Die Sprachen der Tiere

Von Eva Stanzl

Wissen

Einige wenige Mutationen gaben den Menschen die Macht der Worte. Doch auch Tiere sind clevere Kommunikatoren.


Sie hält ihr Miauen für ein furchteinflößendes Brüllen und im Katzenklo übt sie neue Techniken zum Verscharren von Leichen. Legt sie ihrem Besitzer einen toten Vogel zu Füßen, dann ist das kein Geschenk, sondern eine Warnung. Und wenn sie sich schnurrend auf der Tastatur des Computers niederlässt, ist das schlicht Heuchelei. Denn damit will sie nicht sagen "beachte mich", sondern ihren Besitzer eiskalt von der Außenwelt abschneiden. Die gemeine Hauskatze strebt nämlich nur eines an - die Weltherrschaft. Um das zu erreichen, würde sie sogar morden, wie im brüllwitzigen Comic "Woran du erkennst, dass deine Katze deinen Tod plant" des US-Humoristen Matthew Inman zu erfahren ist. So mancher Katzenfan fühlt sich an Szenen mit seiner felligen Freundin erinnert.

In Wirklichkeit können Katzen allerdings keineswegs machiavellistisch den Tod ihrer Besitzer planen. Auch handfeste Mordgelüste können sie nicht hegen. Das liegt aber nicht daran, dass sie dafür viel zu nett wären, sondern daran, dass sie ihren Jagdtrieb gar nicht so differenziert benennen. Katzen wissen nicht, dass das Wort Mordlust im Sinne von Lust auf Mord für etwas zutiefst Verwerfliches steht, das im Bezug auf die Menschlichkeit abzulehnen ist.

"Die Wort-Sprache des Menschen ist ein komplexes Gebilde aus Grammatik, kulturspezifischem und philosophischem Kontext, und dieses Umfeld kennen Tiere nicht - ich kann mit einer Katze oder mit meiner Hündin nicht philosophieren", sagt der renommierte Verhaltensforscher Kurt Kotrschal, Leiter der Konrad Lorenz Forschungsstelle in Grünau im Almtal. "Darin unterscheidet sich der Mensch auch im Wesentlichen von anderen Tieren: Er ist der Einzige, der seine Sprache mit einem reflektierenden Gehirn verbindet. Allerdings haben Tiere eine komplexe Symbolsprache."

Tiere zeigen, was sie wollen

Genau diese Symbolsprache lässt aber zumindest den Verdacht aufkommen, dass Hunde, Katzen, Raben oder Delfine wenigstens Vorläufer von Reflexionsfähigkeit besitzen. Untereinander kommunizieren sie nämlich auf eine Art und Weise, die weit über bloße Informationsweitergabe hinaus geht. Tiere können ganz genau zeigen, was sie wollen, eine Vielfalt von Emotionen ausdrücken und sogar Traumata erleiden. All dies könnte einem Reflexionsvermögen über das eigene Sein zumindest nahekommen.

In Fabeln und Märchen sprachen Tiere allerdings jahrhundertelang die Sprache der Menschen und verhielten sich wie sie. Oder die Menschen erlernten die Sprache der Tiere, wie etwa Doktor Dolittle, dem eine Papageiendame zu 498 Tiersprachen verhalf (an der 499., "Goldfisch", arbeitet er noch). Erst als der deutsche Zoologe Karl von Frisch die semantischen Besonderheiten der Tanzsprache von Honigbienen erkannte, entstand ein Verständnis für tierische Kommunikationssysteme. "Heute werden als Tiersprache die unterschiedlichsten komplexen Kommunikationsformen aller Tierarten bezeichnet. Sie können durch akustische, chemische, visuelle oder elektrische Signale, über Gebärden und ritualisierte Formen erfolgen", ist bei Wikipedia nachzulesen.

Bedeutet "Miau" nun aber "ich will hinaus", "ich habe Hunger" oder "mir ist fad"? Und stehen schnurren, murren und knurren für die drei Gemütszustände einer Katze? Wenn ja, wie ließe sich dann der Zwischen-Zustand des Maunzens erklären?

Obwohl Katzen keine Worte haben, ist ihre Sprache weitaus komplexer, als man annehmen könnte. Das Sprachrepertoire der Hauskatze umfasst neben dem bekannten Miau zehn unterschiedliche Lautarten, die aus insgesamt bis zu 100 Einzellauten bestehen. Hunde verfügen über nur zehn Einzellaute. Wilde Katzen kommunizieren meist über Körpersprache und Duftstoffe, domestizierte Tiere kommunizieren hingegen stärker mit Lauten. Außerdem schnurren sie nicht nur bei Zufriedenheit, sondern auch, um sich zu beruhigen, wenn sie sich unwohl fühlen.

Nicht nur Primaten, sondern auch Kolkraben sind stets bestens informiert. Sie gehen Partnerschaften fürs Leben ein, wissen über die Beziehungen der Mitglieder ihrer eigenen Gruppe und auch über jene in Nachbargruppen Bescheid, obwohl sie zu Letzteren lediglich Hör- und Sichtkontakt haben. Raben belauschen einander, streiten, empfinden Stress und haben eigene Töne, um ihre Jungen vor Feinden zu warnen. Delfine wiederum verständigen sich mit einer Klaviatur von Tönen innerhalb ihrer Gruppen. Da aber Klicklaute, Pfiffe und Schnattern zum Austausch von Zärtlichkeiten ungeeignet sind und bei der Jagd die Beute vertreiben, kommunizieren sie auch über Körperkontakt.

