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Die Sache mit der Teilzeit

Von Ulrike Famira-Mühlberger

Gastkommentare
Ulrike Famira-Mühlberger ist stellvertretende Leiterin des Wirtschaftsforschungsinstituts.

Der Anreiz für Frauen, ihre Arbeitsstunden auszuweiten, wäre nicht nur für den Wohlstand des Landes wichtig.


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Die Alterung der Gesellschaft beginnt die politischen Tagesthemen zu bestimmen. Der Arbeitsminister - konfrontiert mit einem Arbeitsmarkt, in dem die Baby-Boomer-Generation langsam den Arbeitsmarkt Richtung Pension verlässt - möchte die Anreize für Vollzeitbeschäftigung erhöhen. Das ist aus ökonomischer Sicht nachvollziehbar - der Wohlstand einer Gesellschaft hängt auch maßgeblich von der erbrachten Arbeitsleistung ab. Wir bewegen uns in eine neue Ära, nämlich eine Zeit mit geringen Arbeitslosenraten, steigenden Pensionszahlungen - und zeitlich etwas verlagert - steigenden Ausgaben für Gesundheits- und Pflegeleistungen. Diese steigenden Sozialleistungen müssen von einer geringer werdenden aktiven - aber in der Regel immer produktiveren - Erwerbsbevölkerung erwirtschaftet werden.

Der Arbeitsminister hat auch gefordert, dass Sozialleistungen vom Arbeitsausmaß abhängig zu machen sind. Das ist im Grunde schon der Fall. Neben den Universalleistungen (zum Beispiel Familienleistungen) und den einkommensgeprüften Sozialleistungen (zum Beispiel Sozialhilfe) kommt der größte Teil der Sozialleistungen aus dem Bereich der Sozialversicherungsleistungen (Arbeits- und Pensionsversicherung) - und diese sind nach Teilzeit entsprechend geringer.

Der Anteil der teilzeitarbeitenden Frauen ist in Österreich tatsächlich sehr hoch: Rund die Hälfte der Frauen arbeiten in Teilzeit, bei den Männern rund ein Achtel. Dies hat viel mit Anreizstrukturen und Rahmenbedingungen zu tun, die es zu diskutieren gilt. Teilzeitarbeit ist aber auch Ausdruck einer Flexibilisierung aufseiten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, aber auch aufseiten der Unternehmen. Viele Jobs werden deshalb nur in Teilzeit angeboten.

Fakt ist, dass ein großes Arbeitskräftepotenzial in Österreich vorhanden ist: So gibt es über 80.000 Nicht-Erwerbspersonen, die gerne erwerbstätig wären, und mehr als 200.000 Teilzeitbeschäftigte, die ihre Arbeitszeit ausweiten wollen. Und mit den richtigen finanziellen Anreizen (etwa durch eine Reduktion der Abgaben) würden wohl auch viele Ältere länger in Beschäftigung bleiben. Fakt ist auch, dass das Abgaben- und Steuersystem Sprungstellen hat, die problematisch auf den Anreiz, die individuelle Arbeitszeit zu erhöhen, wirken. Beispiele sind die Geringfügigkeitsgrenze, die gestaffelten Arbeitslosenversicherungsbeiträge oder die Steuerstufen.

Ein wesentlicher Hebel, die individuellen Arbeitszeiten zu erhöhen, ist sicherlich der Ausbau der Betreuung für Kinder unter zwölf Jahren. Dabei geht es nicht nur um die Verfügbarkeit, sondern auch um die Öffnungszeiten, die Schließtage, die Qualität und die Kosten. Und wenn Männer in höherem Ausmaß bereit wären, mehr Haus- und Betreuungsarbeit zu übernehmen und fair mit ihren Partnerinnen zu teilen, dann hätten sicherlich viele Frauen mehr Kapazität, ihre bezahlten Arbeitsstunden zu erhöhen. Von Zeitverwendungserhebungen wissen wir, dass Frauen insgesamt - also bezahlte und unbezahlte Arbeit - mehr Stunden leisten als Männer.

Wenn die hier diskutierten Punkte politisch angegangen werden, wird der Anreiz für Frauen, ihre Arbeitsstunden auszuweiten, sicherlich erhöht. Das ist auch wichtig, nicht nur für den Wohlstand des Landes, sondern auch für den individuellen Wohlstand und die eigene Existenzsicherung.

So eine Wirtschaft: Die Wirtschaftskolumne der "Wiener Zeitung". Vier Expertinnen und Experten schreiben jeden Freitag über das Abenteuer Wirtschaft.