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Die "Staubfrau" hat ihren Job verloren und leidet unter Angst

Von Michel Moutot

Politik

Bayonne - Marcy Borders hat nie wieder einen Fuß nach Manhattan gesetzt. Den ganzen Tag sitzt sie in ihrer Wohnung in Bayonne, einem Armenviertel in New Jersey. Auf dem gegenüberliegenden Ufer liegt die Halbinsel, auf der am 11. September das Trauma begann. Die 28-Jährige überlebte den Anschlag auf das World Trade Center - und lebt seitdem in ständiger Angst. Durch ein Foto der Nachrichtenagentur AFP wurde sie eine der prominentesten Überlebenden. Das Foto mit der Afroamerikanerin, die durch Staub und gelbe Rauchwolken um ihr Leben rennt, ging um die ganze Welt.


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Marcy Borders arbeitete im 81. Stockwerk. Zwölf Etagen über ihr brach das erste der beiden Flugzeuge ein. Kurz bevor das Gebäude in sich zusammenfiel, erreichte sie den Ausgang. "Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich gestorben wäre, dann hätte meine Tochter eine Entschädigung bekommen", sagt Marcy. Seit sie arbeitslos ist, lebt sie in Armut. Ihren Job in der Bank of America hat sie verloren, weil sie auf keines der neuen Stellenangebote eingegangen ist. Vor Monaten hat sie finanzielle Hilfe beantragt und zweimal 300 Dollar (340 Euro) vom Roten Kreuz bekommen - zu wenig zum Leben. Obwohl ihr Vermieter ihr eine Mietminderung von 50 Dollar im Monat gewährt hat, kann sie die Miete für ihre kleine Zwei-Zimmer-Wohnung kaum bezahlen. "Ich habe den Eindruck, man muss Angehörige eines Feuerwehrmannes oder Polizisten zu sein, um eine Entschädigung zu bekommen."

Das einzige, was ihr Freude macht, sind die vielen anteilnehmenden Briefe. Noch heute, sechs Monate nach dem Unglück, bekommt Marcy Post aus aller Welt. Viele Menschen ließ das AFP-Foto nicht mehr los. Wer die Adresse nicht kennt, schreibt einfach an "Marcy Borders, Überlebende des World Trade Centers, Bayonne, New Jersey, USA" und der Brief kommt garantiert an. Zeitungsartikel und TV-Interviews machten Marcy zu einer kleinen Berühmtheit. Manche schicken sogar einen Scheck - so wie Michael James aus dem britischen Bornemouth. "Hallo Marcy", schreibt er, "wie geht's? - Anbei ein Scheck über 500 Dollar." "Ob der schon verheiratet ist?", fragt Marcy. Sie lebt allein. Ihre neunjährige Tochter wohnt beim Vater. "Ich kann mich nicht mal um mich selbst kümmern, also auch nicht um sie."

Der Kühlschrank ist leer. Marcys Mutter bringt ihrer Tochter das Essen. Die junge Frau lebt in den Tag hinein. Meist liegt sie deprimiert auf dem Sofa und denkt an die schrecklichen Ereignisse des 11. September. Dann bricht sie in Tränen aus. "Manchmal möchte ich sterben", sagt sie. Der Fernseher bleibt stumm. "Früher lief er den ganzen Tag", erzählt Marcy. Heute erträgt sie die Bilder von Gewalt und Terror nicht mehr. "Ich habe Angst, dass das, was in Jerusalem passiert, auch hier passieren könnte."

Marcy weiß, dass sie professionelle Hilfe braucht. Aber ohne Krankenversicherung kann sie die Arztrechnungen nicht bezahlen. "Und in meinem Zustand kann ich nicht arbeiten", beschreibt sie den Teufelskreis. Dass sie als Überlebende Anspruch auf kostenlose psychologische Betreuung hat, wusste sie bisher nicht. Aber wenn sie zu einem Psychiater nach New York fahren müsste, würde sie es sowieso lieber sein lassen, sagt sie. Zu groß ist ihre Angst vor Tunneln, Brücken, Bahnhöfen und allem, was sonst noch als Zielscheibe für Terroranschläge dienen könnte. Am liebsten würde sie in irgendeinen abgelegenen Ort ziehen, wo es keine Wolkenkratzer, Flughäfen oder Atomkraftwerke gibt. Vielleicht in den nordöstlichen Bundesstaat Maine. "Aber da ist es ziemlich kalt, oder?"