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Die Schule: Ein unnatürlicher Raum harrt der Reform

Von Christoph Rella

Politik

Experten einig: "Klassen und Gänge reichen nicht". | "Wiener Zeitung", Bundesbeschaffung luden zum Dialog. | Wien. Um die Substanz hiesiger Schulen müsse man sich keine Sorgen machen. Und auch wenn viele Schulen in Österreich noch aus der Monarchie stammen, so erweise sich dieser vermeintliche Nachteil als Segen. Denn: Alte Schulen seien schon aus statischen Gründen in der Regel leichter adaptierbar; Umbau und Modernisierung damit billiger als ein Neubau.


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Mit dieser Aussage ließ der Geschäftsführer der Bundesimmobililengesellschaft, Wolfgang Gleissner, im Rahmen eines BBG-Expertendialogs aufhorchen, zu dem die Bundesbeschaffungsgesellschaft und die "Wiener Zeitung" geladen hatten. Dabei widmeten sich die Diskussionsteilnehmer der Frage, wie die Schule der Zukunft angesichts radikaler Änderungen in den Bereichen Pädagogik und Didaktik aussehen sollte und welche neuen Ansprüche sich damit an Architektur, Einrichtung und Lehrmittel ergeben.

Ein wichtiger Aspekt werde bei den Diskussionen über die Kosten von Schulbauten oft vergessen: Franz Friedrich vom Unterrichtsministerium wies auf die hohen Reinigungs- und Heizkosten der Gebäude hin. "Jeder Quadratmeter kostet".

Klassen reichen nicht

"Wiener-Zeitung"-Chefredakteur Andreas Unterberger, der die Diskussion moderierte, wies daraufhin, dass manche neuen Schulgebäude schon nach wenigen Jahren wieder abrissreif seien, wie die Wirtschaftsuniversität. Christian Kühn vom Institut für Gebäudelehre der TU Wien begründete das damit, dass viele Gebäude, die etwa in den 70er Jahren errichtet wurden, statisch voll ausgereizt seien. Es räche sich, dass man damals beim Schulbau gespart habe. In diesen Fällen sei ein Neubau oft sinnvoller.

Den Vorwurf, dass sich Architekten bei Schulbauprojekten selbst verwirklichen würden, wies Kühn zurück. Früher sei das Feld Technokraten überlassen worden, die nach einem engen Schema bloß Schulen mit "Klassen und Gängen" geschaffen hätten. Dabei sei die Norm einer Klasse mit 63 Quadratmetern unnatürlich. Die Schulen von heute müssen multifunktional sein", erklärte er. Nur sei die Planung aufgrund der zahlreichen Wünsche der Behörden und Pädagogen für Architekten schwierig.

Dass man auch von seiten der Politik mit dem Schulbau in Österreich "nicht fertig" sei, bestätigte Alfred Riedl vom Gemeindebund. Der Grafenwörther Bürgermeister weiß zwar, dass die demografische Entwicklung die Umorganisierung der Schulen im ländlichen Bereich erleichtere. Hingegen würden urbane Standorte an die Grenzen ihrer Kapazitäten stoßen. Es mangle dort zudem an freien Räumen für die Kinder, die Verbauung verhindere jede Erweiterung, so Riedl.

Harald De Zottis vom Tiroler Bildungsservice hob einen weiteren Vorteil der ländlichen Schulen hervor: Im Bürgermeister einer Gemeinde gebe es einen zentralen Ansprechpartner für die Schulen vor Ort. "Man weiß, zu wem man hingehen muss. Bei Bundesschulen ist das vielfach schwieriger", betonte De Zottis.

Aufgrund dieses Prinzips sei es am Land auch einfacher, die Schulen ordentlich auszustatten. So würden alle 400 Tiroler Volksschulen flächendeckend über Computergeräte und Internetanschluss verfügen. Was die Schule braucht, würden die Lehrer und Schüler immer noch am besten wissen, sagte De Zottis. "Die sind unsere Experten." Er musste freilich zugeben, dass die Anschaffung solcher Geräte meist nicht über die kostengünstigen Ausschreibungen der BBG erfolgen, sondern oft im Ort selbst.

Eine weitere Herausforderung an die Schule von morgen ist, so Friedrich, die Umstellung vieler Schulen auf Ganztagsbetrieb. Mehrere Diskussionsteilnehmer bemängelten das Fehlen von Freizeiträumen und Rückzugsräumen für kleinere Gruppen. Klassen und Gänge reichten nicht.

Schreibtische für Lehrer

Anachronistisch mute auch der Gedanke an, dass jeder Raum einer Schule einem fixen Zweck gewidmet sei, während bei einer multifunktionellen Nutzung zusätzliche Kapazitäten frei würden. Diese könnten beispielsweise den Lehrern zugute kommen, so Friedrich. Einen Schreibtisch für jeden Lehrer sieht er hingegen nicht als notwendig an.

Letztendlich komme es darauf an, ob sich Lehrer und Schüler in der Schule wohl fühlen, so Gleissner. Je angenehmer die Atmosphäre, desto höher sei auch die Produktivität.

In einem Punkt herrschte absoluter und überraschender Konsens: Die Kompetenzzersplitterung auf Bund, Länder und Gemeinden, das Auseinanderfallen von Zahler- und Besteller-Rolle sei absolut schädlich für die Zukunft einer guten Schule.