im Bewusstsein, dass Großreichfantasien und die unangenehme russische Angewohnheit, anderen Völkern ihr Selbstbestimmungsrecht abzusprechen, nicht aus heiterem Himmel gefallen sind. Russische Autoren, auch Puschkin, haben diese in ihren Werken normalisiert. Die Lektüre ihrer Werke gibt einen Einblick in diese russische Tradition imperialistischen Denkens, die Zarenreich und Sowjetunion überdauert hat und dem Kreml heute die verlogene Begründung für seinen Krieg bietet. Recht haben Yücel und der deutsche PEN-Club in einer Sache: Man muss genau hinschauen.