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Die schwarze Frauenstimme

Von Lutz Lischka

Politik

Sie war die erste schwarze Frau, die in den US-Kongress gewählt wurde; sie war die erste Schwarze, die in den Vorwahlen zur Nominierung des demokratischen Präsidentschaftskandidaten antrat; sie bezeichnete die eigene Partei-Nomenklatura als "versteinertes, geheiligtes System der Seniorität": Shirley Chisholm, die schwarze Frauenstimme Amerikas, starb dieser Tage im Alter von 80 Jahren.


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"Ich stehe heute vor euch als Anwärter für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten der Vereinigten Staaten. Ich bin kein Kandidat des schwarzen Amerikas, obwohl ich schwarz und stolz darauf bin. Ich bin kein Kandidat einer Frauenbewegung dieses Landes, obwohl ich eine Frau und ebenso stolz darauf bin. Ich bin auch kein Kandidat eines politischen Bosses oder einer speziellen Interessenvertretung. Ich bin der Kandidat des Volkes!"

In ihrer Antrittsrede zu den demokratischen Präsidentschaftsvorwahlen im Jahr 1972 brachte Shirley Chisholm ihr Persönlichkeit auf den Punkt: "Kämpfend, unbestechlich, ohne Boss!" lautete ihr Wahlkampfmotto.

Geboren in Brooklyn

Zu kämpfen hatte Shirley von Geburt an gelernt, als sie 1924 in Brooklyn, New York, als Tochter eines Vaters aus British Guinea und einer Muter aus Barbados auf die Welt kam. Die Eltern waren so arm, dass sie Shirley im Alter von drei Jahren zusammen mit ihren zwei Schwestern zur Großmutter auf Barbados in Pflege gaben. Shirley kam mit zehn Jahren nach New York zurück, die sieben Jahre in Barbados bezeichnete sie dennoch als entscheidende Basis für ihr weiteres Leben: "Dass ich schon als Kind fließend schreiben und lesen konnte, verdanke ich der britischen Erziehung auf Barbados!" schrieb sie in ihrer Autobiographie "The Good Fight".

Während ihrer Studienzeit musste sie sich nach einem ihrem Pädagogikstudium entsprechenden Job umsehen, das war damals nicht einfach und für Schwarze noch schwieriger. Nach vielen Absagen erhielt sie schließlich Arbeit in einem Kinderfürsorgezentrum in Harlem. Als sie zu Beginn ihrer politischen Karriere im Alter von 30 Jahren mit großer Mehrheit in die "New York State Assembly" gewählt wurde, setzte sie sich besonders für Behinderte und Arme ein: Sie unterstützte Gesetzesvorlagen, die behinderten Studenten die Aufnahme in die Universitäten erleichterten, und die häuslichen Angestellten eine Arbeitslosenversicherung zusicherten.

Ihre große Zeit begann 1968: Als erste Schwarze wurde sie in den amerikanischen Kongress gewählt, und wieder schlug sie den Gegenkandidaten, einen schwarzen Liberalen, mit einem Vorsprung von 70 zu 30 Prozent. Vorerst wurde sie entgegen ihre Interessen von der Elite des demokratischen Kongressflügels in ein Landwirtschaftskomitee abgeschoben. Den Vorwurf, an der Grenze zur Senilität zu agieren, wollten die Parteiobersten jedoch nicht auf sich sitzen lassen: Sie versetzten Shirley in ein Erziehungs- und Arbeitskomitee, ihr eigentliches Spezialgebiet.

Dennoch nahm sie sich weiterhin kein Blatt vor den Mund, auch nicht vor der eigenen Partei: "Ich verabscheue viele dieser liberalen Weißen aus dem Norden, die immer gut in Rhetorik sind, was Chancengleichheit in Jobs und Erziehung betrifft. Wenn aber die Zeit kommt, um im Komitee oder im Kongress Dampf zu machen, um etwas durchzubringen, sind viele dieser weißen Ritter abgängig."

1972 bewarb sich Chisholm für die Position des demokratischen Präsidentschaftskandidaten, eine Kandidatur, die wegen Geldmangels und fehlender Unterstützung sogar von der schwarzen Kongresslobby hauptsächlich als symbolisch angesehen wurde.

McGovern knapp unterlegen

"In diesem Land sagt man, dass jedermann in der Lage ist, für das Präsidentenamt zu kandidieren", schrieb sie in "The Good Fight". "Das war aber nie wahr. Ich kandidierte, weil die meisten Leute glaubten, dass Amerika nicht reif sei für einen schwarzen Präsidenten, und ebenso nicht reif für eine Präsidentin."

Chisholm gewann keine einzige Vorwahl, blieb aber bis zuletzt im Rennen, ehe sie mit nur 152 Stimmen George McGovern unterlag. Vielleicht wäre es aber dennoch besser gewesen, wenn sie an seiner Stelle für die Demokraten angetreten wäre: McGovern bescherte Richard Nixon einen Erdrutschsieg von 60,7 zu 37,5 Prozent.