Manche Tiere weisen auch erstaunliche vorsprachliche Fähigkeiten auf. Die US-Forscherin Irene Pepperberg untersucht die Grundlagen von Sprache und Kommunikation und darin auch Unterschiede in der Gehirnfunktion zwischen Säugetieren und Vögeln. Ihre Studien mit dem Graupapagei Alex gelten als Meilenstein in der Sprachforschung. Nach 19 Jahren Training konnte Alex 200 Wörter aktiv äußern und etwa 500 weitere verstehen. Außerdem konnte er - begrenzt - zählen und Wünsche äußern. Alex’ Wortschatz und dessen gezielte Anwendung haben zu einer Neubewertung der kognitiven Fähigkeiten von Vögeln geführt. Seine Fähigkeiten betrachtet Pepperberg als vergleichbar mit jenen eines zweijährigen Kindes.

Auch Hunde können einzelne Wörter unterscheiden und auch Betonung und Satzmelodie wahrnehmen. Sie tun dies mit ähnlichen Hirnregionen wie Menschen, zeigten Untersuchungen in einem Magnetresonanztomographen von einer Gruppe um Attila Andics von der Eötvös Loránd Universität in Budapest. "Hunde besitzen einen passiven Wortschatz von zwischen 50 und ein paar 100 Wörtern. Wenn man mit ihnen spricht, verstehen sie auch die Bedeutung", erklärt Kotrschal: "Solche vorsprachlichen Fähigkeiten scheinen bei vielen Tieren verbreitet zu sein. Allerdings wird bei Hunden und Katzen vermutet, dass die differenzierte Lautkommunikaiton erst im Zusammenleben mit Menschen entstand."

Tecumseh Fitch, Leiter des Departments für Kognitionsbiologie der Universität Wien, sucht den evolutionären Ursprung der menschlichen Sprache bei den Lautäußerungen von Primaten. "Warum Affen nicht sprechen" beschrieb er mit Kollegen der Universität Princeton jüngst in "Science Advances". Die Forscher widerlegten die bis dahin akzeptierte These, wonach die nötigen stimmbildenden Organe fehlen. Sie untersuchten Kehlköpfe, Zungen und Lippen von Makaken. Das Fazit: "Für Affen wäre es ein Leichtes, viele verschiedene Sprachlaute zu produzieren, um daraus tausende unterschiedliche Wörter zu formulieren", erklärt Fitch. Dass dies noch nicht geschehen sei, liege an der Evolution des Gehirns.

"Eine einfache Form der Sprache hätte sich zu jedem Zeitpunkt der Evolution, ohne Änderung der Vokalanatomie, entwickeln können - auch zumal die Fähigkeit, einfache strukturelle Muster zu erkennen, nicht erst in der menschlichen Evolution entstanden ist", betont Fitch. Zuvor hatten er festgestellt, dass südamerikanische Totenkopfaffen musikalische Strukturen erkennen können, die den sprachlichen durchaus ähnlich sind.

Kommunikative Mimik

Einer anderen These zufolge hat sich die menschliche Sprache aus der kommunikativen Mimik heraus entwickelt, die das Lippenschmatzen der Makaken hervorbringt. Fitch und seine Kollegen haben entdeckt, dass es sich um ein komplexes Verhalten mit raschen, koordinierten Bewegungen von Lippen, Kiefer, Zunge und Zungenbein handelt. Sprechen ist eine ähnliche Abfolge in diesen Regionen, wobei ein durch die Stimmbänder erzeugter Grundton moduliert und zu Konsonanten und Vokalen geformt wird.

"Es gibt Befunde, wonach ein paar wenige Mutationen uns Menschen den Schlüssel dazu geliefert haben, relativ artikuliert zu reden. Dazu musste aber alles angelegt sein - es ist wahrscheinlich, dass sich das Gehirn erst zum aktiven Sprechen weiterentwickelt hat, als wir bereits dazu fähig waren", erklärt Kotrschal.

Auch die Anatomie könnte den Anstoß gegeben haben. Immerhin sind die Menschen die schwächsten Primaten: Sie können nicht springen wie Katzen, sind weniger muskulös als Affen und haben kein großes Gebiss wie der Wolf. Um bei der Jagd erfolgreich zu sein, mussten sie Allianzen schmieden, Strategien entwickeln und punktgenau kommunizieren.

Wer Sprache hat, kann sich unterhalten. "Menschen sind die Tiere mit der differenziertesten Emotionalität", hebt der Verhaltensforscher hervor. Kein Primat habe eine derart komplexe Gesichtsmuskulatur, lebe in gemischten Gefühlen und könne diese auch kommunizieren. So wie bei Wein- kennern, die immer besser werden darin, Aromen zu erkennen, je öfter sie diese verbal assoziieren, könnte auch die Wort-Sprache emotionale Komplexität ermöglichen. Immerhin hat Sprache keinen Sinn, wenn sie nicht - in konstruktivem oder destruktivem Sinn - als soziales Werkzeug verstanden wird.