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Die Schattenseiten der Bio-Idylle

Von Claudia Peintner

Wirtschaft
Trotz Rückgang der Öko-Gelüste gibt es einen Engpass an Bio-Lieferanten. Foto: bb

Konsumflaute: Nachfrage nach Bio- Nahrung rückläufig. | Politik-Kampagne: "Biobauer gesucht." | Wien. Ein Apfelbaum, der ganz ohne Spritzmittel gedeiht, eine Milchkuh, die an exakt 180 Tagen im Jahr unter freiem Himmel grast, und glückliche Hühner, die kein Legebatterien-Dasein führen. So idyllisch hört sich die Vorgeschichte von Bio-Produkten an. Und diese Idylle ließen sich die Österreicher bisher gerne etwas kosten. Doch jetzt scheint der Preisschub bei Nahrungsmitteln und der Konsumrückgang im Zuge der Finanzkrise auch vor Bio keinen Halt gemacht zu haben - der Bio-Boom ist für den Handel kein Selbstläufer mehr.


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Während die Österreicher 2007 noch um 8,2 Prozent mehr Bio-Nahrungsmittel kauften als 2006, schaut es für 2008 nicht rosig aus: Der Handel verzeichnete in den ersten acht Monaten einen Absatzrückgang (gemessen an der Menge) von 1,7 Prozent. "Die starke Umsatzsteigerung sehen wir heuer nicht mehr, die Konsumenten sind extrem vorsichtig geworden", sagt Rewe-Vorstand Werner Wutscher.

Auch der Diskonter Lidl verlautbart: "Der Absatz der Biolebensmittel erreicht nicht mehr so starke Wachstumsraten wie in den vergangen Jahren."

Ursprünglich plante die deutsche Bio-Supermarktkette Basic, rasant den österreichischen Markt zu erobern. "Alle zwei Wochen eine neue Filiale eröffnen", lautete die Expansionsstrategie noch im Jahr 2006. "Das war unrealistisch", gibt Stefan Wallner - er leitet einen der zwei österreichischen Basic-Märkte - mittlerweile zu.

Und auch Bio-Markt-Betreiber Stefan Maran verkündete noch vor einem Jahr, dass Wien Potenzial für 12 bis 13 seiner Bio-Filialen habe - geblieben sind es nach wie vor vier. Angesichts der zunehmenden Konkurrenz durch Diskonter & Co. lenkt Maran ein: "Bio-Filialen, die nicht langsam und gesund wachsen, werden sich verabschieden müssen." Hinzu käme, dass es kleinere Naturkostläden schwer haben, gut frequentierte Standorte zu finden.

Um dem Bio-Trend einen neuen Schub zu verpassen, setzt der Handel auf Produkt-Innovationen: Rewe und Spar holen vergessene Gemüse- und Obstsorten zurück ins Öko-Regal, Lidl erweitert sein Sortiment um Bio-Knabbergebäck und Bio-Limonade im Glas.

Achtung, Trittbrettfahrer

"Und einige versuchen es über ein ausgeklügeltes Marketingkonzept", weiß Lukas Schrattenthaler von Bio Austria. Er warnt vor Trittbrettfahrern: Wenn Verpackungen mit "gentechnikfrei" oder "aus Freilandhaltung" gekennzeichnet sind, stecke nicht automatisch Bio-Ware dahinter. Für Unmut sorgt in der Bio-Branche auch falsch deklariertes Getreide. Erst diese Woche kam ans Tageslicht, dass rund 500 Tonnen konventionell hergestelltes Tierfutter in Italien mit einem falschen Bio-Gütesiegel versehen und dann nach Österreich exportiert worden waren.

Trotz dieses Imageschadens hat weder Bio-Austria noch das Landwirtschaftsministerium etwas von einer Kaufunlust bei Biokost bemerkt. Im Gegenteil: Es mangle an Bio-Lieferanten, heißt es. Mit der Kampagne "Biobauer gesucht" will man mehr Landwirte zum Umsteigen auf Bio-Produktion bewegen. Derzeit gibt es in Österreich 20.000 Bio-Höfe, das sind 14 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe. "Bis 2010 soll die heimische Bio-Fläche von 16 Prozent auf 20 Prozent gesteigert werden", sagt Landwirtschaftsminister Josef Pröll.

Was er nicht sagt: Viele Bio-Bauern stehen dem skeptisch gegenüber. So berichtet ein Tiroler Lieferant, dass in einigen Regionen Tirols und Vorarlbergs Landwirte zwar als Bio-Betriebe registriert seien. Die nach Bio-Vorschriften produzierte Milch und das Fleisch würden bei der Verarbeitung aber aus logistischen Gründen mit konventionellen Produkten vermischt und damit billiger vermarktet. Im Endeffekt zahlen die Betriebe für die Bio-Bewirtschaftung um ein Drittel mehr, bekommen dafür aber keinen Bio-Zuschlag.

Hinzu kommt der zeitaufwendige Produktionsprozess. "Statt Dünger vom Fahrzeug aus zu spritzen - wie bei konventionellem Gemüse -, ist bei Bio nur Handarbeit erlaubt", betont der Landwirt. Die Gelder vom EU-Biotopf stünden in keinem Verhältnis zum investierten Aufwand.